Wenn die Familie zur Hölle wird: Flucht vor Zwangsverheiratung und Prügel

Stuttgart - Gewalterfahrungen prägen die Jugend der jungen Frau. Als es unerträglich wird und die Zwangsverheiratung droht, beschließt sie zu flüchten - und ihr altes Leben hinter sich zu lassen. TAG24 hat sie ihre Geschichte erzählt.

Eine Figur einer tanzenden Frau steht auf einem Regal in der Beratungsstelle.
Eine Figur einer tanzenden Frau steht auf einem Regal in der Beratungsstelle.  © TAG24

Eine Lehrerin wird auf Alessia aufmerksam, weil die Kamera-Begeisterte nicht auf das Klassenfoto möchte und sich immer weiter zurückzieht - darauf angesprochen, bricht Alessia zusammen und erzählt: "Zuhause werde ich geschlagen und geprügelt, ich will nicht mehr leben, ich würde alles tun, damit ich nicht mehr in den Händen meiner Eltern bin," berichtet die Frau, die wir Alessia nennen sollen. Ihren echten Namen hat sie längst ändern lassen und dennoch ist die Gefahr zu groß, dass ihre Familie sie findet.

Rückblick: Ein Ort (auch diesen nennen wir zum Schutz nicht) in Deutschland vor rund sechs Jahren: Der Ton in der Familie ist aggressiv. Der Vater übt Gewalt auf die Mutter aus, die gibt es weiter an ihre Kinder und die wiederum lassen es an Alessia aus. Sie sieht sich als der "Boxsack" der Familie. "Es war ein Haus voller Gewalt," schildert die Frau mit den braunen Augen.

Alessia darf nur zur Schule aus der Wohnung - keine Freunde treffen, keine Hobbys, nichts von all dem, was junge Mädchen in ihrem Alter machen. Gewalt und Demütigungen stehen an der Tagesordnung. Ihr Vater bedroht sie sogar mit einer Waffe, nachdem sie sich mit einem Jungen an der Bushaltestelle unterhalten hatte.

Sie hat zwar Freundinnen im Gymnasium, allerdings fühlt sie sich nicht zugehörig: "Ich hab gemerkt, dass ich ein komisches Leben führe, weil sie Dinge machen, die ich nie gemacht hab, beispielsweise umarmen, weinen, dass man einen Mädchenabend macht und beieinander übernachtet." All diese Dinge kennt Alessia nicht. Sie übernahm den Umgang den sie zu Hause lernte, beleidigte andere.

Die Situation zu Hause ist für die Alessia unerträglich: "Ich hab nur gelebt und hatte schon das Gefühl, dass das nicht jedem passt." Ihre Schwester verabscheut sie noch heute für das, was sie ihr angetan hat: "Sie hat mich geschlagen, an den Haaren gezerrt, meine Kopfhörer zerschnitten."

Plötzlich belauscht die Jugendliche ein Gespräch ihrer Eltern: Sie sollte in ihrem Heimatland zwangsverheiratet werden. Dann ist klar - Alessia muss weg.

Flucht aus der eigenen Familie

Alessia sitzt mit einem Kapuzenpullover auf einem Sessel in der Beratungsstelle YASEMIN.
Alessia sitzt mit einem Kapuzenpullover auf einem Sessel in der Beratungsstelle YASEMIN.  © TAG24

Die Lehrerin bietet ihre Hilfe an, stellt den Kontakt zu einer Beratungsstelle her - dann muss es schnell in eine neue Stadt gehen. "Stuttgart war weit weg", erzählt Alessia.

Und plötzlich steht der Tag der Flucht fest. Zwei Klassenkameradinnen helfen Alessia im Vorfeld Sachen aus der Wohnung zu bringen, während die Familie Verwandte besucht. "Ich hatte keine Koffer, alles war in Tüten eingepackt", sagt die Anfang 20-Jährige.

In der Nacht schreibt sie einen Inobhutnahme-Antrag für das Jugendamt, damit das nicht auffällt, lässt Alessia die Dusche laufen. Ohne diesen Antrag wäre die Flucht nicht möglich gewesen. Doch dazu später mehr.

Am nächsten Morgen geht es los: Alessia verschläft, packt aber in Windeseile einige Sachen zusammen und rennt los. "Ich hatte panische Angst." Sie schleicht sich an allen Zimmern vorbei, hinter den Türen lauern die Familienmitglieder.

Geschafft! "Kurz bevor ich die Türe schließen wollte, hörte ich, wie die Tür meiner Mutter aufging und ich rannte raus."

Ein regnerischer, kalter Wintermorgen, doch für Alessia ist es der Anfang in ein neues Leben. Sie trifft die Lehrerin, die beiden Schulkameradinnen und steigt in ein Auto, dass sie weit weg von ihrer Familie, von dem Ort des Grauens und der Gewalt bringen wird. "Ich dachte mir: Gott sei Dank" und dieses Gefühl ist auch heute noch genau so: "Ich war so glücklich, ich hatte noch nie das Bedürfnis wieder nach Hause zu gehen", sagt die junge Frau.

