Pilotprojekt: Sanitäter sollen Notärzte entlasten und Kosten senken

Vechta - Um Notärzten den Rücken für lebensrettende Einsätzen frei zu halten und Kosten im Rettungswesen zu senken, haben die Stadt Oldenburg und die Landkreise Ammerland, Cloppenburg und Vechta am Mittwoch ein Pilotprojekt gestartet.

Gemeindenotfallsanitäter Alexander packt seinen Notfallrucksack auf die Rücksitzbank seines Einsatzfahrzeugs.
Gemeindenotfallsanitäter Alexander packt seinen Notfallrucksack auf die Rücksitzbank seines Einsatzfahrzeugs.  © DPA

Gemeindenotfallsanitäter sollen künftig in Fällen zum Einsatz kommen, bei denen ein Transport in eine Klinik nicht erforderlich ist. Die Einsatzzahlen im Rettungsdienst steigen seit Jahren, dabei sind nach Expertenschätzung rund 30 Prozent davon keine echten Notfälle, sagte Herbert Winkel (CDU), Landrat des Landkreises Vechta. Bundesweit hätten sich die Kosten für die Rettungswageneinsätze zwischen 2008 und 2018 auf 2,1 Milliarden Euro verdoppelt.

Das zwei Jahre lang laufende Projekt wird wissenschaftlich von den Universitäten Oldenburg, Maastricht und dem Klinikum Oldenburg begleitet. Bevor die Gemeindenotfallsanitäter eingesetzt werden, müssen die Fachkräfte eine dreimonatige Ausbildungsphase durchlaufen.

Es müssen Notfallsanitäter sein, die mindestens fünf Jahre Berufserfahrung im Rettungsdienst mitbringen und wenigstens 25 Jahre alt sind, sagte Projektsprecher Oliver Peters vom Malteser-Verband Oldenburger Münsterland. Vorbild sei ein vergleichbares Projekt in den USA, bei dem enorme Kosteneinsparungen nachgewiesen wurden bei gleichzeitig hochwertiger Patientenversorgung.

Gemeindenotfallsanitäter könnten auch ein Mittel sein, um die bestehende Unterversorgung in vielen Regionen Deutschlands zu verringern, sagte Peters. Die Betriebskosten eines Rettungswagens betrügen pro Jahr 500.000 Euro, ein Gemeindenotfallsanitäter koste pro Jahr nur 350.000 Euro.

Damit die Rettungswagen nicht unnötig mit Blaulicht losfahren, sollen die Notfallsanitäter im Oldenburger Land zum Einsatz kommen.
Damit die Rettungswagen nicht unnötig mit Blaulicht losfahren, sollen die Notfallsanitäter im Oldenburger Land zum Einsatz kommen.  © DPA

Derzeit müssen die Disponenten in den Leitstellen den Notarzt schicken, auch wenn gar kein Arzt notwendig wäre - entweder wird ein Rettungswagen geschickt, oder die Leitstelle entscheidet sich dagegen.

Seitens des Landes gibt es keine Zahlen über die Entwicklung der Einsatzzahlen der Rettungsdienste, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Die Krankenkassen sowie die beteiligten Rettungsdienste erwarteten durch das Projekt eine Eindämmung der Einsätze im Rettungsdienst und eine zukünftig deutliche bessere Struktur des Rettungsdienstes.

"Das Innenministerium begrüßt und begleitet diese Initiative ausdrücklich. Hiermit wird ein neuer Weg zur optimaleren präklinischen Versorgung der Bevölkerung beschritten", hieß es aus dem Ministerium.

Das Projekt der Gemeindenotfallsanitäter sei eine mutige Idee, um der Entwicklung von immer mehr Rettungseinsätzen und den überfüllten Notaufnahmen der Krankenhäuser entgegenzuwirken, sagte der AOK-Unternehmensbereichsleiter Jens Tiedemann: "Wir sind der Überzeugung, dass es in Zukunft diese und mehr mutige Ideen braucht, um die Gesundheitsversorgung von heute in ein zukunftsfähiges System zu überführen."

Beim Städte- und Gemeindebund Niedersachsen will man das Projekt aufmerksam beobachten. "Der Disponent hat eine ganz große Verantwortung - er muss letzten Endes herausfinden, ist das ein Fall, in dem ein Arzt rausfahren muss oder nicht", sagt Verbandssprecher Thorsten Bullerdiek.

Um auf Nummer sicher zu gehen, werde der Verantwortliche sicher den Notarzt lieber einmal zu viel rausschicken als einmal zu wenig. So müsse man erst einmal schauen, ob das Projekt überhaupt die erhofften Effekte bringe. "Wenn es funktioniert, ist es sicherlich auch für andere Regionen interessant."

Die steigende Zahl von Rettungseinsätzen hänge auch mit der Hausarztversorgung auf dem Land zusammen, meint Bullerdiek: "Es ist die Frage, ist ein Hausarzt schnell erreichbar - und damit haben Sie oft Probleme auf dem Land."

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