Meine Meinung: Hört auf, die Todesstrafe auf Facebook zu fordern!

Stuttgart/Tübingen - Bevor Richard Schuh zum Raubmörder wurde, diente er im Zweiten Weltkrieg bei der Luftwaffe.

Eine Hinrichtungszelle im texanischen Huntsville. Hier wurden Häftlinge mit Injektionen getötet. (Archivbild)
Eine Hinrichtungszelle im texanischen Huntsville. Hier wurden Häftlinge mit Injektionen getötet. (Archivbild)  © DPA
Im Nachkriegs-Deutschland schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Dann kam der 28. Januar 1948: Schuh fuhr per Anhalter in einem Lastwagen mit. Nahe Herrenberg in Baden-Württemberg.

Spontan ermordete er den Fahrer, der ihn mitgenommen hatte. Der Grund: Der junge Mann wollte an die neuen Reifen, die am Laster montiert waren. Um sie auf dem Schwarzmarkt zu Geld zu machen.

Die Ermittler kamen ihm auf die Schliche, am 14. Mai 1948 verurteilte ihn das Landgericht Tübingen zum Tode. Am Morgen des 18. Februar 1949, um 6 Uhr, sauste schließlich das Fallbeil der Guillotine herunter und köpfte den 28 Jahre alten Mann.

An diesem Januarmorgen wurde aus dem Raubmörder Richard Schuh der letzte Mensch, der aufgrund eines zivilgerichtlichen Urteils in Westdeutschland exekutiert wurde. Wenige Monate später, im Mai 1949, trat das deutsche Grundgesetz in Kraft - und schaffte im Artikel 102 die Todesstrafe ab.

Warum ich Euch das erzähle? Weil ich auch heute, auf den Tag genau 70 Jahre nach der Hinrichtung von Richard Schuh, auf Facebook immer wieder eine Sache lesen muss: die Forderung nach der Todesstrafe in Deutschland.

Im Regelfall lese ich sowas unter Artikeln, welche die Emotionen hochkochen lassen. Wo es etwa um den Missbrauch von Kindern geht. Oder um schwere Gewaltverbrechen, etwa tödliche Messer-Attacken. Oder auch dann, wenn Menschen Tieren Schreckliches angetan haben.

Die meisten User haben sich dann im Griff. Sind zwar entsetzt über das Vorgefallene, denken aber etwa an die Opfer. Oder die Hinterbliebenen. Wünschen ihnen viel Kraft. Aber dann gibt es auch die andere Sorte Kommentare.

München: Mit dieser Guillotine wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 hingerichtet. (Archivbild)
München: Mit dieser Guillotine wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 hingerichtet. (Archivbild)  © DPA

Die, die sich in Gewaltfantasien ergehen. Die etwa dem Täter einen langsamen, schmerzhaften Tod wünschen. Oder lautstark fordern, dass man in Deutschland wieder die Todesstrafe bräuchte.

Mir ist schon klar: Auf Facebook ist man dank Fake-Accounts oder Fantasienamen oftmals recht anonym unterwegs. Da formuliert man vielleicht etwas greller, reißt das Maul weiter auf. Aber die Todesstrafe? Echt jetzt?!

Wenn ich solche User-Kommentare lese, dann gibt es für mich im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder da schreibt so ein Internet-Großmaul und lebt seine (Gewalt-) Fantasien per Keyboard aus - oder das Gegenüber meint es ernst. Ersteres ist schlimm. Letzteres jedoch erschreckend.

Denn mit dem Tod wurde nur wenige Jahre vor Richard Schuh nicht nur bestraft, wer gemordet hatte. Nein, da wurde auch hingerichtet, wer gegen das Nazi-Regime Widerstand leistete. Etwa die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Um nur mal ein prominentes Beispiel zu nennen.

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gehen Historiker im Dritten Reich "von weit über 30.000 Todesurteilen deutscher Gerichte aus." Zudem wurden demnach aus "Gefängnissen und Zuchthäusern (...) zusätzlich 15.000 bis 20.000 Justizhäftlinge 'zur Vernichtung durch Arbeit' in die Konzentrationslager überstellt."

Weltweit wurden nach Angaben von Amnesty International (AI) im Jahr 2017 mindestens 2591 Menschen zum Tode verurteilt. Hingerichtet wurden mindestens 993. Unter anderem in den USA oder Saudi-Arabien. Für China liegen laut AI keine Zahlen vor. Das Land halte Angaben zur Todesstrafe unter Verschluss: "Amnesty geht davon aus, dass dort weiterhin jährlich die Todesstrafe tausendfach verhängt und vollstreckt wird."

Ich bin heilfroh, dass die Todesstrafe in Deutschland vor fast 70 Jahren abgeschafft wurde. Und hoffe, dass die meisten derer, die in den Kommentarspalten ihre Wiedereinführung fordern, das nur im Affekt schreiben, weil ihnen angesichts schlimmer Vorfälle die Nerven durchgehen. Weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Schock und ihrer Wut.

Denn wer das ernst meint, der sollte dringend in Geschichtsbücher schauen. Dort sieht er, wo sowas letztlich hinführen kann.

TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.
TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.

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