Rosenmontags-Anschlag mit 61 Verletzten: Fake News überschatten schreckliche Tragödie

Volkmarsen/Berlin - "Halten Sie sich zurück mit Spekulationen." Das twittert die Polizei in Nordhessen keine zwei Stunden, nachdem ein 29-Jähriger mit seinem Auto in den Rosenmontagszug in Volkmarsen (TAG24 berichtete) gefahren ist. Es ist eine aussichtslose Bitte der Behörde. Denn obwohl die Hintergründe des Vorfalls zu diesem Zeitpunkt noch unklar sind, gibt es im Netz schon die krudesten Falschnachrichten.

61 Menschen im Alter von 2 bis 85 Jahren wurden bei der Gewalttat verletzt.
61 Menschen im Alter von 2 bis 85 Jahren wurden bei der Gewalttat verletzt.  © dpa/Uwe Zucchi

Die sozialen Medien werden mit ganz eigenen Theorien über Täter, Motivation oder Verantwortlichkeiten vergiftet. Noch während Polizei und Rettungskräfte versuchen, der Lage Herr zu werden, heißt es etwa, es handele sich bei der Tat in Volkmarsen um einen islamistischen Terroranschlag. Die nicht näher genannten Quellen dafür: "ausländische Zeitungen".

Außerdem kursieren Fotos, die angeblich die Festnahme des Täters zeigen. Dieser Fake ist so erfolgreich, dass die Polizei später öffentlich klarstellen muss, dass es sich auf dem Bild "definitiv nicht um den Täter" handele. Häufig zielen erfundene und unbelegte Thesen auf die politischen Ränder.

"Menschen mit extremen politischen Ansichten sind anfälliger für Verschwörungstheorien", sagt Literaturprofessorin Nicola Gess von der Universität Basel. Wenn die Fake News dem Weltbild des Lesers entsprechen, fallen sie auf besonders fruchtbaren Boden. So musste zum Beispiel die AfD im süddeutschen Waiblingen auf Facebook zurückrudern, weil sie ohne zu prüfen einen verschwörerischen Artikel zum Fall in Volkmarsen verbreitete, der die Polizeiversion negierte.

Schon bei dem mutmaßlich rassistisch motivierten Anschlag in Hanau gab es wildeste Spekulationen. Dort hatte ein psychisch kranker Deutscher neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Doch im Netz lassen sich noch immer ganz andere Varianten finden: Die Tat habe kein Einzeltäter begangen, sondern ausländische Clans.

Mal war ein Bandenkrieg für die tödlichen Schüsse verantwortlich, mal ein Geheimdienst. Alles falsch. Alles unbelegt. "Es lässt sich beobachten, dass Fake News besonders nach Krisenereignissen florieren", sagt Kommunikationswissenschaftler Tilman Klawier von der Universität Hohenheim.

Auch bei Gleisattentat in Frankfurt kursierten Falschmeldungen durchs Netz

Ein Polizeibeamter geht am Dienstag über den Tatort.
Ein Polizeibeamter geht am Dienstag über den Tatort.  © dpa/Uwe Zucchi

Er beschäftigt sich mit sogenannten alternativen Medien, die vorgeben, im Gegensatz zu etablierten Nachrichtenformaten die vermeintliche Wahrheit aufzudecken. Nach Ansicht des Experten werde gerade die unsichere Lage ausgenutzt.

"Das Bedürfnis nach Informationen ist weit verbreitet, auch unter normalen Mediennutzern", sagt die Hamburger Journalistikprofessorin Katharina Kleinen-von Königslöw. Deshalb konsumieren die Menschen in Krisensituationen vermehrt Nachrichten.

Etablierte Medien sind, um Spekulationen zu vermeiden, auf gesicherte Quellen wie etwa die Polizei angewiesen. In der Frühphase eines Ereignisses sind die Behörden aber häufig selbst noch mitten in den Ermittlungen, oder dürfen bestimmte Angaben etwa aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht herausgeben.

In solche Lücken stoßen die Verbreiter von Falschbehauptungen. "Das Informationsvakuum wird strategisch gefüllt", so Kommunikationswissenschaftlerin Kleinen-von Königslöw. Rückblick Juli 2019: Im Frankfurter Hauptbahnhof werden ein achtjähriger Junge und seine Mutter vor einen ICE gestoßen.

Im Netz taucht ein Foto und der Vorname des getöteten Kindes auf - doch: die Aufnahme geistert schon Jahre durchs Netz, der Name ist erlogen. Aber: Es reicht, dass die Erfindung real wirkt. "Bei Fake News geht es nicht um Wahrheit, sondern um Plausibilität", sagt Literaturwissenschaftlerin Gess.

Falschnachrichten mit langer Haltbarkeit - trotz Richtigstellungen

Der Screenshot zeigt eine Stellungnahme der AfD-Gruppe im Gemeinderat Waiblingen zu einer gelöschten Fake News.
Der Screenshot zeigt eine Stellungnahme der AfD-Gruppe im Gemeinderat Waiblingen zu einer gelöschten Fake News.  © Facebook/AfD-Gruppe im Gemeinderat Waiblingen

Eine Falschnachricht funktioniere am besten, wenn sie den Leser emotional einbeziehe. "Sie bietet ihm eine Identifikationsmöglichkeit", erklärt Gess. Die Sprache von Fakes sei häufig mehrdeutig.

Falschnachrichten haben eine lange Haltbarkeit, selbst dann noch, wenn die Polizei weitere Informationen veröffentlicht. "In der Regel ist die Fake News interessanter als die Richtigstellung", sagt Kleinen-von Königslöw.

Dabei verfangen die Lügen häufig, wenn sie die eigene Weltanschauung bestätigen. "Dann ist es auch egal, welche offiziellen Informationen herausgegeben werden", so Klawier.

Aber warum erfinden Menschen Dinge? Einerseits kann es schlicht der schnöde Mammon sein: mehr Klicks, mehr Werbeeinnahmen. Wichtiger scheint aber die politische Dimension: gezielt Stimmung machen und Feindbilder schüren. Kleinen-von Königslöw meint: Wenn viele Möglichkeiten im Raum stünden, werde die Wahrheit nebensächlich.

"Es ist bekanntermaßen die Strategie rechter Netzwerke, das Vertrauen in Journalismus und in die Behörden zu schwächen."

Titelfoto: dpa/Uwe Zucchi


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