Wer bleibt, wer geht? Minister-Roulette in Sachsens neuer Regierung

Dresden - Sachsen bekommt eine neue Regierung - Schritt für Schritt. Zwar wird am Mittwoch aller Voraussicht nach Michael Kretschmer (gr.F., 42, CDU) Ministerpräsident.

Doch sein Kabinett ist für kurze Zeit noch das alte. Erst am Montag will er die neuen Minister vorstellen. Bis dahin bleiben die jetzigen geschäftsführend im Amt. Das ist ihre Bilanz.

Der Klassenbeste. Martin Dulig (43, SPD), Wirtschaft, Arbeit, Verkehr.

© Eric Münch

Vize-MP und Multiminister. Ein linker gewerkschaftsnaher Sozialdemokrat (und SPD-Landeschef) mit christlichem Hintergrund, was auch ethisch sein Handeln bestimmt.

Problem: Hält länger als nötig an der Braunkohle fest. Wäre auch gern MP, wagt aber nicht die Machtprobe als Gegenkandidat zu Kretschmer – um des Koalitionsfriedens willen.

Multimedial präsent wie kein Kollege. Bonus: direkte Verschaltung in die SPD-Bundesspitze.

Ressortzuschnitt: weniger wäre mehr.

Der Strippenzieher. Fritz Jaeckel (54, CDU), Chef der Staatskanzlei

© Steffen Füssel

Ohne ihn geht nichts – egal, wer regiert.

Die Sächsische Staatskanzlei ist seit Kurt Biedenkopfs Zeiten Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten. Sie ist die Machtzentrale, koordiniert das Räderwerk, macht Karrieren (und beendet sie). Jaeckel ist der feine Intellektuelle, der Musterbeamte.

Weniger herrisch als seine Vorgänger. Minus: Sah schwindende Bürgerzufriedenheit zu spät. Konnte jüngst Kultus und Finanzen zu Lehrerverbeamtung nicht einen.

Das Stehaufmännl. Markus Ulbig (53, CDU), Inneres und Sport.

© Eric Münch

Ja, er lebt noch.

In der Asylkrise mehrfach totgeschrieben hat sich der Mann mit Bachelor-Abschluss wieder gefangen. Neue gebündelte Zentren zu Terrorabwehr, Datenerfassung und Kriminalitätsbekämpfung sind erfolgversprechend.

Die Hauptbaustelle, fehlende Polizisten, bleibt aber - trotz Schönrechnerei. Gewann nach außen Souveränität, die nach innen manchmal fehlt. Treuer Parteisoldat, der sich 2015 aussichtslos als OB-Kandidat von Dresden vorschieben ließ.

Der Unerbittliche. Georg Unland (64, CDU) Finanzen.

© Thomas Türpe

Heimlicher Vize-MP.

Letzte Stunden im Amt. Abgesichert über Bergakademie Freiberg. Eisenharter Sparer – weil Regierungslinie bislang. Blieb sich beim Thema Lehrerverbamtung als Mahner und Vorrechner treu. Lobenswert: Wollte Sachsens Schulden schneller abbauen, um so irre Zinslast eher zu beenden. Schweres Erbe: Staatlich beatmete Porzellanmanufaktur „Meissen“. Hier erklärte und rechnete der Minister zu wenig vor.

Die Sachliche. Eva-Maria Stange (60, SPD), Wissenschaft und Kunst

© Petra Hornig

Typisch Lehrerin: Erklärt komplexe Sachverhalte geduldig und anschaulich.

Augenhöhe mit der Wissenschaftselite. Freud und Leid: Mehr Geld für Sachsens Kultur, Hochschulpakt mit dem Bund. Reißleine bei Landesausstellung Sachsens, die nun auf 2020 verschoben ist. Umstrittene Verlagerung der Juristenausbildung von Dresden nach Leipzig. Rektorenzoff an Uni Leipzig. Die Spitze der Gedenkstättenstiftung.

Der Neue. Frank Haubitz (59, parteilos), Kultus.

© Eric Münch

Hemdsärmelig, aber schlau.

Praktiker. Ketterauchender Kumpeltyp. Überfuhr die CDU-Fraktion mit seinem Vorstoß zur Lehrerverbeamtung. Fragen: Hat er neben den Gymnasien auch Grund- und Mittelschulen im Blick? Wann ist seine Frische-Bonus aufgebraucht? Zerbricht er am Apparat? Rätsel: Wie lange bleibt er noch parteilos (will ihn die CDU überhaupt noch …)?

Der Stille. Thomas Schmidt (56, CDU), Umwelt und Landwirtschaft

© DPA

Ist wie Haubitz Chef im ureigenen Fach.

Der Agraringenieur kümmert sich unauffällig um Sachsens Landwirtschaft und die ebenso wichtigen Wälder. Souveräner Umgang mit jüngsten Sturmschäden. Duldet und befördert exzellente Forst- und Waldfachleute an seiner Seite. Baustellen: der Wolf. Überließ Brandenburg die nächste Woche in Kraft tretende erste Wolfsverordnung.

Fragen: Bräuchte Sachsen nicht wieder mehr Waldarbeiter, auch als Azubis? Ist er eher Landwirtschafts- als Umweltminister? Warum schweigt er zum Braunkohleabbau? Würde er, wie gemunkelt, auch ins Bundeskabinett gehen?

Die Nette. Petra Köpping (59, SPD), Integration und Gleichstellung

© Petra Hornig

Ein Job mit Fluch und Segen.

Denn: Sie hat ein Amt, das es in einer idealen Welt gar nicht geben müsste. Nach anfänglicher Hungerphase nun auch mit Budgets ausgestattet. Lob: Schuf Sachsens erstes Männerhaus. Unermüdlich bei Flüchtlingen und -helfern zu Gast. Manko: Rumpfministerium im Hause Klepsch. Zu leise.

Der Smarte. Sebastian Gemkow (39, CDU), Justiz

© Peter Zschage

Den Fall al-Bakr wird er nicht mehr los.

Im Oktober 2016 sah es nach dem Selbstmord des Asylbewerbers so aus, als müsse der junge Minister gehen. Nicht, weil er Schuld trug, sondern als Akt der politischen Hygiene. Doch trotz aller Herumstotterei und bundesweit schlechter Schlagzeilen damals („Sachsen gibt’s, die gibt’s gar nicht.“, B.Z.) blieb er. Seine Baustellen heute: Ausreichend Gerichts- und Knast-Personal. Das Gemeinschaftsgefängnis mit Thüringen.

Die Taffe. Barbara Klepsch (52, CDU), Soziales und Verbraucherschutz

© Steffen Füssel

Führt ein Haus, das vielen Bundesregelungen unterliegt.

Haarig: Die anfängliche Kommunikation zum Weinskandal im Meißner Land. Inzwischen aber hat Sachsen wohl die bestkontrollierten Trauben der Welt ... Baustellen: Deutlichere Haltung zum leidigen Thema Impfen. Die Rückkehr von Tbc. Aktive Volks-Infos zu Digitalem, Geldverkehr, Verträgen. Persönlicher Vorteil: Ist gerade mit gutem Ergebnis als CDU-Landesvize bestätigt.


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