Trotz Warnung vor "totalem Krieg": Trump macht Erdogan den Weg frei

Washington - Die USA gewähren der Türkei freie Bahn für eine Offensive gegen kurdische Milizen in Nordsyrien - und lassen damit ihre Verbündeten im Stich. US-Truppen begannen im Morgengrauen mit dem Abzug aus der syrisch-türkischen Grenzregion, wie der Sprecher der von Kurdenmilizen dominierten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) am Montag bestätigte.

Recep Tayyip Erdogan hat erneut eine Militäroffensive in Nordsyrien angekündigt - und diesmal geben die USA ihm freie Bahn.
Recep Tayyip Erdogan hat erneut eine Militäroffensive in Nordsyrien angekündigt - und diesmal geben die USA ihm freie Bahn.  © Uncredited/Pool Presidential Press Service/AP/dpa

Auf Twitter schrieb Mustafa Bali, die USA ließen damit zu, dass die Gegend zum Kriegsgebiet werde. Er warf ihnen vor, ihren Verpflichtungen nicht nachzukommen und verlangte eine Erklärung.

Die YPG-Kurdenmilizen waren im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein enger Verbündeter der USA. Die Türkei sieht in der YPG, die an der Grenze Gebiete beherrscht, eine Terrororganisation. Sie will entlang der Grenze eine so genannte "Sicherheitszone" unter ihrer alleinigen Kontrolle.

Dort will Präsident Recep Tayyip Erdogan auch Millionen arabische Flüchtlinge unterbringen, die derzeit in der Türkei und Europa leben.

Erdogan hatte am Samstag gesagt, die Türkei stehe kurz vor einem Militäreinsatz in Nordsyrien (TAG24 berichtete).

Sonntagabend telefonierte Erdogan mit US-Präsident Donald Trump. Das Weiße Haus signalisierte daraufhin am frühen Montagmorgen, dass sie sich einer Offensive nicht in den Weg stellen werde. Fast gleichzeitig begann an der Grenze der US-Abzug.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, die US-Kräfte seien aus den Städten Ras al-Ain und Tall Abyad nahe der türkischen Grenze abgezogen. Sie warnte vor einem "totalen Krieg".

Was geschieht mit IS-Kämpfern?

Türkische und amerikanische Panzerfahrzeuge patrouillieren in der so genannten "Sicherheitszone" auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei, nahe der Stadt Tall Abyad im Nordosten Syriens.
Türkische und amerikanische Panzerfahrzeuge patrouillieren in der so genannten "Sicherheitszone" auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei, nahe der Stadt Tall Abyad im Nordosten Syriens.  © Baderkhan Ahmad/AP/dpa

US-Präsident Trump verteidigte die Kehrtwende am Montag auf Twitter. Es sei an der Zeit, aus diesen "lächerlichen endlosen Kriegen" herauszukommen und "unsere Soldaten nach Hause zu bringen", schrieb er.

Es sei nun an der "Türkei, Europa, Syrien, Iran, Irak, Russland und den Kurden", die Situation zu lösen. "Wir sind 7000 Meilen entfernt und werden IS erneut niederschlagen, wenn sie irgendwo in unsere Nähe kommt."

Wann die türkische Offensive beginnt, blieb offen. Bis Dienstag ist Erdogan in Serbien und es gilt als unwahrscheinlich, dass eine Offensive beginnt, solange der Präsident außer Landes ist.

Er will zudem die Entwicklungen in der Region mit US-Präsident Trump in der ersten Novemberhälfte in Washington besprechen. Ob er bis dahin auf den Militäreinsatz verzichtet, blieb unklar.

Offen blieb auch die Frage, was mit den IS-Kämpfern in der Hand der Kurdenmilizen geschieht. Trump schob die Verantwortung für diese Kämpfer nun den Kurden, Europäern, Türken, Russen und Staaten der Region zu.

Das Weiße Haus erklärte, die USA würden sie nicht festhalten, denn es könne um Jahre und große Kosten gehen. Deutschland, Frankreich und andere Herkunftsländer der Kämpfer hätten sie trotz des Drucks aus Washington nicht zurückgewollt.

"Die Türkei wird jetzt für alle IS-Kämpfer in der Gegend verantwortlich sein, die von den Vereinigten Staaten über die vergangenen zwei Jahre nach der Niederlage des örtlichen Kalifats gefangen genommen wurden."

Gefängnisse an der Grenze zur Türkei

Donald Trump (li.) im Gespräch mit Recep Tayyip Erdogan (re.).
Donald Trump (li.) im Gespräch mit Recep Tayyip Erdogan (re.).  © Pablo Martinez Monsivais/AP/dpa

Erdogan sagte dazu am Montagvormittag vor der Abreise zu einem Besuch in Serbien, die Zahlen der Kämpfer in Gefängnissen seien "etwas übertrieben". Man überlege derzeit, wie mit ihnen umzugehen sei.

Nach Schätzungen des US-Militärs befinden sich rund 10.000 IS-Kämpfer in teils improvisierten SDF-Gefängnissen. Darunter sind nach Angaben der Bundesregierung etwa 40 deutsche Kämpfer und rund 70 Frauen mit 120 Kindern.

Mehrere Gefängnisse befinden sich in der Nähe der Grenze zur Türkei. Zudem gibt es im Nordosten Syriens zahlreiche Flüchtlingslager mit schätzungsweise mehr als 70.000 Menschen.

Das Generalkommando der SDF in Syrien warnte, eine türkische Offensive in Syrien werde "einen großen negativen Einfluss" auf den Kampf gegen den IS haben und "alle Stabilität zerstören, die wir in den vergangenen Jahren erreicht haben".

Das Generalkommando rief "Araber, Kurden und Assyrer" auf, sich zusammenzuschließen und das "Heimatland gegen die türkische Aggression zu verteidigen".

Trumps Entscheidung, der Türkei freie Bahn in Syrien zu gewähren, ist eine krasse Änderung seiner Syrien- und Türkeipolitik. Noch im Januar hatte Trump der Türkei die wirtschaftliche Zerstörung angedroht, sollte sie die YPG angreifen.

Titelfoto: Baderkhan Ahmad/AP/dpa, Uncredited/Pool Presidenti

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