Ungewöhnlicher Job: Was macht eigentlich ein Stadtschreiber?

Rottweil - Rottweil hat einen, Tübingen, Mannheim und seit Kurzem auch Ludwigsburg: Stadtschreiber sollen die Kultur bereichern. Was hat es mit dem Amt auf sich?

Thomas Perle schreibt auf seinem Laptop in Rottweil.
Thomas Perle schreibt auf seinem Laptop in Rottweil.  © DPA

Wenn Thomas Perle von seiner Zeit als Stadtschreiber in Rottweil erzählt, blickt er oft in ratlose Gesichter. "Viele denken, ich wäre ein Chronist und schreibe die Stadtgeschichte auf." Perle muss dann ziemlich weit ausholen.

Der 31-Jährige ist Schriftsteller und lebte bis Mitte Dezember im Rottweiler Konvikt, einem Internat, untergebracht in einem ehemaligen Jesuitenkolleg. Er hat dort eine kleine Schreibstube bezogen, "relativ spartanisch eingerichtet". Dusche und Toilette teilt er sich mit den Schülern. Perle hat sich hierher zurückgezogen, um an einem Prosaband und einem Theaterstück zu arbeiten. Er nennt das, was ihm Rottweil ermöglicht hat, "Herausspringen aus dem Alltag".

Stadtschreiber-Stellen wie seine sind eine Mischung aus Stipendium und Amt. Sie sollen für Autoren Freiräume schaffen, um in Ruhe an ihren Texten zu arbeiten, meist bei freier Logis und einem kleinen Honorar. Im Gegenzug sollen sich die Stadtschreiber einbringen - etwa Lesungen halten oder einen Schreibworkshop anbieten.

Immer mehr Städte locken die meist jungen Autoren mit solchen Posten, im Südwesten neben Rottweil etwa auch Tübingen, Mannheim und Ludwigsburg. Das kleine Örtchen Eisenbach im Schwarzwald sucht gar einen Dorfschreiber. Dafür müssen sie einiges an Geld in die Hand nehmen. Lohnt sich das?

Meist für drei Monate im Jahr leben die Autoren in den Städten. Sie logieren "im romantisch gelegenen ehemaligen Aufseherhäuschen am Stadtfriedhof" (Tübingen), in der Alten Feuerwache (Mannheim), in einer ehemaligen Kaserne (Ludwigsburg) oder in einer Ferienwohnung (Eisenbach). Zwischen 1000 und 1500 Euro monatlich sollen sie frei von finanziellen Zwängen machen.

Thomas Perle, Schriftsteller und Stadtschreiber steht in Rottweil auf dem Hochturm.
Thomas Perle, Schriftsteller und Stadtschreiber steht in Rottweil auf dem Hochturm.  © DPA

Eine der ältesten Stellen schreibt Rottweil aus. Seit 2001 wirbt man hier um Autoren, Perle ist der 18. "Man hat einfach wirklich Zeit zum Schreiben", sagt er. "Hier muss ich nicht einkaufen, kochen oder putzen." Zudem sei man sehr auf seine Wünsche eingegangen, er habe zum Beispiel ein paar Extra-Lesungen halten können.

Eigentlich lebt Perle in Wien. Als besonders inspirierend empfand er in Rottweil die Nähe zum Wald, wie er sagt. Oft spazierte er zum Bockshof, einem Park am Stadtrand. "Das hat mir etwa geholfen, als ich fürs Theaterstück einen Teil über die Karpaten geschrieben habe." Für ihn hätten sich die Monate als Stadtschreiber auf jeden Fall gelohnt. Er hoffe, dass dasselbe auch für Rottweil gelte: "Es ist ein Plus für eine Stadt, sich so etwas leisten zu wollen."

Ganz unstrittig ist die Ausgabe allerdings nicht. "Die Finanzierung stand immer wieder auf der Kippe", räumt Christiane Frank ein, die seitens des Rottweiler Kulturamts die Stadtschreiber betreut. Mehr als einmal habe der Gemeinderat signalisiert, die Stelle sei zu teuer. Rottweil fand einen Sponsor, der die Hälfte der Kosten trägt. Aber auch so plant Frank mit einem Budget von rund 6500 Euro im Jahr. Damit werden beispielsweise öffentliche Lesungen oder Fahrtkosten der Autoren gezahlt. "Rottweil leistet sich viel Kultur", sagt Frank. Das sei auch gut so. "Kultur ist ein Pfund, mit dem unsere Stadt über die Region hinaus wuchern kann.

Nach Ludwigsburg ist dieses Jahr erstmals eine Stadtschreiberin gezogen. "Wir haben schon lange damit geliebäugelt", sagt Wiebke Richert, Leiterin des Fachbereichs Kunst und Kultur. Mit dem 300-jährigen Stadtjubiläum und den Baden-Württembergischen Literaturtagen, die 2018 in der Barockstadt ausgerichtet wurden, war ein guter Anlass gefunden. "Ein künstlerisches Stipendium bringt einer Stadt den Blick von außen", sagt Richert. Das war Ludwigsburg demnach ein Budget von 8000 Euro wert. Ob es eine einmalige Sache bleibt, ist offen. "Ich als Kulturamtsleiterin fände es schön, wenn das Stipendium in einem bestimmten Rhythmus weitergehen würde."

Der 31-Jährige Stadtschreiber schaut über die Stadt Rottweil.
Der 31-Jährige Stadtschreiber schaut über die Stadt Rottweil.  © DPA

Auch andernorts sieht man die Stadtschreiber als Aushängeschild – und dabei will man sich möglichst von anderen abheben. In Tübingen sucht man gezielt nach Lyrikern.

Einen besonderen Output, etwa einen Text über die Stadt, erwarte man nicht, betont Dagmar Waizenegger, Leiterin des Fachbereichs Kunst und Kultur. "Wir möchten vor allem eines: junge Lyrikerinnen und Lyriker in ihrer Arbeit unterstützen. Wenn dann Tübingen am Ende in irgendeiner Weise als Motiv oder Gegenstand des lyrischen Schreibens auftaucht, freuen wir uns umso mehr."

Mannheim konzentriert sich auf Autoren von Kinder- und Jugendliteratur. Nach eigenen Angaben gab es dort bundesweit das erste Stipendium dieser Art. Auch hier baut man auf die Unterstützung von Sponsoren. "Kinder- und Jugendbücher sind für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen elementar", erklärt Bildungsbürgermeisterin Ulrike Freundlieb. Ihr sei es ein Herzensanliegen, diese Art von Literatur zu fördern.

In Eisenbach hebt man für Autoren die "Möglichkeit zum Rückzug für ungestörte Arbeit in idyllischer Landschaft" hervor. Im Gegenzug seien aus den Dorfschreiber-Stipendien viele "lebendige Beziehungen und Anregungen" entstanden.

Christiane Frank vom Rottweiler Kulturamt sucht am Ende des Gesprächs ein Zitat von Richard von Weizsäcker heraus, das ihrer Meinung nach die Sache auf den Punkt bringt. Es hing demnach lange in ihrem Büro: "(...) Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert."

Titelfoto: DPA


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0