Sprache, Essen, Kultur: Wie viel DDR steckt noch in uns?

Dresden - Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR) auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone gegründet. Im 40. Jahr ihres Bestehens ging der sozialistische, deutsche Teilstaat unter. 30 Jahre ist das jetzt her. Eine ganze Generation von Kindern ist inzwischen herangewachsen. Ihr kennt diese Republik nur noch vom Hörensagen und vielen kleinen Dingen, die die Zeit überdauert haben. Was gehört alles noch dazu? Wie viel DDR steckt noch in uns? Geht mit uns auf Spurensuche.

Handschlag & Hausschuh sind unverändert gefragt

Nackte Freude! Am FKK-Stand in Prerow an der Ostsee bespritzen sich junge Leute mit Wasser.
Nackte Freude! Am FKK-Stand in Prerow an der Ostsee bespritzen sich junge Leute mit Wasser.  © imago/Harald Lange

Den Ossi "entlarven" die kleinen Gesten. "Wer aufmerksam die Menschen beobachtet, erkennt die feinen Unterschiede in ihrem Verhalten", sagt Frauke Weigand (52) aus Leipzig. Als Knigge-Beraterin hat sie einen professionellen Blick dafür. "Der Handschlag wird in Ostdeutschland immer noch viel häufiger gemacht, als in den alten Bundesländern. Besonders im Business", sagt die Expertin.

Im privaten Bereich sind die eingeschliffenen Routinen noch augenscheinlicher: Bis heute bringen viele Sachsen noch ihre eigenen Hausschuhe mit, wenn sie Freunde oder Verwandte besuchen. Dass vor der Wohnungstür Schuhregale stehen, ist im Westen eher Ausnahme als Regel.

Unterwegs und auf Reisen fällt auf, dass viele gelernte DDR-Bürger gerne ihr Essen und Trinken dabeihaben und auch da Mitgebrachtes konsumieren, wo eine Gastronomie eigentlich alle ihre Bedürfnisse problemlos stillen könnte. Frauke Weigand: "Selbst bei großen Open-Air-Konzerten konnte ich das schon beobachten."

Auch für viele bis heute unentbehrlich: der feuchte Waschlappen (Waschfleck) in der Handtasche. Damit werden bei Bedarf schmutzige Kinderschnuten abgewischt und dreckige Hände gereinigt.

Im Osten der Republik gibt es Traditionen, an denen wird nicht gerüttelt: Hier werden Schuleinführung und die Jugendweihe groß gefeiert. Am Baggersee oder Ostseestrand dürfen auch Nackedeis dem FKK frönen. Und in puncto Sex, nun ja, da ist man einfacher unverkrampfter...

Auch Ostalgie geht durch den Magen

Würzfleisch mit Toast und Worcester Sauce ist hierzulande beliebt wie eh und je.
Würzfleisch mit Toast und Worcester Sauce ist hierzulande beliebt wie eh und je.  © Imago/Sabine Gudath

"Klassiker wie Soljanka oder Steak au four werden nach wie vor gern gegessen, gekocht und serviert", weiß Mario Pattis (49) zu berichten. Der Dresdner war der erste Koch Ostdeutschlands, der mit einem Stern geadelt wurde. Bis heute verwöhnt er Gourmets. "Natürlich wollte jeder DDR-Bürger nach der Wende erst einmal die Freiheit, fremde Spezialitäten und Rezepte kosten", sagt Pattis.

Ihm als Koch ging es da nicht anders. Doch heute besinnt er sich auf die DDR-Klassiker und interpretiert sie neu. Pattis: "So habe ich eine Soljanka-Praline kreiert. Die kommt gut an - bei Gästen aus Ost wie West." Ins Schwärmen gerät der Koch beim Thema Senf. "Bautzner - mittelscharf muss es sein. Es gibt keinen besseren", beteuert er.

Beim Thema Feinkost fällt vielen Sachsen rückblickend nur das Angebot vom "Delikat" ein. Trotzdem zählen bis heute Letscho, Goldbroiler, Würzfleisch und Jägerschnitzel (ostdeutsch: panierte Jagdwurst) hierzulande zu den Standards in Kantinen und Gaststätten.

