Weil Vögel massenhaft daran verrecken! Dieser Görlitzer kämpft gegen Luftballons

Görlitz - Alle Kinder mögen Luftballons. Besonders dann, wenn sie mit Helium gefüllt sind und gen Himmel steigen wollen.

Kurt Bernert (70) befreit einen Baum von Luftballon-Resten. Denn die zerplatzten Latex-Schläuche und die Strippen stellen für Vögel eine Todesfalle dar. Der Senior befindet sich auf Aufklärungs-Mission.
Kurt Bernert (70) befreit einen Baum von Luftballon-Resten. Denn die zerplatzten Latex-Schläuche und die Strippen stellen für Vögel eine Todesfalle dar. Der Senior befindet sich auf Aufklärungs-Mission.  © Steffen Füssel

Selbst viele Erwachsene mögen der Faszination nicht widerstehen. Für Vögel können die Reste der bunten Latex-Welt jedoch zur tödlichen Falle werden. Sie verwechseln die Überbleibsel mit Nahrung und sterben einen qualvollen Tod. Ein Senior aus Görlitz begibt sich nun auf Aufklärungsmission. Und er war bereits erfolgreich – besonders im Görlitzer Wahlkampf.

Bei Hochzeiten oder zu Volksfesten steigen oft hunderte Luftballons in den Himmel – wie etwa zum diesjährigen SemperOpernball. Romantiker bestaunen die Effekte, Fotografen schätzen das Motiv und Sponsoren freuen sich über den Werbeeffekt. Nach wenigen Minuten ist die Gaudi vorbei.

Wenn den Ballons nicht die Puste ausgeht, platzen Sie weit oben. Auf jeden Fall landen sie – samt Geschnüre – wieder auf dem Boden, nachdem sie mitunter hunderte Kilometer weit geflogen sind. Dort gelangen sie nicht selten in die Nahrungskette der Vögel. Und weil das Material im Wasser stabiler ist, sind vor allem See- und Wasservögel betroffen.

Kurt Bernert (70) arbeitete drei Jahre lang ehrenamtlich für die Nationalpark-Verwaltung am Wattenmeer. Dort hat er bei seinen täglichen Streifen, wo er den angeschwemmten Müll einsammelte, das Leid gesehen, was Plastik und besonders Luftballons in der Vogelwelt anrichten.

Bernert dokumentiert Folgen menschlichen Handelns

Luftballon-Gaudi an der Semperoper: Der Spaß dauert nur wenige Minuten und richtet doch so viel Schaden an.
Luftballon-Gaudi an der Semperoper: Der Spaß dauert nur wenige Minuten und richtet doch so viel Schaden an.  © dpa/Arno Burgi

Bernert: „Die Tiere verheddern sich in den Schnüren oder ersticken gar daran. Kommt die weiche Masse in den Magen, verhungern sie.“ Von den Kadavern, die er zur Untersuchung der Todesursache an ein Institut schickte, kam sehr oft die Meldung „Magenverschluss“ zurück.

Die Folgen menschlichen Handelns hat Bernert dokumentiert und in einer Fotoausstellung über die Vermüllung des Wattenmeeres zusammengefasst. Das Thema schlug in Görlitz solche Wellen, dass die Ausstellung wegen der großen Nachfrage gleich zweimal verlängert werden musste.

Viele Privatleute und Unternehmer sprachen ihn daraufhin an: "Wenn wir gewusst hätten, was Luftballons anstellen, hätten wir nie welche genutzt."

Auch ein Brautpaar verzichtete kurzfristig auf fliegende Grußkarten. Mit dieser Resonanz im Rücken sprach Bernert auch die Wahlkämpfer an – und erzielte erstaunliche Erfolge (siehe Text unten).

Bernert will kein völliges Luftballon-Verbot

Viele bunte Luftballons sind besonders für Kinder faszinierend. Doch ein harmloses Spielzeug sind sie offensichtlich nicht.
Viele bunte Luftballons sind besonders für Kinder faszinierend. Doch ein harmloses Spielzeug sind sie offensichtlich nicht.  © 123RF/Igor Yaruta

Denn die Todesgefahr durch bunte Ballons ist nicht nur ein Phänomen der Küstenregionen. Bernert: „Auch in der hiesigen Teichlandschaft gibt es viele Opfer. Und wenn die Reste nicht gefressen werden, kommen sie beim Nestbau zum Einsatz und richten dort weitere Schäden an.“

Der engagierte Senior hat es sich zur Mission gemacht, das „Freilassen“ von Luftballons zu unterbinden. Dafür geht er mit Schulklassen zum Müllsammeln in die Natur und klärt auf. Sein Kinderbuch über die Möwe Kalle mit dem Titel „Hab Luftballon in meinem Bauch“ soll noch in diesem Jahr mithilfe des BUND gedruckt werden.

