Als mich meine Kinder im Supermarkt zum Neonazi machten

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Sportliche Angelegenheit: Mal eben schnell noch ein paar Besorgungen mit den Kindern machen.
Sportliche Angelegenheit: Mal eben schnell noch ein paar Besorgungen mit den Kindern machen.  © DPA

Dresden - Auf der Heimfahrt informiere ich meine vier im Auto sitzenden Jungs: „Wir müssen jetzt noch mal in den Supermarkt.“ Diese Nachricht stößt bei den drei schon sprechfähigen Rackern auf heftige Ablehnung: "Warum müssen wir noch mal in den Supermarkt?“ "Ich muss noch einkaufen“, ist meine knappe wie logische Antwort. Jack kann das nachvollziehen: „Ah Papa, brauchst du noch Bier?“ „Auch.“

„Ich möchte einen Kindereinkaufswagen schieben“, stellt Leo jetzt eine konkrete Bedingung, unter der er bereit wäre, am Shoppen teilzunehmen. „Ich auch“, steigt Jack ein.

Wir fahren zum nächstgelegenen Supermarkt mit Kindereinkaufswagen-Anbindung. Ich erkläre noch mal die Regeln: Jeder darf sich EINE KLEINE Süßigkeit aussuchen. Nichts zu spielen! Dann entern wir den Laden. Jack und Leo liefern sich auf dem breiten Gang sofort ein Wettrennen mit ihren Wagen. Ich beginne die Einkaufsliste abzuarbeiten.

Bis mich das Geräusch eines Aufpralls unterbricht. Auf der Einkaufswagen-Rennbahn stand augenscheinlich ein Pappregal im Weg. Jedenfalls kippt es in Beisein meiner Kinder samt der in ihm promoteten Dauerwurst direkt auf den Hackenporsche einer alten Dame. Der fällt seinerseits durch die Wucht des Aufpralls um und sein Inhalt kullert heraus. Ich bitte höflichst um Entschuldigung.

Von den eigenen Kindern gebrandmarkt.
Von den eigenen Kindern gebrandmarkt.  © 123RF

Die Oma ist nachsichtig und antwortet charmant, dass die Kleinen wild sein müssen, sonst wären es keine „echten Kinder“. Bin sehr dankbar für ihre Toleranz, würde mir aber im Augenblick etwas weniger „echte Kinder“ wünschen. Jack, Leo und ich helfen ihr, die „gute Butter“, Cervelatwurst, Wurzelgemüse, Milch, fünf Mini-Weinflaschen und Harzer Käse zurück in ihren Einkaufstrolley zu packen.

Albert steht unterdessen an den Schütten, in denen die Wochenangebote ausgebreitet sind. Leider gibt es heute sehr viel Spielzeug. Ich bin fertig mit Unfallschäden beräumen und bereit meinen Einkauf fortzusetzen. Da kommt Albert auf mich zu. In der Hand hat er ein Experimentier-Set für junge Detektive. „Guck mal Papa, das ist echt cool. Da kann man richtig viel lernen.“ Lasse ihn wissen, dass ich da ganz seiner Meinung bin.

Er zündet jetzt die zweite Argumentationsstufe: „Wenn ich das hätte, könnte ich viel experimentieren, statt Minecraft zu spielen." Muss ich ihm lassen: nicht schlecht. Aber lehne es trotzdem ab, das Ding zu kaufen. Es verstößt gegen unseren Eine-kleine-Süßigkeit-Pakt. Ich fotografiere es aber mit dem Versprechen, bei seinem Geburtstag dran zu denken. Der Speicher meines Telefons dürfte inzwischen zu mehr als der Hälfte gefüllt sein mit Fotos von Geburtstagswünschen meiner Jungs.

Was wollte ich hier nochmal? Ach ja, einkaufen. Wo verdammt nochmal ist der Einkaufszettel? Hinter meinem Rücken räumt Bebo jauchzend jene Waren aus dem Wagen, die in seiner Reichweite liegen. Äußerlich gelassen, tief ein- und ausatmend, sammle ich sie wieder ein und lege sie diesmal so, dass er nicht mehr rankommt. Was er mir mit einem mittleren Wutausbruch quittiert.

