Wundermittel Wasserstoff: Ist das Sachsens Zukunft?

Grimma - Großer Bahnhof im Muldental: Am Donnerstag fährt hier erstmals ein durch Wasserstoff und Brennstoffzellen angetriebener Personenzug über sächsische Gleise. Diese Technik ist wegen zu hoher Kosten zwar noch nicht serienreif, aber sie könnte der aus Umweltgründen dringend benötigte Antrieb der Zukunft sein.

Brennstoffzellen-Professor Thomas von Unwerth (li.), hier mit Kristin Meyer, Karl Lötsch und Felix Rudolf, baut ein Netzwerk mit sächsischen Forschern und Firmen auf.
Brennstoffzellen-Professor Thomas von Unwerth (li.), hier mit Kristin Meyer, Karl Lötsch und Felix Rudolf, baut ein Netzwerk mit sächsischen Forschern und Firmen auf.  © Peter Zschage

Damit dieser Zug eines Tages nicht abgefahren ist, will Sachsen bereits jetzt Vorreiter bei der Brennstoffzellen-Technik sein. Und die Chancen stehen für das traditionelle Autoland gar nicht schlecht.

Neben der üblichen Polit- und Wirtschaftsprominenz durften sich auch normale Randleipziger für die Premierefahrt des Zuges bewerben - die Tickets waren flugs vergeben.

Denn Grimma sehnt sich nach einem brauchbaren S-Bahn-Anschluss. Weil die Strecke nach Leipzig nicht elektrifiziert ist, gibt es nur einen unzuverlässigen Betreiber mit Dieselloks, für die obendrein auch der City-Tunnel tabu ist.

Auch der Bezug des Brennstoffes dürfte nicht so schwierig sein, was mit der räumlichen Nähe von Leuna und Priestewitz zu tun hat: In den Chemiefabriken fällt Wasserstoff als Abprodukt an, und in der Region gibt es bereits einige Wasserstoff-Pipelines.

"Wir wollen ein Standort für diese Schlüsseltechnologie werden", sagt Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger. Dazu wurde in der Stadt eine Arbeitsgruppe unter Einbindung von Energieerzeugern gegründet. Berger: "Wir wollen mit verschiedenen Firmen in Grimma Wasserstoff erzeugen und verbrauchen."

Etwa das hier ansässige Unternehmen Faun Viatec, das sich in den letzten Jahren zu Europas führendem Anbieter für Kehrmaschinen entwickelt hat. Mitte des Jahres sollen die ersten Prototypen mit Brennstoffzellen getestet werden. Man hofft, spätestens 2022 Serienreife zu erreichen.

Spätestens nach dem Klimagipfel von Paris hat sich weltweit die Erkenntnis durchgesetzt, dass Verbrennungsmotoren ein Auslaufmodell und batteriegetriebene E-Fahrzeuge wohl nur ein Zwischenschritt sind. Den Schritt zur Brennstoffzelle gingen die Europäer allerdings nur halbherzig, Hyundai und Toyota sind inzwischen viel weiter.

Die in Grimma hergestellten Kehrmaschinen sollen künftig auch mit Wasserstoff fahren.
Die in Grimma hergestellten Kehrmaschinen sollen künftig auch mit Wasserstoff fahren.  © Faun/PR

Thomas von Unwerth, Inhaber der Professur Alternative Fahrzeugantriebe der TU Chemnitz: "Nie war der Druck so hoch, neue und CO2-neutrale Antriebstechnologien zu entwickeln. Sachsen als Autoland hat das Potenzial, sich noch frühzeitig in den wachsenden Märkten zu etablieren."

Deshalb gründete der Chemnitzer "Brennstoffzellen-Papst" das Netzwerk HZwo, welchem inzwischen 50 sächsische Firmen und Forschungseinrichtungen angehören.

Geschäftsführer Karl Lötsch: "Wir wollen die verschiedenen Aktivitäten unter einem Dach bündeln. Ziel sind Wertschöpfungsketten für mit Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge, aber auch die Erzeugung und Bereitstellung von Wasserstoff."

Aktuelles Problem ist die mangelnde Wasserstoff-Infrastruktur im Freistaat. Es gibt in Dresden und Leipzig jeweils eine Tankstelle, eine dritte entsteht im Sommer in Meerane.

Große Sprünge lassen sich mit Brennstoffzellen-Autos noch nicht machen, zumal die Umstellung des Verbrennungs-Fuhrparks noch Jahrzehnte dauern dürfte.

Deshalb schauen die Fahrzeughersteller auch neugierig auf die Technologie des Start-ups Sunfire. Die Dresdner stellen aus Wasser, Luft und Ökostrom einen CO2-neutralen Treibstoff her, der auch in den üblichen Verbrennungsmotoren funktioniert.

In der vergangenen Woche verkündete das 130-Leute-Unternehmen, dass ihm der technologische Durchbruch gelungen sei.

Ein feiner Zug - und extrem sauber

Premiere auf sächsischen Gleisen: Am Donnerstag fährt erstmals ein mit Wasserstoff und Brennstoffzellen angetriebener Zug von Leipzig nach Grimma und zurück.
Premiere auf sächsischen Gleisen: Am Donnerstag fährt erstmals ein mit Wasserstoff und Brennstoffzellen angetriebener Zug von Leipzig nach Grimma und zurück.  © PR/Alstom

Der Coradia iLint des französischen Herstellers Alstom ist der weltweit erste Wasserstoff-Brennstoffzellenzug.

Derzeit wird die Technik in Norddeutschland einem bis 2021 dauernden Praxistest unterzogen: Im Fahrplanbetrieb werden die Passagiere zwischen Buxtehude, Bremervörde und Cuxhaven befördert.

Diese Züge sind nicht nur deutlich leiser, sie geben auch keine Abgase ab. Statt Abnehmer für die Stromleitung hat der Zug Wasserstoff-Tanks auf dem Dach, welche in Brennstoffzellen die Energie erzeugen. Mit einer Tankladung fährt der Zug 600 bis 800 Kilometer und erreicht 140 Stundenkilometer.

Gehen die Träume des Verkehrsverbandes ZVNL auf, könnte der Zug ab spätestens 2025 die Strecken Döbeln-Grimma-Leipzig und Leipzig-Gera bedienen.

So funktioniert die Brennstoffzelle

Will Grimma in die Bundesliga der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Städte bringen: Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos).
Will Grimma in die Bundesliga der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Städte bringen: Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos).  © Norbert Neumann

Die Brennstoffzelle nutzt die hohe Energiemenge, die in Wasserstoff steckt. Hierbei kommt es nicht zur Explosion und Wärmeabgabe, sondern die Energie wird direkt in Strom umgewandelt.

Die Gase sind durch eine Membran getrennt, welche für Atome undurchlässig ist - nicht aber für Protonen.

So schlüpfen die Wasserstoffkerne hindurch und reagieren mit dem Sauerstoff zu Wasser.

Die Wasserstoff-Elektronen werden von der Kathode angezogen und erzeugen über diesen Umweg den Strom.

Grimma sehnt sich nach einer zuverlässigen S-Bahn und wirbt um die neue Technik.
Grimma sehnt sich nach einer zuverlässigen S-Bahn und wirbt um die neue Technik.  © imago/Star-Media

Titelfoto: Peter Zschage

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