Immer mehr Übergriffe auf Retter: Erste Feuerwehr trainiert Nahkampf

Weisswasser/Dresden - Die Pöbeleien und Gewaltbereitschaft gegenüber Sachsens Rettungskräften im Einsatz steigt. Die Feuerwehr Weißwasser erlebt diese Entwicklung mit großer Sorge. Als erste Feuerwehr im Freistaat will sie ihre Kameraden darum an Kampfsportschulen in Selbstverteidigung ausbilden!

Belegen bald einen Selbstverteidigungskurs: die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser.
Belegen bald einen Selbstverteidigungskurs: die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser.  © Jonny Linke

40 Aktive (darunter zwei Frauen) arbeiten bei der Feuerwehr Weißwasser (336 Einsätze in 2017), die meisten sind ehrenamtliche Lebensretter. "Das Gewalt- und Aggressionspotential gegenüber Rettungskräften ist da. Und es ist gewachsen", sagt Wehrleiter Marcel Nestler (36). "Wir haben es selbst erlebt.

So gab es Pöbeleien und Beleidigungen, fast Handgreiflichkeiten beim Ablöschen eines Hexenfeuers. Bei einem anderen Einsatz sperrten wir eine Gefahrenstelle ab. Ein genervter Autofahrer stieg aus, stellte fluchend unsere Kegel beiseite und fuhr einfach weiter."

Weißwasser reagiert nun mit einem Pilotprojekt, will ihre Kameraden in zwei Kampfsportschulen schicken: Im Deeskalationskurs bei den Blue Dragon Lausitz lernen die Floriansjünger, wann Notwehr erlaubt ist, wie sie sich bei Gefahr verhalten sollten. Anschließend schult sie Kampftrainer Peter Pelk (58, schwarzer Gürtel Kung Fu) in seiner Kampfsportschule in Selbstverteidigung:

"Ich lehre die Kameraden, wie sie Schläge abwehren können. Auch Hebeltechniken und Würgebefreiung. Der Angreifer soll dabei nicht schwer verletzt werden", so der frühere DDR-Vizemeister im Boxen.

Der Vorsitzende des Feuerwehr-Fördervereins Jörg Lübben (51, l.) hatte die Idee für die Kurse, will die Kameraden um Wehrleiter Marcel Nestler (36) damit unterstützen.
Der Vorsitzende des Feuerwehr-Fördervereins Jörg Lübben (51, l.) hatte die Idee für die Kurse, will die Kameraden um Wehrleiter Marcel Nestler (36) damit unterstützen.  © Jonny Linke

"Wir wollen unsere Kameraden nicht zu Kampfsportlern ausbilden. Wir wollen, dass sie im Ernstfall drohende Gefahren abwehren und sich verteidigen können", betont Jörg Lübben (51), Chef des Feuerwehr-Fördervereins, der die Kurse auch finanziert. Diese sollen September starten, die Teilnahme ist freiwillig.

Auch wenn es um Gewaltprävention geht, ist die Kampfschulung ein Novum! "Selbstverteidigungskurse bieten wir nicht an. In unseren Fortbildungen werden die Deeskalation und der frühe Rückzug gelehrt", sagt Dresdens Feuerwehrchef Andreas Rümpel (59).

Weißwassers OB Torsten Pötzsch (46, Wählervereinigung "Klartext") begrüßt die Kurse als "sinnvolle Ergänzung."

Ähnlich ein Sprecher des sächsischen Innenministers: "Das Angebot zur Durchführung von Selbstverteidigungskursen kann im Kontext der Eigensicherung der Einsatzkräfte dienlich sein."

Kommentar: Respektiert die Retter!

Kampftrainer Peter Pelk (58, l.) wird den Kameraden in seiner Kampfsportschule beibringen, wie sie sich bei Angriffen verteidigen können.
Kampftrainer Peter Pelk (58, l.) wird den Kameraden in seiner Kampfsportschule beibringen, wie sie sich bei Angriffen verteidigen können.  © Jonny Linke

Sie lassen alles stehen und liegen, um Leben zu retten. Viele Rettungskräfte opfern dafür sogar noch ihre Freizeit, helfen im Ehrenamt. Dafür gebührt ihnen, ob Sanitätern, Kameraden oder THW-lern, unser aller Dank.

Doch anscheinend ist das nicht allen Sachsen klar - im Gegenteil! So fühlen sich die Rettungskräfte immer mehr Respektlosigkeiten, Pöbeleien und sogar Handgreiflichkeiten ausgesetzt - während ihrer Einsätze! Und sei es, dass immer weniger Leute Verständnis zeigen, wenn sie mit ihrem Auto mal 20 Minuten warten müssen. Während die Kameraden einen Unfall absichern, vielleicht gerade ein Leben retten.

Nicht umsonst hat die Feuerwehr-Gewerkschaft dieses Jahr die Anti-Gewalt-Kampagne "Respekt, ja bitte!" ins Leben gerufen. Und dass die ersten Kameraden im Freistaat jetzt noch einen Schritt weiter gehen, sich in Selbstverteidigungskursen auf den Ernstfall vorbereiten - ich kann es gut verstehen!

Auch wenn sie selbst zum Glück von körperlichen Angriffen bislang verschont blieben - sie wollen sich nur selbst absichern, für den Ernstfall gerüstet sein. Da die Gewaltbereitschaft steigt, sehen sie es auch als Investition in die Zukunft. Und letztlich wollen die Kameraden damit auch eine Debatte anstoßen, denn diese Entwicklung findet genau in unserer Mitte statt.

Nachteile einer "kampferprobten" Feuerwehr kann ich keine erkennen: Türen eintreten werden die Kameraden auch weiterhin nur im Notfall ...

Weißwassers OB Torsten Pötzsch (46, WV "Klartext") ist auch im Feuerwehr-Förderverein, unterstützt seine Kameraden.
Weißwassers OB Torsten Pötzsch (46, WV "Klartext") ist auch im Feuerwehr-Förderverein, unterstützt seine Kameraden.  © dpa/Arno Burgi
Weißwassers Feuerwehr sieht sich bei ihren Einsätzen zunehmend mehr Pöbeleien und Aggressionspotential ausgesetzt.
Weißwassers Feuerwehr sieht sich bei ihren Einsätzen zunehmend mehr Pöbeleien und Aggressionspotential ausgesetzt.  © Torsten Pötzsch