Die Eltern bedrohen ihre Freunde und Lehrer, nachdem sie merken, dass ihre Klamotten weg sind. Die Mutter hat vermutlich Todesangst um ihre Tochter. Später erfährt Alessia, dass ein Onkel eine Cousine umgebracht hatte und nun im Gefängnis sitzt. "Ich habe erkannt, dass meine Familie bereit ist, Menschen umzubringen", sagt Alessia gefasst.

Zunächst wurde Alessia in einem Frauenhaus untergebracht. Doch die Flucht ist noch nicht vorbei - die Familie suchte nach ihr - wieder Umzug in ein anderes Frauenhaus und wieder. Nach rund eineinhalb Monaten ging sie zu "ROSA", einem Wohnprojekt für junge Migrantinnen zwischen 16 und 21 Jahren der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Die Beratungsstelle "YASEMIN" berät jährlich rund 300 Betroffene und vertraute Dritte, wie Lehrer zu familiären Schwierigkeiten bis hin zu Gewalt im Namen der "Ehre der Familie" und Zwangsverheiratungen. Über eine Beratungsstelle an ihrem Wohnort wurde auch Alessia vermittelt.

Neuer Name, neue Stadt, neues Leben

Ein Sofa steht in der Beratungsstelle YASEMIN. Hier können sich die jungen Migrantinnen aussprechen.
Ein Sofa steht in der Beratungsstelle YASEMIN. Hier können sich die jungen Migrantinnen aussprechen.  © TAG24

Der Anfang war schwierig - neue Stadt, neue Identität, neues Leben.

Betreuerin Hülya Kartal (Name zum Schutz der Bewohnerinnen geändert) unterstützt die Mädchen beim Ankommen im neuen Leben. "Es ist ein großer Einschnitt von jetzt auf nachher alles hinter sich zu lassen." Die jungen Migrantinnen durchlaufen drei Wohnphasen. Zunächst wohnen sie anonym in "ROSA 1" in einer WG und werden ganztags betreut. "Die Mädchen haben kein familiäres Netzwerk und Freundeskreis, daher sind wir 24 Stunden erreichbar", sagt die Sozialpädagogin.

Zunächst gehe es darum anonymes Verhalten zu lernen, denn die Familie soll die Mädchen nicht finden. Eine neue Lebensbiographie wird eingeübt, sie unter einem Decknamen in Schulen angemeldet, Auskunftssperren eingerichtet, Dokumente, wie Zeugnisse und der Pass organisiert und der Umgang mit Social-Media und Internet besprochen. "Anonym zu leben ist schwieriger geworden, heutzutage", sagt Kartal.

Anschließend wohnen die Mädchen in einer WG mit "erfundenem Klingelschild" und werden weiterhin von Betreuerinnen am Nachmittag begleitet. In "ROSA 3", wo auch Alessia ist, leben die Mädchen alleine und versorgen sich selbst. Die Betreuung wird stark eingeschränkt, bis sie es alleine schaffen.

Im Jahr hat das Wohnprojekt rund 70 bis 80 Anfragen, aber nur 12 Plätze. "Wir brauchen Plätze, wo die Mädchen ohne Anträge sofort aufgenommen werden können, wenn sie in Not sind", sagt die Sozialpädagogin. Alessia musste vor ihrer Flucht einen Inobhutnahme-Antrag beim Jugendamt stellen. In einer Notsituation sollte es nach Ansicht von Kartal eine sofortige Aufnahmemöglichkeit geben mit fachspezifischer Betreuung.

Wenn die Mädchen Kontakt zu einzelnen Familienmitgliedern möchten, unterstützen die Betreuer sie dabei. Alessia, telefonierte mit ihrer Mutter und traf sie auch persönlich. Die Mutter erklärte Alessia, dass sie die Wut von ihrem Vater an ihr ausgelassen habe, "weil ich die Schwächste mit dem besten Herz bin und ich mich nie gegen sie gestellt hätte." Damit bekam sie eine Erklärung für das Erlebte, den Kontakt will sie nicht halten, die Verletzung ist zu tief: "Ich hasse sie nicht, aber ich verzeihe auch nicht."

Sechs Jahre später geht es ihr gut: "Ich hätte nie gedacht, dass ich so glücklich bin und so gut mit meinem eigenen Leben klarkomme." Eine Therapie hilft ihr das Erlebte zu verarbeiten. Der Umgang mit Menschen und insbesondere mit Männern falle ihr noch schwer, sagt die Frau mit den dunklen kurzen Haaren, doch daran arbeite sie.

Und obwohl Alessia so viel durchgemacht hat, ist ihre Einstellung positiv: "Ich habe Glück - manchmal habe ich das Gefühl, dass das Leben mir jetzt das zurückgibt, was ich nicht hatte."

Und in Zukunft? Die junge Frau studiert Kunst und würde gerne nach Japan gehen, vielleicht auch, weil die Kultur so gar nichts mit ihrer zu tun hat.


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