Was wird aus dem "Führerturm"?

Stadthistoriker Sandro Schmalfuß (38) vor dem Marathonturm.
Stadthistoriker Sandro Schmalfuß (38) vor dem Marathonturm.

Von Doreen Grasselt

Chemnitz - Die Diskussion um den Abriss des Marathonturmes im Sportforum (MOPO24 berichtete) verschärft sich. Im Amtsblatt hatte OB Barbara Ludwig (54, SPD) begründet, warum der Turm im Gegensatz zu anderen Denkmälern (Viadukt) nicht zwingend erhalten werden muss. Denkmalschützer sind verärgert.

Demnach sei das Viadukt ein Denkmal mit funktionaler Bedeutung, das die Bahn jahrelang vernachlässigt habe, und eine wichtiger Verkehrsader der Sachsen-Franken-Magistrale.

Der Marathonturm hingegen, die OB nennt ihn „Führerturm“, sei funktionslos mit zweifelhafter Geschichte und auch nicht Teil der ursprünglichen Sportstätte gewesen.

„Erst mit Ausbau der Anlage zu einer Aufmarschstätte der NSDAP für Tausende Nazis kam der Befehlsturm dazu“, so die OB.

Quatsch!, meint Stadthistoriker Sandro Schmalfuß (38): „Alte Aufnahmen zeigen, dass die ursprüngliche Südkampfbahn bereits als Stadion geplant war. Da gab es schon ein Turmgebäude.“ Denkmalschutz funktioniere nicht nach politischer Ideologie.

Das Stadtoberhaupt hält dennoch daran fest, das marode Denkmal abreißen zu lassen.

Von Doreen Grasselt

Mit zweierlei Maß gemessen

Was macht ein Denkmal erhaltenswert? Eine lupenreine Entstehungsgeschichte, einmalige Bauelemente oder Funktionalität? Laut OB Ludwig muss wenigstens das letzte Kriterium erfüllt sein.
Denn den „Führerturm“ allein nur auf das Dritte Reich zu reduzieren, ist kein Argument. Immerhin war das Stadtbad - ebenfalls ein Bauwerk des berühmten Architekten Fred Otto - zu seiner Eröffnung 1935 ebenfalls Naziaufmarschstätte (selbst Gauleiter Mutschmann durfte da nicht fehlen). Nun erfüllt das Stadtbad jedoch im Gegensatz zum Turm eine Funktion, ebenso das Viadukt. So sieht es jedenfalls die Stadtchefin und schimpft auf die Bahn, die das Viadukt 25 Jahre lang vernachlässigt habe.
Dabei vergisst die OB aber, dass die Stadt den Stadionturm auch über Jahre hat vergammeln lassen. Sie verlangt von einem Denkmal Funktionalität, das die Stadt längst abgeschrieben hat. Die Bahn für Fehler zu kritisieren, die das Rathaus selber macht, ist Messen mit zweierlei Maß.

Fotos: Sven Gleisberg


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