Oma besucht die Enkel: Eltern vor Gericht

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Oma ist die Beste!
Oma ist die Beste!  © 123RF

Deutschland - Oma kommt! Ein Anlass zu großer Freude bei den Enkeln. Bei den Eltern macht sich jedoch die Furcht vor neuerlichen Erziehungsversuchen breit.

Es klingelt, die Meute öffnet und Oma betritt die Wohnung. Die Freude wird noch größer, als sie ihre Mitbringsel aus dem Beutel holt. Wie immer nur ein paar "Kleinigkeiten", meist in Form von lärmenden Plastikspielzeugen.

Als die Oma noch am Papa rumerzog, wären diese "Kleinigkeiten" ein exorbitantes Geschenk aus dem "Westen" gewesen, das mit dem Nebensatz "Da gibt es aber für den Rest des Jahres nichts mehr" überreicht worden wäre.

Oma setzt sich. Inzwischen hat sie es ganz gut überwunden, dass die Mütter ihrer Enkel mal nebenbei fallen ließen, wie anstrengend und schmerzhaft die Geburten waren. Sie habe da nicht so ein Drama draus gemacht, daran könne sie sich erinnern. Denn eins ist klar: Unsere Mütter brachten ihre Kinder still und erhobenen Hauptes, ohne großes Aufsehen, quasi nebenbei zur Welt. Sie gingen von der Werkbank kurz in einen Nebenraum, gebaren, brachten das Kind in die Krippe und kehrten an die Werkbank zurück.

Seitdem bemühen wir uns, das Thema "Geburt" bei Großelternbesuchen möglichst weiträumig zu umschiffen.

Oma schaut mit verklärtem Blick auf die reizenden Kinder. Sie ist hin und weg, dass ausgerechnet sie die schönsten Enkel der Welt hat.

Dann will sie vom Ältesten wissen, ob er denn schon das Buch gelesen habe, welches er Weihnachten bekommen hatte. Er schüttelt den Kopf. An seinem Gesichtsausdruck lese ich ab: Er erinnert sich nicht mal daran, dass die weihnachtlichen Geschenke-Flut auch ein Buch angespült hat. Oma ist enttäuscht: "Dein Papa hat schon in der 1. Klasse sein erstes Buch gelesen." Das mag schon sein. Nur hatte Papa nicht die Wahl zwischen Buch, Netflix, Playstation, Audible und und und.

In irgendeinem Enkel muss doch ein verstecktes Supertalent schlummern.
In irgendeinem Enkel muss doch ein verstecktes Supertalent schlummern.  © 123RF

Oma muss ihre Suche nach einem hochbegabten Enkel fortsetzen. Kandidaten hat sie ja genug. Als Leo beginnt, die Bälle zu zählen, die er aus dem Bällebad in den Raum feuert, keimt Hoffnung. In seinem Alter schon so weit zu zählen, da wächst doch ein zweiter Einstein heran. Blöderweise geht Leo ab Ball neun die mathematische Puste aus: "Sieben, Achtzehn, Dreißigzwei, Elf, Vierzig, Hundert" und stürzt damit wieder von hyperintelligent auf normaler Rotzlöffel.

Jack hantiert mit dem Kinder-Keyboard. Er drückt auf die Tasten. Es kommen ungeordnete Töne raus. Bei seinen Eltern fällt das unter Missachtung jeglicher Frühförderungsüberlegungen unter die Kategorie: "Kannst du den Lärm bitte im Kinderzimmer weiter machen."

Oma hingegen kommt ins Schwärmen, was für ein musisch begabtes Kind er sei. Anmeldung zum Supertalent ist so gut wie raus.

Und bis zu seiner Volljährigkeit wird er sich anhören dürfen, dass er - oder seine Eltern - zu wenig aus diesem Talent gemacht haben.

Inzwischen gibt es Kaffee und Kuchen. Bebo fuhrwerkt mit einem Löffel in seinem Stück Eierschecke herum. Bald sieht die Teigware gar nicht mehr schön aus und auch die gute Tischdecke wird erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Großmutter lässt mit "nein nein" Bebo wissen, dass seine Art der Kuchenzerstörung nichts mit der gewünschten makellosen Nahrungsaufnahme zu tun hat. Wir tun so, als würden wir das nicht bemerken, lassen Bebo gewähren und die arme Oma mit ihren Qualen angesichts hoffnungslos verlorenen Tischmanieren eines 14 Monate alten Kindes allein. Bei dem Blick, den sie mir zuwirft, fühle ich mich allerdings wieder so, als hätte sie mich gerade beim heimlichen Herumtoben in einem Abrisshaus erwischt.

Ich unterdrücke ein Gähnen. Oma nimmt das zum Anlass, das Thema zu wechseln. "Nun sag mal, was ist denn mit dir los?"

So ein großer Junge macht immer noch in die Windel?
So ein großer Junge macht immer noch in die Windel?  © 123RF

"Bebo hat uns in der vergangenen Nacht mal wieder ganz schön auf Trab gehalten", antworte ich und kenne schon die Reaktion: "Er schläft immer noch nicht durch? Also du und dein Bruder, ihr wart so liebe Kinder, ihr habt ganz schnell durchgeschlafen."

Dann nimmt sie den "nicht durchschlafenden" Bebo auf dem Arm. Und aus ihm wird im Handumdrehen der "noch in die Windeln machende" Bebo. Denn er stinkt. "Machst du denn immer noch in die Windel? So ein großer Junge! Der Papa hat in deinem Alter schon...."

Ich mache es kurz: Laut des elterlichen Gedächtnisprotokolls konnte der Papa mit wenigen Wochen laufen, war trocken, sprach fließend mehrere Sprachen, erkannte Hausnummern, löste hochkomplizierte Matheaufgaben, las alle relevanten Werke der Weltliteratur noch vor Erreichen der Pubertät.

Und trotzdem hat er aus subjektiv nicht nachvollziehbaren Gründen noch keinen Nobelpreis gewonnen, sondern es nur bis zum Schreiber einer Kinderkolumne gebracht.

PS: Die vier Jungs freuen sich schon wie Bolle auf den nächsten Besuch bei Oma. Da gibt es Geschenke, altmodische Spiele, Streicheleinheiten und lustige Geschichten über den Papa oder die Mama und den Onkel. Und trotz der Kritikpunkte und Enttäuschungen über Erziehung und Talente ihrer Enkel wird Oma noch wochenlang bei jeder ihrer Freundinnen und auch sonst jedem, den sie trifft, vorschwärmen, was für reizende und hübsche Enkel sie hat. Recht hat sie!

Personen und Handlung sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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