Papa, warum headbangst du nicht?

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, ist ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Dresden - Was tut man als Vater nicht alles, um seinen Jungs eine Freude zu machen. Ich zum Beispiel war mit meinem zehnjährigen Albert auf einem Konzert. Ohne ihn wäre ich nie auf die Idee gekommen, dort hinzugehen, weil dieser Teil des Musik-Kosmos‘ sich bislang gänzlich außerhalb meiner Kenntnis abspielte.

KISS steht seit 1974 auf der Bühne, wenn auch mit wechselnder Besetzung.
KISS steht seit 1974 auf der Bühne, wenn auch mit wechselnder Besetzung.  © Wikimedia Llann Wé

Nicht etwa zu einem YouTube-Star oder einer jener fröhlich-poppig, mit dem Holzhammer pädagogisch wertvoll daher singenden Kindercombos.

Auch nicht bei einem Rapper für vorpubertierende Vorstadtkids à la Capital Bra (ja ich musste auch erst nach ihm googeln). Nein. Albert hat seit geraumer Zeit ein Faible für Heavy-Metal- und Punkbands der ganz alten Schule.

Und damit meine ich die ganz ganz alte Schule. Also Musiker, die schon betagt waren, als ich noch jung war.

Vor einigen Monaten fuhren wir durch die Stadt, als Albert ein Plakat auffiel. Es kündigte die Abschiedsweltournee von KISS an.

"Papa da will ich hin", stand für ihn fest. Ich nickte geistesabwesend, mit der Überzeugung: Das legt sich wieder. Wie sich herausstellte, tat es dies nicht. Es handelte sich um keinen jener kindstypischen Wünsche, die eine Halbwertzeit von einmal drüber Schlafen haben.

Nein, Albert war nicht davon abzubringen. Er musste zum KISS-Konzert und er verdiente es sich mit besonderen Zusatzleistungen in Schule und Haushalt redlich.

Während der Wartezeit bis zum Tag des Konzertes nervte er mich im Autoradio mit Songs dieser Band, von der ich übrigens dachte, sie sei längst ausgestorben. Ich meine, ihr Gründungsjahr liegt vor meinem Geburtsjahr. Nicht viele Jahre aber ein paar sind es schon.

Wie der Komparse eines Hooligan-Films

Altrocker waren in der Waldbühne genug am Start und mein Sohn (10, nicht im Bild).
Altrocker waren in der Waldbühne genug am Start und mein Sohn (10, nicht im Bild).  © privat

Und dann gibt es hier einen Zehnjährigen, der im Begriff ist, sich zu ihrem größten Fan aufzuschwingen. Wo die Liebe hinfällt. Ich kannte übrigens keinen ihrer Songs. Bis auf den Einen, den jeder kennt: "I was made to loving you", allerdings ohne zu wissen, dass er von KISS ist.

Also sind wir auf dem Weg nach Berlin zur Waldbühne. Er im Kiss-Shirt und mit Nietenarmband, ganz klassischer Rocker. Ich zu seinem Fremdscham weit weniger standesgemäß mit Polo-Shirt, Hosenträgern und New-Balance-Schuhen, wie der Komparse eines Hooligan-Films.

"Es ist der Wahnsinn, dass ich später mal sagen kann, ich habe noch ein Konzert von KISS gesehen. Ich meine die lösen sich danach auf", altklugscheißt Albert begeistert vor sich hin.

Ich merke ihm seine Nervosität deutlich an. Er steuert gerade auf das aufregendste und größte Erlebnis seines noch jungen Lebens zu. Am Einlass zeigt er seine Karte und ist dabei so voller Stolz. Er wird durchgewunken und beginnt vor Freude zu tanzen.

Nicht wie ein harter Mettler, sondern wie ein Zehnjähriger. Ich möchte meinen kleinen Jungen in den Arm nehmen und drücken. Aber ich kann mich zurückhalten und erspare ihm diese Peinlichkeit vor all den Altrockern und schwarz-weiß-geschminkten Superfans, die er gerade wahrscheinlich deutlich angesagter findet, als mich.

