Das Kind ist krank, aber wehe man sucht Hilfe im Internet

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Ist das Kind krank, fühlt man sich selbst schlecht und recht ratlos.
Ist das Kind krank, fühlt man sich selbst schlecht und recht ratlos.  © 123RF

Dresden - Das Kind hängt schon den ganzen Tag in den Seilen, ist sehr matt und nah am Wasser gebaut. Am Abend kommt es dann zur vollen Entladung: krank. Der Bauch tut weh, der Kopf auch, Fieber und, so behauptet er wenigstens, die Augen. Natürlich haben alle Ärzte längst Feierabend.

Mit bewährten Hausmitteln und Wadenwickeln gelingt es der Mama, den Kleinen nach langem Hin und Her zum Schlafen zu bringen. Morgen, so sind wir uns natürlich einig, geht es sofort zum Arzt.

Doch die Sorgen, um den Gesundheitszustand, oder besser das Krankheitsbild des kleinen Lieblings sind damit nicht weg. Ich schaue lieber nochmal in das große Buch der Kinderkrankheiten. Nicht, das wir hier die Sache zu nachlässig angehen etwas übersehen, was sofort behandelt werden muss. Wer kann schon ausschließen, dass es sich hier um keine wirklich ernsthafte Krankheit handelt?

Obwohl einer meiner Ex-Schwiegerväter in spe immer sagte, wenn Kinder so schnell sterben würden, existiere die Menschheit nicht mehr. Er muss es wissen. Er ist Arzt. Mich beruhigt das aber keineswegs. Ich schlage das vielhundertseitige Werk auf und gehe die Symptome durch: Bauchweh, Kopf- und Augen(?)schmerzen, Fieber - und habe ich da beim genauen Hinsehen nicht auch ein paar kleine Punkte am geschwächten Körper gesehen?

Diesen Fehler macht man nur einmal: Bei Kinderkrankheiten im Internet nach möglichen Diagnosen suchen.
Diesen Fehler macht man nur einmal: Bei Kinderkrankheiten im Internet nach möglichen Diagnosen suchen.  © 123RF

Lese alles, was dazu in Frage kommt. Nach und nach werde ich mir immer sicherer: Das Kind hat es wirklich schwer erwischt. Wahrscheinlich hat es nicht nur eine Krankheit, sondern gleich einen ganzen Schwarm.

Der Bauch? Könnte mit einem beginnenden grippalen Infekt zu tun haben. Oder doch eine Blinddarmentzündung? Nabelkoliken?! Würmer?! Harnwegsinfekt?! Blähungen!? Magen-Darm?! Werde langsam panisch. Hat er sich gar vergiftet? Auf dem Spielplatz die Köder eines Kinderhassers gegessen? Als ich die Fiebersymptome thematisierenden Seiten durcharbeite, wird es immer schlimmer. Bald gibt es keinen Zweifel mehr: Das Einzige, was er nicht hat, ist ein Kreuzbandriss.

Und wenn ich ganz tief in mir den Signalen meines Körper lausche, dürften bei mir auch Mumps, Ziegenpeter und Scharlach im Anmarsch sein. Mindestens. Wahrscheinlich habe ich sie unentdeckt von den mich immer mal wieder untersuchenden Ärzten seit Monaten verschleppt. Wird wohl die Mutter morgen mit uns beiden zum Doktor müssen.

Bevor es soweit ist, mache ich den schlimmsten Fehler, den man als Elternteil eines kranken Kindes begehen kann. Ich schaue lieber noch mal ins Internet. Genauer: In Elternforen, in denen es um die Ferndiagnose von Kinderkrankheiten geht.

Und das läuft in etwa so ab: Eine verzweifelte Mutter (seltener Vater) eröffnet ein neues Thema und erklärt, dass ihr Kind zum Beispiel unter laufender Nase und erhöhter Temperatur leidet - was das sein könne? Seitenweise malen daraufhin sich für sehr weise haltende Klugscheißer Horroszenarien an die Wand:

Alles halb so schlimm, beruhigt der Arzt.
Alles halb so schlimm, beruhigt der Arzt.  © 123RF

„Könnte ein Schnupfen sein, aber bei dem Sohn von der Freundin einer Bekannten meiner Arbeitskollegin hat es auch so angefangen, kurz darauf hat das Kind einen schlimmen Krankheitsverlauf erlebt, die Ärzte konnte nur noch wenig für ihn tun. Heute ist er ein Pflegefall.“

Egal, wie banal die Symptome für den ungeübten Hypochonder scheinen, es wird immer wieder empfohlen, so schnell wie möglich zum Arzt zu gehen und das abklären lassen. Denn es kann sich um das „Alarmsignal einer ernsthaften Erkrankung“ handeln.

Zwei Kinderkrankheiten-Foren später, kurz nach Mitternacht, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, dass mein Kind wirklich keinen Kreuzbandriss hat. Hat er nicht heute auch über Schmerzen im Knie geklagt? Das kann sich durchaus bis zum Bauchnabel ziehen! Auch die Aussage meines Ex-Schwiegervaters wirkt immer unglaubwürdiger. Bei den Beschwerden und Schmerzen, über die mein Sohn klagte, besteht laut Internet wahrscheinlich nur wenig Hoffnung. Meine Freundin will wissen, ob wir vielleicht doch lieber den Notruf wählen sollten, um den Kleinen so schnell wie möglich untersuchen zu lassen.

Versuche souverän zu wirken und sage ihr, dass dies nicht nötig sei. Was ich ihr verschweige: Nach der Lektüre des Buches und der Foren über hochkomplizierte Krankheitsverläufe, die auch nur mit Kopf- und Bauchschmerzen (von den Augenschmerzen fange ich lieber gar nicht erst an) begonnen haben, fürchte ich inzwischen, dass es sich kaum noch lohnt, überhaupt den Krankenwagen zu rufen.

Voller Sorge gehe ich nochmal ins Zimmer des Kranken. Er atmet noch. Scheinbar auch recht regelmäßig und das Fieber ist auch etwas gesunken. Ich muss auch langsam mal schlafen, lege dafür eine Matratze neben das Kinderbett. Nach unruhiger und ziemlich schlafloser Nacht geht es am nächsten Morgen gleich zum Arzt.

Der schaut sich meinen unter allen der Online-Welt bekannten Kinderkrankheiten leidenden Sohn an. Er hört ihn ab und kommt zu dem Schluss, dass es sich wohl um einen Infekt handeln müsse. Wir sollen es mal drei Tage beobachten und wenn es nicht besser wird, wiederkommen. Der Typ scheint sich der Ernst der Lage nicht bewusst zu sein. Er kennt wohl das große Buch der Kinderkrankheiten und die Elternforen nicht?

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