Ein völliges Luftballon-Verbot strebt Bernert gar nicht an: „So lange der Ballon in geschlossenen Räumen bleibt, darf er gerne zur Bespaßung genutzt werden.“ Als Alternative für bunten und fliegenden Puste-Gaudi im Freien empfiehlt er Seifenblasen.

Sogar die Parteien ziehen mit

Zumindest in Görlitz verzichten nun Wahlkämpfer auf Luftballons.
Zumindest in Görlitz verzichten nun Wahlkämpfer auf Luftballons.  © Lutz Hentschel

Im Görlitzer Oberbürgermeister-Wahlkampf konfrontierte Kurt Bernert die Parteien an den Ständen mit seiner Luftballon-Mission. Die Grünen waren vorgewarnt, OB-Kandidatin Franziska Schubert hatte die Ballons als Werbematerial gar nicht angefordert. Bei der SPD musste der Vogelschützer auch nicht lange argumentieren. „Luftballons wegpacken“, befahl einer dem Team.

„Ja aber die Kinder lieben die Luftballons“, argumentierte man beim Stand der Linken. „Meinen Sie, Kinder mögen getötete Vögel?“, entgegnete Bernert. Auch hier – wenn auch etwas zögerlich – wurden die Ballons weggepackt.

Beim späteren Wahlgewinner Octavian Urso kam der Vogelfreund nicht durch, die CDU verteilte weiterhin die Ballons. Doch später versprach man ihm, bei der Landtagswahl auf die Latex-Botschafter zu verzichten.

AfD-Kandidat Sebastian Wippel stellte zunächst die kühne Behauptung auf, durch Windkraft-Anlagen kämen viel mehr Vögel ums Leben und ließ die Luftballons weiter verteilen. Aber auch bei ihm setzte inzwischen eine Kehrtwende ein – ein kleiner Wahlsieg für die Vögel.

Kurt Bernert betreibt jetzt Lobby-Arbeit im Stadtrat. Ziel: Bei städtischen Festen werden keine Luftballons mehr freigelassen.

Nichts ist tödlicher als Luftballons

Besonders See- und Wasservögel sind betroffen.
Besonders See- und Wasservögel sind betroffen.  © dpa/Peter Steffen

Zahlen, wie viele Vögel an Plastik oder Luftballons sterben, gibt es natürlich nicht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Australien gibt aber Hinweise.

Man untersuchte über 1700 Seevögel auf die Todesursache – bei 73 Prozent war es nicht Plastik. Allerdings hatte ein Drittel der Vögel Plastik im Magen oder im Darmtrakt.

Aus ihren Daten zogen sie das Fazit, dass ein Vogel, der nur einen Fetzen Luftballon aufgenommen hat, eine 32 Mal höhere Sterberate aufweist als ein Artgenosse, der nur harte Plaste geschluckt hat.

Die wird mitunter wieder ausgeschieden, das weiche Latex aber bildet eine Blockade. Salopp gesagt: Nichts ist so tödlich wie ein Luftballon. Weitere tödliche Stoffe sind Plastetüten und Kondome.

Holländer feiern ihren König jetzt anders

In den Niederlanden haben Umweltschützer bereits ein stärkeres Bewusstsein für den „Tod durch Luftballons“ erreicht.

Inzwischen wurde die Zeremonie, zum „Koningsdag“ tausende orangefarbene Kullern steigen zu lassen, eingestellt.

In über 80 Kommunen gibt es bereits ein Verbot für das Freilassen der Luftballons.

In seiner Ausstellung über das Wattenmeer zeigt Bernert, was dort als Todesfallen angeschwemmt wird.
In seiner Ausstellung über das Wattenmeer zeigt Bernert, was dort als Todesfallen angeschwemmt wird.  © Steffen Füssel

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