85 Hektar Lebensraum vernichtet: So brutal betoniert Leipzig seine grüne Lunge zu

Leipzig - Der Bauboom in Leipzig lässt die grüne Lunge der Stadt dramatisch schrumpfen.

Der Wilhelm-Leuschner-Platz, heute noch Brutplatz für zahlreiche Vögel, soll demnächst bebaut werden.
Der Wilhelm-Leuschner-Platz, heute noch Brutplatz für zahlreiche Vögel, soll demnächst bebaut werden.  © Alexander Bischoff

Einer Dokumentation des Naturschutzbundes (NABU) zufolge sind in den letzten beiden Jahren insgesamt 85 Hektar an Baum- und Strauchland diversen Bauprojekten zum Opfer gefallen - mithin auch der Lebensraum vieler Tiere. Um die letzte große innerstädtische Brutfläche wollen die Umweltschützer jetzt kämpfen.

Erst im Januar hatten Leipzigs Stadtplaner die Bebauungspläne für den Wilhelm-Leuschner-Platz vorgestellt. Ein Ensemble aus Forschungseinrichtungen, großer Markthalle, Gewerbe- und Wohnbauten soll die große Kriegslücke am südlichen Ring künftig füllen.

Doch die vergangenen 60 Jahre, die nach dem Abriss der zerbombten Markthalle ins Land gingen, sind an der Brache nicht spurlos vorüber gegangen. Große Bäume und ein dichtes Strauchdickicht bieten bis heute zahlreichen Vogelarten Lebensraum. „29 Vogelarten nutzen den Platz als Lebensraum, 16 davon brüten sogar hier - etwa Amsel, Kleiber, Nachtigall und Gelbspötter“, erzählt NABU-Chef René Sievert (46), der die Brutplätze seit Jahren akribisch dokumentiert.

Leipzigs NABU-Chef René Sievert (46) vor gerodeten Stadtgehölzen, die einmal Lebensraum von Vögeln waren.
Leipzigs NABU-Chef René Sievert (46) vor gerodeten Stadtgehölzen, die einmal Lebensraum von Vögeln waren.  © Alexander Bischoff

Bereits 2016 und damit lange vor dem Architektenwettbewerb wies der NABU die Stadtplaner auf die Nistflächen hin und bat um Berücksichtigung beim Architektenwettbewerb. Über den Bau-Entwurf jetzt ist Sievert deshalb entsetzt: „Die Naturschutz-Kriterien spielten beim Wettbewerb keine Rolle - alles soll bebaut werden.“

Der NABU sieht darin einen eklatanten Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Gemeinsam mit dem BUND will der Verein dagegen vorgehen. „Notfalls auch vor Gericht“, kündigt Sievert an.

Denn Leipzig hat laut NABU-Dokumentation seit Ende 2016 bereits rund 85 Hektar an Lebensraum für Singvögel und Insekten verloren, weil grüne Oasen Bauvorhaben weichen mussten. Zusammengenommen sind das 119 Fußballfelder, die zubetoniert wurden.

Und auch die innerstädtischen Parkanlagen bieten Brutvögeln immer weniger Nistmöglichkeiten. Schuld ist unter anderem der florierende Drogenhandel. Weil in Büschen und Bäumen immer wieder Dealer-Verstecke entdeckt wurden, werden die Gehölze jetzt auf Weisung der Ordnungsbehörden gnadenlos ausgedünnt. Sievert: „Alles muss einsehbar sein, so dass hier kein Vogel mehr Schutz findet.“

Dieser Grünspecht brütet auch im wilden Dickicht des Wilhelm-Leuschner-Platzes. NABU-Aktivisten haben hier zahlreiche Brutstätten dokumentiert.
Dieser Grünspecht brütet auch im wilden Dickicht des Wilhelm-Leuschner-Platzes. NABU-Aktivisten haben hier zahlreiche Brutstätten dokumentiert.  © NABU Leipzig/Beatrice Jeschke
Der Wilhelm-Leuschner-Platz im Sommer - bisher ein Paradies für Insekten und Singvögel.
Der Wilhelm-Leuschner-Platz im Sommer - bisher ein Paradies für Insekten und Singvögel.  © NABU Leipzig/Beatrice Jeschke

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