Desserts und Knabberzeug von den bekannten und in Sachsen produzierten Ost-Marken "Komet" und "Wurzener" schmecken nach wie vor Millionen.

Apropos schmecken: Das Buch "Wir kochen gut" des Verlags für die Frau in Leipzig, das in fast jedem DDR-Haushalt zu finden war, ist noch immer ein Bestseller. Es erschien 1979 und wird aktuell in der 41. Auflage vertrieben. Bereits mehrere Millionen Mal wurde das Kochbuch gedruckt! Lieblingsrezepte waren Eierkuchen, Rouladen oder Soljanka.

"Wir wagen zu behaupten, dass diese Gerichte in ostdeutschen Haushalten heute fast alle noch so wie im Buch zubereitet werden", sagt Verlagssprecherin Susann Jaensch.

Nur wenige Vokabeln trotzen der Anpassung

Da werden Erinnerungen wach! Ohne Wende würde morgen in Ostdeutschland der 70. Geburtstag der Republik gefeiert werden.
Da werden Erinnerungen wach! Ohne Wende würde morgen in Ostdeutschland der 70. Geburtstag der Republik gefeiert werden.  © Imago

"Das fetzt urst rein!" Falls Ihr diesen Satz versteht, verbrachtet Ihr bestimmt Kindheit oder Jugend in der DDR. Deutsche mit späterer oder westlicher Geburt bemühen vielleicht "geil" oder "cool", wenn etwas richtig Spaß macht und toll ist. Was sonst noch von der Sprache der DDR in uns übrig blieb, ist eher verschwindend gering.

Mit der Wende musste sich Ossi zügig umstellen. Er arbeitete nicht mehr im Kollektiv oder in der Brigade, sondern im Team. Seine Kündigung - das war ungeachtet der Sprache neu - erhielt er vom Personalchef, der nicht in der Kaderabteilung saß.

Germanisten schätzen, dass es in der DDR-Sprache 800 bis 1400 Worte gab, die im Westen so nicht genutzt wurden. Eine Wiedervereinigung in der Sprache gab es nicht, es war eine Übernahme. Die enorme Anpassungsleistung erbrachten die Ostdeutschen allein.

Viel blieb nicht übrig - eine Auswahl: Ein gelernter DDR-Bürger geht heute noch in die Kaufhalle statt in den Supermarkt.

Die Tüte ist eher ein Beutel und aus Plaste statt aus Plastik. Das Bier gibt es in der Büchse statt in der Dose - aber aus Umweltgründen vielleicht bald auch nicht mehr.

Es gibt auch noch Leute, die von der SMH ("schnelle medizinische Hilfe") statt dem Rettungswagen in die Poliklinik (Ärztehaus) gefahren werden wollen. Und mancher Imbiss verkauft hierzulande noch immer Broiler und Grilletta, um der alten Kundschaft nicht Brathähnchen oder Burger zumuten zu müssen.

Es gibt nur ganz wenige DDR-Wörter, die inzwischen auch im Westen Karriere machen: Fakt, Exponat, erstellen, abnicken oder angedacht. Sogar die Datsche (aus dem Russischen) wird langsam akzeptiert.

Eine komplette Wiedervereinigung der Sprache gab es nicht. Ein paar Ost-Vokabeln haben die Wende überlebt.
Eine komplette Wiedervereinigung der Sprache gab es nicht. Ein paar Ost-Vokabeln haben die Wende überlebt.  © 123RF
In den 1970er-Jahren waren knappe Höschen und gestreifte Trikotagen angesagt. Mit etwas Glück bekam man die Teile in der DDR sogar in der Jugendmode oder im HO-Kaufhaus.
In den 1970er-Jahren waren knappe Höschen und gestreifte Trikotagen angesagt. Mit etwas Glück bekam man die Teile in der DDR sogar in der Jugendmode oder im HO-Kaufhaus.  © imago/Frank Sorge