"Blutlachen werden gar nicht mehr entfernt": So schlimm ist es an der "Tüte"

Weil die Situation an der Tüte immer schlimmer wird, will eine Psychotherapeutin mit ihrer Praxis wegziehen. Sie fühlt sich bedroht.
Weil die Situation an der Tüte immer schlimmer wird, will eine Psychotherapeutin mit ihrer Praxis wegziehen. Sie fühlt sich bedroht.

Bielefeld - Was ist nur an der Bielefelder "Tüte" los? Dass der Eingang zur unterirdischen Stadtbahn-Station am Hauptbahnhof oft von Obdachlosen und zwielichtigen Gestalten besiedelt wird, ist längst Alltag.

Auch Anwohner und Leute, die in der Herbert-Hinnendahl-Straße arbeiten, sind die Drogen- und Trinkerszene gewohnt. Jahrelang arrangierte man sich.

Das änderte sich vor rund anderthalb Jahren, meint eine dort ansässige Psychotherapeutin (43). "Die Behörden haben hier die Kontrolle verloren", sagt sie gegenüber der Neuen Westfälischen.

Mehrfach soll sie bereits von offensichtlich unter Drogen stehenden Männern bedrohlich angegangen worden sein. "Mir haben sich drei Männer in den Weg gestellt. Einem anderen habe ich mein CS-Gas direkt ins Gesicht gehalten, damit er mich in Ruhe lässt."

2016 kaufte die 43-Jährige das Reizgas zu ihrer eigenen Sicherheit. Sie fühlt sich immer unwohler. "Ich nehme es inzwischen jeden Morgen und jeden Abend in die Hand, wenn ich die 200 Meter zwischen Praxis und Parkhaus zurücklegen muss."

Obwohl die Probleme seit Jahren bekannt sind, seien die Grenzen der Zumutbarkeit mittlerweile überschritten. Die Stimmung werde immer bedrohlicher. "Am schlimmsten war es im November und Dezember 2016."

Die 43-Jährige ist überzeugt, dass man nur mit erhöhter Polizei-Präsenz und Alkoholverboten Herr über die Situation werden könnte.
Die 43-Jährige ist überzeugt, dass man nur mit erhöhter Polizei-Präsenz und Alkoholverboten Herr über die Situation werden könnte.

Damals wurde eine Kollegin der Bielefelderin überfallen und ausgeraubt. Ihren Parkplatz im Hinterhof gab die 43-Jährige deshalb auf: Zu unsicher sei der Platz geworden, weil dort im Dunkeln Drogen- und andere illegale Geschäfte abgewickelt werden.

"Das war mir zu gefährlich geworden." Aber auch tagsüber wird es schlimmer. Gebrülle und Schlägereien sind an der Tagesordnung. "Die Blutlachen auf den Wegen werden gar nicht mehr entfernt."

Doch nicht nur an der Tüte und im umliegenden Park geht es aggressiv zu, auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite an den Parkscheinautomaten ist man vor Pöbeleien nicht sicher.

Für eine Psychotherapeutin geschäftsschädigend! "Ein Patient hat mir eröffnet, dass er das nicht aushalten könne. Ich musste ihn an einen Kollegen weitervermitteln." Die Bielefelderin zieht jetzt die Reißleine: Sie sucht nach neuen Räumlichkeiten für ihre Praxis.

Die Polizei will übrigens keine Veränderungen und Auffälligkeiten bemerkt haben. "Wer sich bedroht fühlt, sollte die Polizei rufen", rät Polizeisprecherin Sonja Rehmert.

Die Psychotherapeutin glaubt, dass man nur mit verstärkter Polizeipräsenz und Alkoholverboten die Probleme in den Griff bekommen könnte.

Titelfoto: Andreas Frücht


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