Trick der Pharma-Industrie? Millionen Menschen über Nacht erkrankt

Fettleibigkeit wirkt sich negativ auf die Blutdruck-Werte aus.
Fettleibigkeit wirkt sich negativ auf die Blutdruck-Werte aus.  © Oliver Berg/dpa, Andreas Gebert/dpa

USA - In den USA sind die medizinischen Richtlinien für Bluthochdruck geändert worden. Damit haben Menschen schon ab einem Wert von 130 (systolischer Druck) zu 80 (diastolischer Druck) einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck.

Zuvor hatte der Grenzwert bei 140/90 gelegen. Entwickelt wurden die neuen Richtlinien von Experten des "American College of Cardiology" und der "American Heart Association".

Damit steigt die Zahl der von Bluthochdruck betroffenen Menschen in den USA mit einem Mal von rund 72 Millionen auf 103 Millionen - das ist knapp jeder dritte Bewohner.

Dass sich die medizinische Bewertung des Bluthochdrucks überhaupt verändert hat, geht vor allem auf die sogenannte Sprint-Studie zurück.

Sie wurde vor zwei Jahren in den USA veröffentlicht und kam zu dem Ergebnis, dass der Zielwert für den oberen systolischen Blutdruck sogar von 140 auf 120 gesenkt werden sollte.

Viele Experten kritisierten die Ergebnisse jedoch und warnen davor, dass eine zu starke Blutdrucksenkung zu Nierenversagen und vorzeitigem Tod führen könne.

Machen die neuen Blutdruck-Richtlinien in den USA aus gesunden Menschen kranke Patienten?
Machen die neuen Blutdruck-Richtlinien in den USA aus gesunden Menschen kranke Patienten?  © Jochen Lübke/dpa

"Den Empfehlungen der 'Sprint'-Studie hätte ich mich nicht anschließen können", sagte Yvonne Dörffel, Leiterin der Medizinischen Poliklinik der Berliner Charité.

Mit der jetzt in den USA vorgenommenen Änderung sei sie jedoch einverstanden: "Diese Senkung des Grenzwerts ist völlig vertretbar." Die Ärzte in Deutschland orientieren sich in ihrer Behandlungspraxis an den Leitlinien der Deutschen Hochdruckliga.

Würde auch hier der systolische Zielwert von bislang 140 auf 130 gesenkt werden, könnte die Zahl der Betroffenen in Deutschland ebenfalls deutlich steigen. Dann hätte nicht mehr jeder dritte, sondern jeder zweite Deutsche Bluthochdruck.

Man werde die neuen US-Richtlinien sehr genau prüfen, erklärte Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Das ist auch nötig, denn die Sprint-Studie ist hochumstritten und wurde sogar aus ethischen Gründen vorzeitig beendet.

Prof. Dr. Sverre Erik Kjeldsen von der Universität Oslo brachte seine Einwände gegen die Studienergebnisse bereits beim europäischen Kardiologiekongress 2016 auf den Punkt:

Es wurde "einfach verkündet, die Senkung des Blutdrucks unter 120 mmHg rettet Leben, bevor die wissenschaftliche Community die Chance hatte, die Studienergebnisse zu prüfen. Es gibt gute Gründe, die Validität der Ergebnisse in Zweifel zu ziehen", zitiert "Medscape" Kjeldsen.

Titelfoto: Oliver Berg/dpa, Andreas Gebert/dpa


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