Autofahrt mit Kindern: Papa and the Furious

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, ist ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Typische Sisyphos-Arbeit: Vor Kinderfahrten das Auto reinigen.
Typische Sisyphos-Arbeit: Vor Kinderfahrten das Auto reinigen.  © DPA

Dresden – Ich liege völlig fertig auf dem Sofa und verarzte meinen Arm mit Kühl-Creme. Meine Selbstdiagnose: Staubsauger-Arm und Putz-Ellbogen. Aber dafür sind wir startklar für die Urlaubsreise. Denn ich habe das Auto reisefein gemacht.

War auch nur eine Tagesaufgabe. Von außen gewaschanlagt, gewachst, getrocknet, poliert. Der Innenraum entrümpelt: Dutzende Müllsäcke mit angebissenen Brötchen, leeren bis fast vollen Quetschi-Tüten, Keksresten, Schokoladenpapier, verschrumpelten Pommes, vertrocknetem Obst und vergessenen Spielzeugen aus Junior-Tüten oder Zeitungsbeigaben gefüllt.

Aus dem Spalt zwischen den Sitzen und der Mittelkonsole habe ich zu meiner Freude einen längst verloren geglaubten Schlüssel und eine Uhr gefischt. Und aus einem unschönen Klumpen, bestehend aus Gummibärchen und verschiedenen Schokoladenarten, 3,40 Euro in Münzen extrahiert. Zusammmen mit dem Pfand der im Auto gefundenen Einwegflaschen finanziert sich der geplante Ausflug so fast von allein.

Schließlich noch die Krümel und Sand von allen Spielplätzen zwischen Dresden und Berlin ausgesaugt und zu guter Letzt mit (LIVEHACK) Rasierschaum die Sitze von Flecken gereinigt, über deren Ursprung ich mich standhaft weigerte nachzudenken.

Jedenfalls ist das Auto jetzt in einem Zustand, in dem ich unter unbedenklichen hygienischen Bedingungen eine Reise antreten kann. Nichts Großes, nur zwei Stunden Fahrt in eine Erzgebirgshütte.

Hurra! Wir fahren in den Urlaub.
Hurra! Wir fahren in den Urlaub.  © 123RF

Trotz der kurzen Anfahrt wird so eine Reise akribischer geplant als ein Feldzug.

Die Theorie: Wir fahren extra zur Mittagsschlaf-Zeit los, nach wenigen Kilometern schlummern Bebo und im Idealfall die beiden Vierjährigen und werden nach entspannten zwei Stunden am Ziel wieder wach. Ausgeschlafen, ausgeglichen und gutgelaunt können sie dann über Wiesen und im Wald tollen.

Die Realität: Wie JEDES Mal, wenn die Jungs vor dem Auto stehen, beginnt die hitzige und immerwährende "Ich will vorne sitzen"-Debatte. Wie JEDES Mal ist die Antwort, dass dies das Vorrecht der Eltern ist. Jeder muss sich mit seinem zugewiesenen Platz zufrieden geben. Wie JEDES Mal sorgt das für unkonstruktive Kritik der Jungs an unserem Erziehungsstil.

Davon unbeeindruckt fahren wir los und immerhin, Bebo schläft wie geplant ein, wird aber nach einer halben Stunde zu genau jenem Zeitpunkt wieder wach, als die Vierjährigen fast weggenickt sind. Bebo beginnt rumzunörgeln und steigert sich in heftiges Geplärre. Wir halten, pampern und füttern ihn und tauschen die Plätze. Mama geht auf die Mittelbank, um Bebo zu versorgen und zu bespaßen. Leo kommt ausnahmsweise nach vorn. Das funktioniert natürlich nur mit dem Versprechen an seine (sich jetzt wahnsinnig ungerecht behandelt fühlenden) Brüder Albert und Jack, dass sie beim nächsten Mal vorn sitzen dürfen.

Sind jetzt seit zwei Stunden unterwegs - und das Ziel noch in weiter Ferne. Muss noch mal jemand pullern? Einhellige Antwort: Nein. Wir rollen vom Rastplatz. Nach 500 Metern müssen Leo und Jack völlig überraschend doch pullern. Sie können es nicht mehr aushalten. Nächste Abfahrt runter, am Waldrand halten, Jungs raus, Hosen runter, Puller auf Waldboden, einpacken. Weiterfahren. Zweieinhalb Stunden unterwegs.

Nach einigen Kilometern schallt es aus den Kindermündern: "Ich habe Hunger." "Und so einen schlimmen Durst." "Kann ich was essen?"

Jeder Parkplatz an der Strecke muss angesteuert werden.
Jeder Parkplatz an der Strecke muss angesteuert werden.  © DPA

Als um die Sättigung unserer Kinder stets bemühte Eltern sind wir selbstverständlich darauf vorbereitet. Schnittenbüchsen gefüllt mit belegten Brötchen, Stullen, Gurkenscheibchen, Möhrensticks, Apfelspalten.

DARAUF haben sie allerdings keinen Appetit. Denn der Grund für die im Auto grassierende Hungersnot war ein weithin sichtbares gelbes M am Rande der Autobahn. Sie erklären, dass ihr spezieller Hunger nur mit Pommes, Burgern, Nuggets und Spielzeugbeigabe gestillt werden könne. Ich nehme den drohenden Hungertod in Kauf und fahre an der zum amerikanischen Schnellrestaurant führenden Abfahrt vorbei.

Die Enttäuschung ist groß und ich bin der meistgehasste Erwachsene in diesem Auto. Trotzdem essen sie jetzt die Inhalte der Brotbüchsen. Zumindest teilweise, denn große Teile der Brote und ihrer Beläge werde ich bei der nächsten Autoreinigung wiedersehen.

Irgendwie kehrt aber doch eine Art Ruhe ein. Mit "Ruhe" meint man als Eltern übrigens nicht "Stille", sondern eine unter dem Lautstärkepegel einer Techno-Party liegende Geräuschkulisse.

Bebo schmeißt Spielzeuge quer durchs Auto, einer guckt ins Buch, einer hört Hörspiel, der neben mir sitzende Leo redet in einem fort.

Leo kann sehr viel reden. Sehr viel. Wirklich sehr viel. Das hat er von seiner Mutter. Seine Mutter liegt bei den mir bekannten Vielrednern auf Rang 4. Rang eins bis drei belegt Leo. Er kommentiert alles, was er sieht, alles, was er tut, teilt mir mit, dass er eine gelbe Planierraupe ist und will wissen, was ich bin. "Roter Bulldozer" "Was ist das?" "Eine dicke Planierraupe." "Ja, Papa, das bist du."

Nach dreieinhalb Stunden und zwei weiteren Pinkelpausen (pro Kind) kennen wir alle Rastplätze entlang der Strecke, haben aber unser Ziel erreicht. Die Jungs verschwinden im Wald und auf der Wiese. Ich räume das Gepäck aus. Der Innenraum sieht aus, als wäre er seit Monaten nicht aus- und aufgeräumt worden - und nicht erst vor 24 Stunden. Flecken, Essensreste, Verpackungen, Krümel. Sollte ich das jetzt noch schnell ausräumen? Ich schmeiße eine leere Zigarettenschachtel dazu, mache das Auto zu und finde mich mit dem Gedanken ab, vorerst mit einer rollenden Kindermüllhalde unterwegs zu sein.

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