Die Rapper von K.I.Z.
Die Rapper von K.I.Z.  © DPA

Unterdessen ist Jack schon eine Weile aus meinem Sichtfeld verschwunden. Ich habe aber in den vergangenen Jahren gelernt: Kinder kommen nicht so schnell abhanden, schon gar nicht in einem Supermarkt. Suche also nicht. Kurz darauf höre ich, dass er und Leo sich gefunden haben.

"Papaaa. Paaapaaa. Wir haben Bier für dich." Als sich unsere Wege kurz vor der Kasse kreuzen, hat jeder von ihnen ein „PJ Masks - Pyjamahelden“-Set im Einkaufswagen und einen Six-Pack-Bier. "Hier Papa, haben wir für dich eingekauft." Ringe kurz mit mir, die Spielzeuge für diesen cleveren Bestechungsversuch in ihren Wagen zu lassen, lasse sie aber doch zurückbringen. Schmollend und den Tränen sehr nahe schimpfen sie auf ihren "Pups-Papa" und dass sie "noch NIE ein Spielzeug gekauft bekommen haben". Das sind dreiste Fake-News, verursachen aber naturgemäß bedauernde Blicke bei den anderen Kunden.

Nun die letzte Hürde: Der Zeitungsstand vor den Kassen. Im Blickfeld der Kinder liegen verkaufswirksam die Druckerzeugnisse für die Kleinsten. Der Inhalt ist in der Regel scheißegal, denn auf allen ist ein Spielzeug als Kaufanreiz draufgepappt. Irgendein Werkzeug oder Pfeil und Bogen oder Taschenlampen, Lupen, kleine Autos. Allen ist gemein: Die Kinder wollen sie haben und sie gehen in der Regel schon beim Auspacken kaputt.

Jeder will eine Zeitung. Albert eine mit Lego, Jack mit „Thomas der Lokomotive“ und Leo mit Bobs originaler Bohrmaschine! Alle drei reden jetzt gleichzeitig auf mich ein. Glaube, langsam wirke ich auch nach außen nicht mehr wirklich entspannt. Ringe mit mir, zu einem der im Kassenbereich erhältlichen Wodka-Gorbatschow-Flachmänner zu greifen.

Ich weise sie nochmal darauf hin, dass die Spielzeuge ganz schnell kaputt und sie dann traurig sind. „Dann haben wir ja noch die Zeitung zum Angucken.“ Das Argument zieht bei mir. Sie kennen mich. Wir einigen uns auf den Kompromiss, sie legen ihre ausgesuchten Süßigkeiten zurück und bekommen dafür die Zeitungen.

Während wir an der Kasse anstehen und unseren Gedanken nachhängen, öffnet Leo plötzlich seinen Mund und lässt lautstark alle Wartenden wissen, welchen Gedanken er gerade nachhing: „Adolf Hitler ist echt cool“. Stille. Mir wird ganz braun vor Augen. Jack legt nach: „Ja, echt cool. Papa, was ist ein Nazigott?“

Alle starren mich an. So sieht also ein Neonazi in freier Wildbahn aus. Und dann hat der auch noch vier Kinder! Trotz meines intensiven Wunsches tut sich die Erde unter mir nicht auf. Alternativ versuche ich locker zu bleiben, die Sache als Kindermund wegzulächeln, merke aber, wie rot und uncool ich werde und schwöre mir: Nie wieder werde ich im Autoradio mit den Kindern etwas anderes hören als den „Traumzauberbaum“ oder „Geschichtenlieder“.

Schon gar nicht die Playlist mit K.I.Zs „Ich bin Adolf Hitler“, was im Prinzip eine gerappte Version von „Er ist wieder da“ ist. Erklären kann ich das hier nicht und der Erdboden unter mir bleibt geschlossen. Mir wird voller Verachtung das Wechselgeld hingeworfen. In diesem Laden brauche ich mich so bald nicht mehr blicken lassen.

Zu meiner Überraschung steht zu Hause der Verfassungsschutz (noch) nicht vor der Tür.

Und beim Auspacken der Einkaufsbeutel und dem Abgleich mit der gerade in Bebos Jacke wieder aufgetauchten Einkaufsliste werde ich sogar ein klein wenig stolz: Es fehlen nur Kaffee, Waschmittel, Nutella und Sandwich-Toast.

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