Ökologisch genug? Die Wahrheit über Bioplastik

von Gina Gadis

Deutschland - Textilien aus Braunalgen, Geschirr aus Weizenplastik, Portemonnaies aus Kork - die Liste an Plastik-Alternativen ist lang - und das ist auch gut so! Biologisch abbaubare Plastiktüten gibt es mittlerweile schon in jedem Drogeriemarkt. Doch leider hat unser System noch große Probleme mit der Verarbeitung dieser "Kunststoffe", nachdem sie gebraucht wurden.

Gewohntes Bild in deutschen Bio-Mülltonnen: Die Plastiktüte wird einfach mit hinein geworfen.
Gewohntes Bild in deutschen Bio-Mülltonnen: Die Plastiktüte wird einfach mit hinein geworfen.  © Gina Gadis

Es ist Mittwochnachmittag, Zeit den Müll rauszubringen. Aus der Biomülltonne lächeln mich nicht nur alte Bananenschalen und Salatreste an, sondern auch gefüllte Plastiktüten und Biomülltüten.

Grmpf! Dass Plastiktüten dort nichts zu suchen haben, sollte doch eigentlich jedem klar sein. Außerdem könnte man davon ausgehen, dass es keine allzu große Mühe machen sollte, diese kurz auszuleeren und in den Plastikmüll zu werfen. Doch leider sorgen Biomülltüten für ein irreführendes Bild.

Denn wenn man von Biokunstsoffen spricht, kann das zwei Bedeutungen haben. Entweder es handelt sich um Kunststoff, der aus Maisstärke, Kartoffeln, Algen oder ähnlichen organischen Stoffen hergestellt wurde oder um biologisch abbaubaren Kunststoff.

Dieser muss nicht zwangsläufig aus nachwachsenden pflanzlichen oder tierischen Rohstoffen hergestellt sein, er braucht lediglich die chemische Struktur, um sich unter bestimmten Bedingungen in Kohlendioxid (CO2) und Wasser zu zersetzen. Solche "biologisch abbaubaren" Kunststoffe können also auch aus fossilen, nicht nachwachsenden Rohstoffen bestehen.

Also kann ich die biologisch abbaubaren Kunststofftüten für den Biomüll verwenden? Theoretisch ja, insofern sie nach EN 13432 oder EN 14995 zertifiziert sind und das Keimling-Zeichen tragen. Allerdings sind die wenigsten Kompostier- und Biogasanlagen für solche Materialien ausgelegt.

Sie verrotten nicht so schnell wie normaler Bioabfall und nur unter ganz bestimmten Bedingungen erfolgt der mikrobiologische Abbau schnell und zuverlässig. Das bedeutet, dass sie auch nicht für den Komposthaufen zu Hause geeignet sind, da dort andere Feuchte- und Temperaturbedingungen herrschen. Der Abbau dauert wesentlich länger und im fertigen Kompost bleiben Reste vorhanden.

Bio-Plastiktüten dürfen theoretisch nur dann mit in die Bio-Tonne, wenn sie bestimmten EN-Normen entsprechen.
Bio-Plastiktüten dürfen theoretisch nur dann mit in die Bio-Tonne, wenn sie bestimmten EN-Normen entsprechen.  © Gina Gadis

Außerdem werden sie größtenteils in der Abfallaufbereitung vor den Kompostierungs- und Vergärungsanlagen gemeinsam mit anderen Störstoffen aussortiert, da die Anlagen nicht zwischen konventionellen und abbaubaren Kunststofftüten unterscheiden können.

Sie sorgen also für unnötige Mehrarbeit, einen höheren Energieverbrauch und hinterlassen darüber hinaus noch weitere Restabfälle. Möchte man die Tüten ordnungsgemäß entsorgen, dann muss der organische Inhalt in der Biotonne und die Tüte selbst in der Gelben Tonne entsorgt werden. Dort gehören auch alle anderen biobasierten Kunststoffe hinein, zum Beispiel Verpackungsmüll.

Obwohl manche dieser biobasierten Kunststoffe theoretisch recycelbar sind, werden sie auch nicht von den Sortieranlagen des Gelben Sacks erkannt und somit landen diese außergewöhnlichen Kunststoffe (bislang noch) meist in der Verbrennung.

Durch Bioplastik entsteht zwar weniger CO2, allerdings haben sie ein höheres Versauerungs- und Eutrophierungspotential (kann Seen kippen lassen und Fischsterben begünstigen) aufgrund der landwirtschaftlichen Produktion der Rohstoffe. Leider bestehen Biokunststoffe bislang nur anteilig aus organischem Material und sind nicht zu 100% Bio.

Der große Hype um Bioplastik ist bislang also noch nicht so nachhaltig wie gedacht. Trotzdem schonen sie fossile Ressourcen und zersetzen sich in der Natur, auch wenn das etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Biokunststoffe sind also an sich eine gute und zukunftsfähige Lösung, allerdings müssen auch die vorhandenen Sortier- und Recyclinganlagen an die neuen Gegebenheiten angepasst und die neuen Kunststoffe noch weiter entwickelt werden.

Wer trotzdem nicht auf die Tüte im Biomüll verzichten will, sollte diese also - egal ob aus normalem Plastik oder Biokunststoff - entleeren und im gelben Sack entsorgen.

Nur Papiertüten oder auch (selbst gebastelte) Tüten aus Zeitungspapier können als Ersatz mit in der Biotonne landen.


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Gina Gadis engagiert sich für den Umweltschutz.
Gina Gadis engagiert sich für den Umweltschutz.  © Gina Gadis

* Über die Kolumnistin

Gina (25) ist geboren in Dresden und studierte in Freiberg Wirtschaftsingenieurwesen. Zwischen ihrem Bachelor und dem Master ging sie auf Reisen.

Knapp zwei Jahre bereiste Gina die Welt, zehn Monate davon war sie in Asien unterwegs. Hier kam es zu der Initialzündung: Denn vielerorts in Asien sind die Menschen nicht mehr Herr über die Vermüllung ihrer Orte.

Gina sammelte schon auf ihrer Reise Müll ein, öffentlichkeitswirksam begeisterte sie auch immer mehr Menschen in ihrer Heimat für das Thema.

Als sie zurück nach Deutschland kam (aktuell Masterstudentin in Darmstadt), verfolgte sie weiter die Müll-Thematik. Unter anderem schreibt sie diese Kolumne für TAG24.

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