Josef Schuster: In diesen Gegenden sollten Juden nicht die Kippa tragen

Würzburg - Josef Schuster (65) weiß als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sehr gut, was die jüdischen Gemeinden hierzulande bewegt.

Josef Schuster ist Zentralrats-Präsident und arbeitet als Arzt in Würzburg.
Josef Schuster ist Zentralrats-Präsident und arbeitet als Arzt in Würzburg.  © DPA
Etwa, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten steigt. Laut Bundeskriminalamt gab es im Jahr 2018 rund 1800 entsprechende Delikte. Das sind gut 20 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Vor wenigen Tagen war Schuster als Redner in Heidelberg (Baden-Württemberg) an der Hochschule für Jüdische Studien, forderte dort mehr staatlichen Einsatz im Kampf gegen Judenhass.

Wir haben uns mit dem Würzburger Arzt getroffen.

TAG24: Alle reden derzeit über den Klimawandel. In Heidelberg haben Sie einen "politischen Klimawandel" im Kampf gegen Antisemitismus angemahnt. Was genau meinen Sie damit?

Josef Schuster: Ich habe das positive Gefühl, dass das Thema Klimawandel und damit verbunden auch der Klimaschutz in den letzten Wochen mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist - zum Beispiel mit "Fridays for Future".

Ich bin aber der Meinung, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt, was das gesellschaftliche Klima in Deutschland angeht, bedarf es eines ähnlichen Umschwungs in der Wahrnehmung und dem, was man daraus macht.

TAG24: Das ist jetzt ein wenig abstrakt. Was fordern Sie konkret?

Josef Schuster: Ganz konkret geht es mir darum, dass der oder die Einzelne mit mehr Zivilcourage auftritt, wenn es zu fremdenfeindlichen, antisemitischen oder rassistischen Bemerkungen kommt.

Das fängt im Kleinen an. Jeder hat es schon erlebt, dass am Stammtisch oder im Freundeskreis Bemerkungen fallen oder "Witze" erzählt werden, die sehr fragwürdig sind.

Dann kann man sagen: "Meinst Du, das war jetzt ein guter Witz?" oder "Meinst Du, das war eine gute Bemerkung?" Wer antisemitische, rassistische oder fremdenfeindliche Äußerungen hinterfragt, kann dazu beitragen, derartige Einstellungen bei Einzelnen zu ändern.

Lieber ohne Kippa rausgehen?

 Das Tragen der Kopfbedeckung Kippa empfiehlt Schuster nicht überall. (Symbolbild)
Das Tragen der Kopfbedeckung Kippa empfiehlt Schuster nicht überall. (Symbolbild)  © DPA

TAG24: Vor kurzem hat der Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein Juden davon abgeraten, überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Kann man sich in Deutschland im Jahre 2019 nicht überall offen als Jude zu erkennen geben und völlig gefahrlos bewegen?

Josef Schuster: Überall in Deutschland kann man das tatsächlich nicht. Das gilt aber glücklicherweise nur für eine sehr geringe Fläche. Es handelt sich dabei meist um einzelne Bereiche einzelner Großstädte.

Dazu gehört Berlin. Dazu gehören aber auch Großstädte im Ruhrgebiet. Dort würde ich aus Sicherheitsgründen tatsächlich nicht raten, sich offen als Jude zu erkennen zu geben.

Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche oder wenn man allein unterwegs ist.

TAG24: Weshalb speziell in diesen Städten?

Josef Schuster: Das hat unterschiedliche Gründe. In Berlin sehe ich das in Stadtvierteln mit einem relativ hohen Anteil arabischstämmiger Migranten oder auch in Gegenden, in denen viele Rechtsextreme leben.

Das Ganze ist aber auch in soziale Problemviertel übergeschwappt. In denen gibt es ein stärkeres Einwirken rechtspopulistischer bis rechtsextremer Kreise. Dort stellt sich die Situation heute ähnlich dar.

Man merkt in den letzten Jahren insgesamt eine Verschiebung von roten Linien, sowohl in Wort als auch in Tat. Zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft.

Muslimischer Judenhass

 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte vor neuem Judenhass durch Zuwanderer aus israelfeindlichen Ländern.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte vor neuem Judenhass durch Zuwanderer aus israelfeindlichen Ländern.  © DPA

TAG24: Laut Bundeskriminalamt waren die allermeisten antisemitischen Straftaten (rund 90 Prozent) rechtsmotiviert. Aber immer mehr geht mittlerweile auch die Sorge vor muslimischem Antisemitismus um. Was hören Sie diesbezüglich aus der jüdischen Community in Deutschland?

Josef Schuster: Die deutliche Mehrheit antisemitischer Straftaten geht von Rechts aus. Die Zahlen der Kriminalstatistiken sollte man in Relation sehen.

Wir müssen davon ausgehen, dass nicht alle dieser Straftaten von Rechten verübt wurden. Denn jede Straftat, bei der ein Täter nicht ermittelt werden konnte, wird in der Statistik automatisch dem rechten Milieu zugeordnet.

Generell sollten wir die Gefahr, die von Rechts ausgeht, nicht unterschätzen: Das zeigt auch der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Was den Antisemitismus in Teilen der muslimischen Community angeht, müssen wir wohl davon ausgehen, dass es auch hier zu einer Steigerung gekommen ist. Wichtig ist mir aber zu betonen: Diesen Antisemitismus gab es bereits vor der Fluchtmigration, die ihren Höhepunkt im Herbst 2015 erreicht hat.

Bereits 2014 sah sich der Zentralrat veranlasst, zu einer Kundgebung in Berlin aufzurufen, mit dem Titel 'Nie wieder Judenhass'. Bei Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Israel-Gaza-Konflikt war es zuvor zu entsprechenden Vorfällen aus arabisch-muslimischen Kreisen gekommen. Darunter war das Verbrennen der israelischen Fahne und Äußerungen wie 'Kindermörder Israel' und 'Juden ins Gas'.

TAG24: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte vor Monaten davor, dass zum "klassischen" Antisemitismus mittlerweile ein neuer Judenhass dazu gekommen sei. Durch einige Zuwanderer aus israelfeindlich geprägten Ländern. Wird der Nahost-Konflikt auch in Deutschland ausgetragen?

Josef Schuster: Der Nahost-Konflikt wird in meinen Augen nicht in Deutschland ausgetragen. Allerdings ist es Fakt, dass es in einigen arabischen Ländern - insbesondere dem Iran oder Syrien - zur Staatsraison gehört, das Existenzrecht Israels nicht nur in Zweifel zu ziehen, sondern wenn möglich sogar aktiv dagegen vorzugehen.

Wenn also Menschen mit Vorurteilen aus Ländern kommen, auf denen es auf Landkarten den Staat Israel überhaupt nicht gibt, dann werden sie diese Einstellung nicht einfach an der Grenze zu Deutschland ablegen.

Insofern sind Komponenten des Nahost-Konflikts sicherlich mit ursächlich, aber man kann nicht sagen, dass der Nahost-Konflikt auf deutschem Boden ausgetragen wird.

Josef Schuster wurde 1954 im israelischen Haifa geboren. Seine Familie siedelte 1956 nach Deutschland über. In Würzburg betreibt er seit 1988 eine internistische Praxis und arbeitet als Notarzt. Seit November 2014 ist er Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

 Traf sich mit Josef Schuster zum Gespräch: TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.
Traf sich mit Josef Schuster zum Gespräch: TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.  © privat

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