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Carlos aus Nicaragua: Dresden ist ein Gedicht.

Dresden - Wie Tausende junger Menschen aus Angola, Mosambik oder Vietnam kam Carlos Ampié Loria (53) aus Nicaragua 1984 in die DDR, um einen Beruf zu erlernen oder zu studieren. Allerdings lag der über 9 000 Kilometer langen Anreise ein Missverständnis zugrunde.

Die Welt schaut in diesen Monaten auf unsere Stadt. Es heißt, hier herrsche Misstrauen gegenüber Fremden. Doch das stimmt nicht! Unsere Stadt ist weltoffen. Mit der Serie „Willkommen in Dresden“ treten wir hier jeden Mittwoch den Beweis an. Heute: Carlos aus Nicaragua.

Klar, dass Carlos als Schriftsteller viel liest. Er verehrt den deutschen Autor Heinrich Böll und den nicaraguanischen Schriftsteller, Menschenrechtler und Politiker Sergio Ramírez.
Klar, dass Carlos als Schriftsteller viel liest. Er verehrt den deutschen Autor Heinrich Böll und den nicaraguanischen Schriftsteller, Menschenrechtler und Politiker Sergio Ramírez.

Von Katrin Koch

Dresden - Wie Tausende junger Menschen aus Angola, Mosambik oder Vietnam kam Carlos Ampié Loria (53) aus Nicaragua 1984 in die DDR, um einen Beruf zu erlernen oder zu studieren. Allerdings lag der über 9000 Kilometer langen Anreise ein Missverständnis zugrunde.

„Ich dachte, dass ich in der DDR mein Studium fortsetzen würde. Das bedeutete das spanische Wort ,estudiar‘ für mich: studieren“, erinnert sich Carlos. Tatsächlich war Carlos in eine Berufsausbildung zum Rundfunk- und Fernsehmechaniker „geschlittert“.

Seine Deutschlehrerin und sein Ausbilder überzeugten ihn, die Lehre durchzuhalten. Er biss die Zähne zusammen, schrieb sich nach der „Lehre“ sogar an der Ingenieurschule der Deutschen Post ein.

„Ich wollte der Revolution dienen“, sagt Carlos.

In der Sprachschule im WTC unterrichtet Carlos zweimal wöchentlich eine kleine Gruppe Ausländer.
In der Sprachschule im WTC unterrichtet Carlos zweimal wöchentlich eine kleine Gruppe Ausländer.

Doch hinterm Atlantik, in Carlos’ Heimat, stand die Zeit nicht still. Ende der 80er-Jahre zeichnete sich ab: Die Revolution scheitert.

Die Wahlen 1990 stärkten das rechte Parteienspektrum. „Und da wusste ich nicht mehr, warum und für wen ich überhaupt noch studiere“, resümierte Carlos, schnappte sich seine mittlerweile gegründete Familie und kehrte nach Nicaragua zurück.

„Das war ein großer Fehler. Das Land und die Wirtschaft waren nach dem Bürgerkrieg total am Boden. Ich bekam keine Arbeit, weil ich in einem sozialistischen Land studiert hatte.

Ich galt als Kommunist, als Feind der neuen, rechten Koalitionsregierung.“ Ohne Job und Perspektive - 1992 kehrte Carlos nach Deutschland zurück.

Ein typisches Straßenbild aus Nicaragua. Größer könnte der Unterschied zu Dresden nicht sein - Carlos pendelt zwischen diesen Welten.
Ein typisches Straßenbild aus Nicaragua. Größer könnte der Unterschied zu Dresden nicht sein - Carlos pendelt zwischen diesen Welten.

Acht Jahre hielt es ihn in Thüringen - 2000 wagte Carlos eine zweite Rückkehr nach Lateinamerika, mit einer neuen Familie. „Endlich war ich in meiner Heimat angekommen.

Und ich fand zu meiner wahren Berufung: dem Schreiben und der Arbeit als Sprachdozent.“ Carlos übersetzt die Dichter seines Landes, schreibt selbst wie einst die Gebrüder Grimm die Legenden und Mythen seines Volkes auf.

Aber manchmal muss man praktisch denken. Im Mai 2005 verschlägt es Carlos, den Pendler zwischen den Welten, wieder nach Deutschland, diesmal nach Dresden.

„Wir wollten, dass die Tochter meiner Lebensgefährtin in Deutschland das Abitur ablegt“, erklärt Carlos.

Weg vom lauten Straßenlärm: Carlos Ampié Loria (53) schlendert mit seiner Gitarre über die Elbwiesen am Blauen Wunder.
Weg vom lauten Straßenlärm: Carlos Ampié Loria (53) schlendert mit seiner Gitarre über die Elbwiesen am Blauen Wunder.

Seit zehn Jahren ist er nun schon in Dresden sesshaft - Carlos studierte noch einmal Germanistik und Romanistik, machte seinen Abschluss als Übersetzer und ist als Dozent für Spanisch und Deutsch an der TU Dresden tätig.

Zudem unterrichtet er zweimal pro Woche für die Sprachschule TUDIAS Ausländer im Fach Deutsch. Seine Klasse, die im WTC büffelt, ist klein, ganze vier Mann stark.

So lernt es sich effektiv. Als Poet lebt er sich in der Zusammenarbeit mit Liedermacher Heinz-Eckhardt Wenzel aus.

„Aber ich könnte nie wie Hemingway in einem Café sitzen und schreiben“, schüttelt Carlos den Kopf. „Dafür brauche ich absolute Ruhe und deshalb wohne ich mit meiner Familie auch nicht in der Neustadt, sondern in Striesen. Ich mache zum Schreiben sogar die Fenster zu, selbst ein Vogel darf mich nicht stören.“

Denn gerade sammelt und ordnet Carlos seine Erinnerungen und Gefühle für einen Roman. Er wird von Carlos’ Begegnungen in der DDR handeln.

Entspannung zwischen Elbe und Schillerplatz

Wenn sich Carlos nach dem Schreiben die Füße vertreten will, bummelt der Nicaraguaner gern von Striesen aus über den Schillerplatz und das Blaue Wunder. Oft kehrt er auf ein Eis am Schillergarten ein. „Hier gefällt’s mir. Es ist so ein Zwischending zwischen Geschäftigkeit auf dem Platz und Entspannung an der Elbe.“

Manchmal nimmt Carlos sogar seine Gitarre mit. „Als Kind wollte ich eigentlich Sänger werden. Aber das hat niemand ernst genommen. Dabei kann ich eigentlich ganz gut singen."

Das Lieblingsgedicht des Poeten

Sein Lieblingsgedicht: Dauerhaftigkeit.
Sein Lieblingsgedicht: Dauerhaftigkeit.

Gedichte in eine andere Sprache übertragen: Als Übersetzer und Schriftsteller in einer Person hat Carlos dafür die richtige Feder. Unter anderem übersetzte er den Lyrikband „Brot des Herzens“ mit den Versen nicaraguanischer Poeten. Eines seiner Lieblingsgedichte stammt von Ana Ilce Gómez (69).

Dauerhaftigkeit

Ich habe Blut vergossen bei der Arbeit,
dem Wort Dauerhaftigkeit zu geben,
dem geschliffenen Stein, den ich in die Tiefe der Wasser geworfen habe,
damit eines Tages der einsame Fischer sein Netz auswerfe
und es unter den toten Fischen entdecke
und es an sein Ufer mitnehme
und es für immer zu seinem eigenen mache.

Fotos: Petra Hornig

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