Ausgezeichnet! So wehrt sich eine sächsische Kleinstadt gegen Nazis

Wurzen - Zwischen leerstehenden Läden in der sächsischen Kleinstadt Wurzen sticht ein Haus heraus. Kameras sind über der Eingangstür angebracht. Ein Schaukasten davor informiert über bevorstehende Veranstaltungen - Punkkonzert, Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, interkulturelles Frühlingsfest.

Überwachungskameras hängen über dem Eingang des Vereins Netzwerk für Demokratische Kultur.
Überwachungskameras hängen über dem Eingang des Vereins Netzwerk für Demokratische Kultur.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB

Mitten in Wurzen, einer Stadt im Landkreis Leipzig, die lange Zeit als Hochburg von Neonazis galt, macht sich seit 20 Jahren der Verein Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) für eine demokratische Zivilgesellschaft stark - allen Angriffen zum Trotz. Für das Engagement wird er nun von der US-amerikanischen Obermayer-Stiftung ausgezeichnet.

Einige seiner Projekte könnten als Vorbilder für andere deutsche Programme dienen - möglicherweise sogar für Bürgerrechtsgruppen in den USA, sagt Joel Obermayer von der Stiftung, die sonst vor allem Anstrengungen zur Bewahrung jüdischer Geschichte und Kultur in deutschen Kommunen honoriert.

Etwa 60 Vorhaben stellen die acht Mitarbeiter und etwa 50 Ehrenamtlichen des Wurzener Netzwerks im Jahr auf die Beine. Sie organisieren Ausstellungen, die die NS-Zeit beleuchten, bieten Filmvorführungen, Theater und Konzerte. Außerdem gibt es Workshops zum Umgang mit Rassismus, Wahlforen und Tischgespräche.

Ob es dem Verein dabei gelingt, die breite Bevölkerung mitzunehmen, ist strittig. Ihm sei es nicht gelungen, wirklich aus der Mitte der Gesellschaft zu agieren und diese zu erreichen, meint Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) auf Nachfrage. "Die Nähe des Vereins zur linken Szene in Leipzig wird von den Einwohnern der Stadt und des Umlandes als problematisch gesehen."

Die Engagierten sprechen hingegen von breiter Bürgerbeteiligung und berichten von einem Tischgespräch unter dem Titel "Die soziale Frage und die AfD" im vergangenen Jahr, an dem sich auch zwei AfD-Mitglieder beteiligt hätten. Es sei alles im Rahmen geblieben, erzählt Vorstandsvorsitzender Jens Kretzschmar. Der Ton sei in Wurzen jedoch häufig rauer als im 30 Kilometer entfernten Leipzig. "Man muss ganz schön was aushalten können", sagt Geschäftsführerin Martina Glass über die Arbeit.

"Jetzt entstehen eher jüngere Strukturen!"

Melanie Haller und Jens Kretzschmar vom Verein Netzwerk für Demokratische Kultur stehen in ihrem Büro. Der Verein arbeitet seit 20 Jahren in Wurzen für Toleranz und Demokratie.
Melanie Haller und Jens Kretzschmar vom Verein Netzwerk für Demokratische Kultur stehen in ihrem Büro. Der Verein arbeitet seit 20 Jahren in Wurzen für Toleranz und Demokratie.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB

Der Verein unterstützt auch lokale Gruppen, die sich für Geflüchtete einsetzen, Stolpersteine verlegen oder einen Gedenkmarsch für die Opfer der Todesmärsche im Muldental organisieren. "Der Großteil der Veranstaltungen ist thematisch", berichtet Glass.

Und: Es gebe eine Menge Leute in Wurzen, die etwas machen wollen und sich aktiv einbringen. Mit den Angeboten würden jährlich etwa 6000 Menschen jedes Alters erreicht.

Dabei haben die Unterstützer mit Widerstand zu kämpfen. Im vergangenen Jahr wurde das Haus des Vereins zweimal angegriffen - einmal von bis zu 50 mutmaßlich Rechten, wie Kretzschmar sagt.

Es seien Bierflaschen auf die Fassade geworfen und die Kameras abgerissen worden. Sie dienten laut Glass dem Schutz und der Abschreckung. Fenster des Hauses wurden in den vergangenen Jahren immer wieder eingeworfen. Auch ein Mitarbeiter sei vor der Tür angegriffen worden.

Bei einem Konzert wiederum hätten "Faschos mit Leuchtstoffröhren auf die Leute eingeschlagen", erzählt der 46-jährige Kretzschmar. Mittlerweile gebe es weniger körperliche Attacken, aber mehr Schmierereien, so Glass. Mit der Polizei stehe der Verein in engem Kontakt. Doch die Gefahr von Rechts werde nicht weniger. "Jetzt entstehen eher jüngere Strukturen", beobachtet die 41-Jährige.

Wenn sie in Schulen über Rassismus, Flucht oder Nachhaltigkeit referiere, verweigerten Jugendliche die Mitarbeit. «Wenn ich an der Oberschule bin und das da erlebe, dann denk ich "krass"», sagt Glass. Etwa die Hälfte der Jungen habe nach Schätzungen eine rechte Einstellung, Diskussionen oder Unterricht seien teilweise nicht mehr möglich. Vielleicht auch darum bekommt das NDK zahlreiche Einladungen für Unterrichtsbesuche. Häufig seien Erwachsene überfordert, wie sie etwa mit antisemitischen Kommentaren in Klassen-Chats am besten umgehen, erzählt Glass.

"Außer in den eigenen vier Wänden bist du den Leuten ja ständig über den Weg gerannt von rechtsextremer Seite!"

Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD): "Die Nähe des Vereins zur linken Szene in Leipzig wird von den Einwohnern der Stadt und des Umlandes als problematisch gesehen."
Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD): "Die Nähe des Vereins zur linken Szene in Leipzig wird von den Einwohnern der Stadt und des Umlandes als problematisch gesehen."  © dpa/Sebastian Willnow

Zwar ist das NDK kein Jugendhaus, dennoch sind Punker oder die örtliche Fridays-for-Future-Gruppe willkommen. Damit bleibt sich der Verein treu.

Bei der Gründung vor 20 Jahren habe er dem "Sammelpunkt für Rechts" etwas entgegensetzen wollen, sagt Kretzschmar. "Außer in den eigenen vier Wänden bist du den Leuten ja ständig über den Weg gerannt von rechtsextremer Seite."

Zu Gründungszeiten des Vereins habe sich in Wurzen eine aktive rechte Szene entwickelt, bestätigt Oberbürgermeister Röglin. "Das NDK setzte einen entsprechenden Gegenpol und ist seitdem bestrebt, rechte Strukturen in der Gesellschaft aufzuzeigen und zu motivieren, gegen diese aktiv zu sein."

Um die Arbeit für Toleranz, Versöhnung und interkulturelle Verständigung zu fördern, will die Obermayer-Stiftung den Verein am kommenden Montag (27.1.) auszeichnen. "Sie sind eine kreative und innovative Gruppe, die ein breites Portfolio an Programmen hat, welches Probleme in einem als Zentrum von Neonazi-Aktivitäten in Deutschland geltenden Ort wirklich verändert", begründet Joel Obermayer die Ehrung.

Symbolisch bekommt der Verein 1000 Euro von der Stiftung. Gefördert wird er Verein von der Stadt Wurzen, dem Landkreis, dem Freistaat sowie mit Bundesmitteln.

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