Unbezahlte Überstunden: Leipziger Gastro-Mitarbeiter sollen Arbeitgebern eine Million Euro geschenkt haben

Leipzig - Der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zufolge sollen Leipziger Gastro-Mitarbeiter 2018 insgesamt 281.000 Überstunden geleistet haben. 44 Prozent davon seien unbezahlt, was einem "Lohn-Geschenk" von einer Million Euro entspreche. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hält das für populistisch.

Leipzigs Gastro-Mitarbeiter sollen 2018 insgesamt 281.000 Überstunden geleistet haben. (Symbolbild)
Leipzigs Gastro-Mitarbeiter sollen 2018 insgesamt 281.000 Überstunden geleistet haben. (Symbolbild)  © Dmitry Kalinovsky/123RF

Die Zahlen klingen besorgniserregend: 281.000 Überstunden sollen die Beschäftigten in Leipzigs Hotels und Gaststätten im vergangenen Jahr geleistet haben. 44 Prozent davon seien unbezahlt gewesen, was bei zwölf Euro Lohnkosten pro Stunde Einsparungen von einer Million Euro entspreche.

Die Zahlen würden aus dem "Überstunden-Monitor" hervorgehen, den das Pestel-Institut im Auftrag der NGG erstellt habe.

"Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 34 Prozent dieser Arbeitsplätze in Leipzig Minijobs", sagt NGG-Geschäftsführer Jörg Most. Problematisch sei dabei, dass Minijobber, die sogenannten 450-Euro-Kräfte, keinen Euro hinzuverdienen dürfen. "Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt – bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen", fordert Most.

Axel Klein, Geschäftsführer der Regionalstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Dresden hält diese Zahlen für "äußerst populistisch", wie er selbst sagt. "Es ist nicht das erste Mal, dass allgemeine Studien auf die Gastronomie herunter gebrochen werden. Natürlich stehen wir für faire Bezahlungen, aber die gibt es auch im Gastro-Bereich." Statt sich mit Zahlenspielen auseinanderzusetzen, wolle sich Klein lieber für die Industrie einsetzen.

NGG kritisiert: Dehoga werde sich "ein Eigentor schießen"

Der Dehoga weißt die Zahlen zurück.
Der Dehoga weißt die Zahlen zurück.  © Sergey Mironov/123RF

Der Dehoga steht derzeit vonseiten der NGG in der Kritik, die Bundesregierung dazu zu drängen, Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. „Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten“, so Most.

"Wir verlangen keine Erhöhung der Arbeitszeiten", sagte Klein dazu. "Wir wollen nur, dass Arbeitszeiten nicht linear verteilt werden." Statt täglich acht Stunden zu arbeiten, sollte es ermöglicht werden, Arbeitszeiten flexibler einzuteilen, so die Idee laut Klein.

Most zufolge werde sich der Verband mit seinem Vorstoß "ein Eigentor schießen". Er warnt, dass das Hotel- und Gaststättengewerbe durch die weitere Flexibilisierung an Attraktivität einbüßen könne. "Gerade junge Menschen werden dadurch verschreckt. Und das bei der – im Branchenvergleich – ohnehin schon besonders niedrigen Ausbildungsquote."

Der Dehoga werde sich mit seinem Vorstoß „ein Eigentor schießen“, so die NGG. Denn das Hotel- und Gaststättengewerbe könnte durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität einbüßen.“ Die bestehende Regelung der Arbeitszeit sei deshalb ein wichtiger Schutz der Beschäftigten.

Im Gastgewerbe sei es bereits heute gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. „In Tarifverträgen hat die NGG mit dem Dehoga vielfältige Arbeitszeitmodelle vereinbart. Zu viele Betriebe setzen diese aber gar nicht in der Praxis um, sondern wollen einen Freifahrtschein. Wir fordern die Unternehmen auf, sich an diese Regelungen zu halten und die Dienstpläne frühzeitig und verlässlich zu schreiben“, so Most.

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