"Dann wollen wir mal ordentlich zu Heavy Metal abrocken", höre ich mich ernsthaft sagen. Bei diesem Papa-tut-cool-Satz hätte ich ihn auch gleich umarmen können. Geduldig klärt er mich auf, KISS spiele Glamrock! Das ist wohl so eine Art Unterkategorie von Heavy Metal.

Kosten am Rande der Privatinsolvenz

Für ihr Alter legten die vier Kiss-Stars eine ordentliche Show auf die Bühne (Archivbild).
Für ihr Alter legten die vier Kiss-Stars eine ordentliche Show auf die Bühne (Archivbild).  © DPA

Wir gehen zu den Merchandising- und Catering-Buden. Angesichts der Preise für ein Tour-T-Shirt (40 Euro), ein alkoholfreies Getränk (5 Euro) und ein Bier (5,50 Euro) rechne ich schnell durch, dass ich inklusive des Eintritts und der Anreisekosten wohl nach diesem Trip Privatinsolvenz anmelden kann.

Dann suchen wir uns Plätze, perfekte Sicht auf die Bühne und nach langer nervöser Wartezeit kommen die alten Herren in bester Helene-Fischer-Manier auf die Bühne geschwebt und reißen eine zweistündige Show runter.

Selten war der abgedroschene Satz so treffend: Für ihr Alter eine beeindruckende Leistung. Muss dennoch zugeben, ich fand es ungefähr so aufregend, wie Albert sein erstes und einziges Fußballspiel.

Umgedreht war er so aufgedreht, wie ich im Stadion. Gemeinsame Erlebnisse basieren bei uns nicht unbedingt auf gleicher Interessenlage. "Papa, warum headbangst du nicht?", ermahnt er mich.

Er wirkt enttäuscht von seinem Außenseitervater. "Ich habe keine langen Haare."
"Das geht auch mit kurzen“, klärt er mich auf. Ich headbange dennoch nicht. Beginne aber, mich zur Musik zu bewegen, imitiere ihm zu Liebe sogar eine Art Luftgitarre.

Ein echtes gemeinsames Vater-Sohn-Erlebnis

Bei diesem Vater-Sohn-Ausflug gingen die Rockerfäuste hoch.
Bei diesem Vater-Sohn-Ausflug gingen die Rockerfäuste hoch.  © 123RF

Doch ihn dabei zu erleben, wie er abgeht und seinen Kopf mit seinen extra monatelang gewachsen Haaren schüttelt, dazu die Hand zur Faust geballt, den Zeige- und den Kleinen Finger abgespreizt, wie er Halt bei mir sucht, wenn er dabei das Gleichgewicht verliert und mich in den Pausen zwischen den Songs glücklich anstrahlt.

Wie er nach dem Konzert vollkommen fertig und überwältigt von all den Eindrücken noch umher rennt, um Konfetti und Luftschlangen einzusammeln, die zum Konzertfinale aus Kanonen unters Fanvolk geschossen worden waren, und diese für ihn so bedeutenden "Sammlerstücke" mir zur sicheren Verwahrung gibt.

Für dieses Erlebnis und dieses Gefühl in mir gehe ich jederzeit gerne wieder auf ein Konzert, das mich nicht die Bohne interessiert und mich an den Rand der Privatinsolvenz treibt.

Denn wie lange wird er überhaupt noch solche Erlebnisse mit seinem Papa teilen wollen? Und mal ehrlich, es hätte mich schlimmer treffen können.

Er hätte auch Fan irgendeines YouTubers, von Capital Bra oder Andrea Berg werden können ;). Aber ich will mich nicht zu früh freuen, es wachsen ja noch drei Jungs und deren Musikgeschmack nach...

Titelfoto: 123RF

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