TAG24-Interview: Das solltet Ihr tun, wenn Ihr in einen Amoklauf geratet!

Stuttgart - Den 11. März 2009 werden die Menschen in den baden-württembergischen Städten Winnenden und Wendlingen am Neckar nie vergessen.
 11. März 2009: Polizisten sichern Spuren an der Albertville-Realschule.
11. März 2009: Polizisten sichern Spuren an der Albertville-Realschule.  © DPA

Es war der Tag, an dem der 17-Jährige Tim K. Amok lief. Zuerst an der Albertville-Realschule in Winnenden, anschließend tötete er in einem Autohaus in Wendlingen. Am Ende dieses Märztages vor zehn Jahren waren 15 Menschen tot, elf verletzt.

Solltet Ihr je in einen Amoklauf geratet, wie verhaltet Ihr Euch dann richtig? Darüber haben wir mit Tilmann Kübler vom Referat Prävention am Landeskriminalamt Baden-Württemberg gesprochen.

TAG24: Wenn ich in eine Amoklauf-Situation gerate, was sollte ich als erstes tun?

Kübler: Wir können grundsätzlich drei wichtige Tipps geben: flüchten, verstecken und alarmieren.

Zunächst mal flüchten, wenn die Möglichkeit besteht. Wenn dies nicht möglich ist, weil man etwa in einem Gebäude ist und dort keine Fluchtmöglichkeit hat, dann sollte man sich verstecken. Etwa in Räumen oder hinter einer Barrikade, damit man nicht gesehen wird. Und dann den Notruf 110 wählen, damit die Polizei so schnell wie möglich Kenntnis von dem Amoklauf hat.

TAG24: Sie sagen schon: Nicht immer ist eine Flucht möglich. Wenn ich also in einem Gebäude feststecke – ob Schul- oder Bürogebäude – was muss ich beachten, wenn ich mich verbarrikadiere?

Kübler: Wichtig ist, dass zwischen einem selbst und dem Täter nach Möglichkeit festes Mauerwerk ist. Und eine stabile Tür. In Schulen etwa gibt es die Möglichkeit, dass Türen von innen verriegelt werden können und außen nur ein Drehknopf montiert ist. Grundsätzlich gilt: Die Türe zuschließen.

Wenn das nicht möglich ist, dann Gegenstände, wie etwa einen Schrank, vor die Türe schieben. Es ist wichtig, dass dem Amokläufer der Zugang deutlich erschwert wird. Bei Fenstern im Erdgeschoss können Sie zum Beispiel die Rollladen herunterlassen, damit der Einblick von außen in den Raum für den Täter verwehrt wird. Ganz wichtig: Leise sein und das Handy stumm schalten!

 Experte Tilmann Kübler rät: flüchten, verstecken, alarmieren.
Experte Tilmann Kübler rät: flüchten, verstecken, alarmieren.  © Landeskriminalamt Baden-Württemberg

TAG24: Was, wenn ich es nicht geschafft habe, den Raum in dem ich mich befinde zu verbarrikadieren und der Täter kommt ins Zimmer?

Kübler: Auch wenn es in der Situation äußerst schwer fällt: Bleiben Sie dann unbedingt in einem Versteck.

TAG24: Wenn man nicht entkommen kann: Macht es dann Sinn, das Gespräch mit dem Täter zu suchen?

Kübler: Nein. Ein Amokläufer hat quasi nur noch seinen Tunnelblick und ist nicht mehr empfänglich für irgendeine Kontaktaufnahme.

TAG24: Den Amokläufer überwältigen zu wollen, ist wohl auch sinnlos?

Kübler: Ja. Selbst jemand, der z.B. in Selbstverteidigung extrem geübt ist, wird keine Chance haben, wenn der Täter mit einer Waffe auf ihn zugeht.

TAG24: Kommen wir zum Alarmieren. Wenn ich die Notrufnummer 110 wähle, was sollte ich der Polizei unbedingt mitteilen?

Kübler: Zunächst mal, wo genau die Tat geschieht. Wenn möglich auch, wie viele Täter vor Ort sind. Ob Schüsse gehört wurden. Kurzum: Die Gesamtsituation kurz und knapp erklären. Auch, welche Menschen außer einem selbst noch in Gefahr sind. Und dann natürlich auch den telefonischen Kontakt aufrecht erhalten – wenn möglich. Also etwa, wenn man in einem sicheren Versteck ist.

Denn bis die ersten Einsatzkräfte vor Ort sind, können noch Rückfragen kommen. So eine Situation ist ja extrem dynamisch: Der Täter bewegt sich und was eben noch ganz klar war, kann in der nächsten Sekunde schon komplett unklar sein. Für aktuelle Informationen ist so ein Kontakt vor Ort sehr wichtig. Solange Sie sich nicht in Gefahr bringen.

TAG24: Nehmen wir an, die Beamten konnten den Amokläufer überwältigen, ich bin aber immer noch in meinem Versteck. Wie mache ich mich dann richtigerweise bei der Polizei bemerkbar?

Sobald der Täter überwältigt ist, werden die Einsatzkräfte die Räume durchsuchen und laut fragen, ob sich Personen im jeweiligen Raum befinden. Dann gilt: Geben Sie sich möglichst ruhig und nicht hektisch zu erkennen. Nehmen Sie am besten auch die Arme über den Kopf, stehen Sie auf und folgen den Anweisungen der Polizisten.

Übrigens: Nach Tim K.s Bluttat schlossen sich die Angehörigen der Opfer zum Aktionsbündnis "Amoklauf Winnenden" zusammen. Dieses wurde laut eigenen Angaben am 18. November 2009 in die "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" überführt. Die Stifter wollen demnach, "dass dass anderen Menschen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt" sowie "junge Menschen in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Gewalt nicht akzeptiert wird".

 Kreidespuren vor einem Autohaus in Wendlingen zeigen die Umrisse von Tim K. Der Amokläufer hatte sich hier selbst gerichtet. (Archivbild)
Kreidespuren vor einem Autohaus in Wendlingen zeigen die Umrisse von Tim K. Der Amokläufer hatte sich hier selbst gerichtet. (Archivbild)  © DPA

Titelfoto: DPA

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