TAG24-Interview: Zentralrat der Muslime kontert Seehofers Islam-Debatte

Köln / Berlin - Morddrohungen, Anschläge gegen muslimische Einrichtungen und ein Heimatminister, der den Islam nicht als Teil Deutschlands bewertet. Abdassamad El Yazidi (43) fordert im TAG24-Interview einen Aufschrei der Gesellschaft.

Abdassamed El Yazidi ist Generalsekretär des Zentralrats der Muslime.
Abdassamed El Yazidi ist Generalsekretär des Zentralrats der Muslime.

Im ausführlichen Interview mit TAG24 spricht der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Abdassamed El Yazidi (43), über Drohungen, den verkorksten Start von Horst Seehofer (68, CSU) und die Angst seiner Mitarbeiter.

TAG24: "Sehr geehrter Herr El Yazidi. Sie mussten das Büro des Zentralrats der Muslime in Köln aus Sicherheitsgründen schließen. Erlebt die Islamfeindlichkeit in Deutschland einen neuen Höhepunkt?"

El Yazidi: Zur Bürofrage: Wir mussten es in Köln schließen, um die Mitarbeiter zu schützen. Sie waren nervlich und emotional nicht in der Lage, dort noch weiter zu arbeiten.

Was die Angriffe gegen Muslime angeht, ist es tatsächlich so, dass wir einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Menschen muslimischen Glaubens werden auf der Straße angepöbelt. Frauen, die ein Kopftuch tragen, wird versucht das Kopftuch weg zu reißen. Es gibt Schmierereien an Gotteshäusern.

Das ganze eskaliert so sehr, das inzwischen fast täglich Moscheen brennen in Deutschland. Das ist eine Entwicklung, die erschreckend ist und Angst macht.

TAG24: Wodurch wurde dieser Hass aus ihrer Sicht erneut verstärkt?

El Yazidi: Ich glaube, das Islam-Hass aber auch Antisemitismus in unserer Gesellschaft nie ausgerottet waren. Mit dem Zuzug der vielen Flüchtlinge nach Deutschland haben die Spalter, die Hetzer, die Islamhasser und die Antisemiten in der Gesellschaft ein Ventil gefunden, die Angst öffentlich zu schüren. Dabei haben sie viele Mitläufer gefunden.

Ich befürchte, das ist noch nicht das Ende . Wir brauchen einen Aufschrei der Gesamtgesellschaft, der Politik, der Medien, damit dieser Entwicklung eine Gegenwehr entgegengestellt wird. Das ist dringend notwendig.

Es geht hier schon längst nicht mehr nur um Islamhass oder Antisemitismus. Es geht um die edlen Grundwerte unserer Verfassung, die hier mit Füßen getreten werden. Wir müssen alle eine Allianz der Vernunft bilden gegenüber diesen Entwicklungen.

TAG24: Ihr Vorsitzender wurde mit dem Tode bedroht. Fühlen Sie sich als Vertreter einer Minderheiten-Religion in Deutschland noch sicher und ausreichend geschützt?

El Yazidi: Leider nicht mehr. Wenn unsere Zentrale angegriffen wird, wenn unsere Funktionäre angegriffen werden, Menschen die sich als deutsche Muslime von Anfang an identifiziert haben, die einen sehr guten Ruf in unserer Gesellschaft haben, wie unser Vorsitzender Herr Mazyek, wenn diese Menschen mit Mord bedroht werden, dann können wir uns nicht mehr sicher fühlen.

Wir bitten und erwarten, dass die Sicherheitsbehörden die muslimischen Gotteshäuser, die Religionsgemeinschaften in Deutschland, schützen. Wir haben Ängste und sind erschrocken über die Entwicklung.

Innen- und Heimatminister Horst Seehofer (68, CSU)
Innen- und Heimatminister Horst Seehofer (68, CSU)

TAG24: Trägt der neue Innenminister Horst Seehofer durch seine wiederholte Debatte, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die hier lebenden Muslime aber schon, zur Islamfeindlichkeit bei?

El Yazidi: Ganz sicher trägt das zur Islamfeindlichkeit bei. Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die eben die Gesellschaft spalten wollen, die Anhängern einer Religion die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft absprechen wollen.

Da hat Innenminister Herr Seehofer die Sprüche und die Denkweise der AfD übernommen. Und das in einer Zeit in der Moscheen brennen, in der Gotteshäuser nicht mehr sicher sind. Das war ein ganz schlechter Start des Innenministers.

Wir hätten erwartet, dass er sich klar positioniert in der jetzigen Situation: Für die Religionsfreiheit, die unsere Verfassung hergibt und für das friedliche Miteinander von über fünf Millionen Muslimen, die mit dazu beigetragen haben, dass es Deutschland so gut geht, wie es eben geht.

Wir sind von vornherein ein Teil der deutschen Gesellschaft und wir lassen uns mit Sicherheit nicht von solchen Aussagen auseinander dividieren von der Gesamtgesellschaft.

TAG24: Was löst diese erneute Aussage bei den von Ihnen vertretenen Muslimen aus?

El Yazidi: Das meiste was ich an Feedback bekomme, ist eine große Enttäuschung. Die Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben, die hier aufgewachsen sind, die hier ihre Steuern zahlen und dieses Land mit aufgebaut haben, die dieses Land lieben, weil es ihre Heimat ist, dass die dann von einem neuen Heimatminister eben jene Heimat abgesprochen bekommen, ist unverantwortlich.

Man merkt, dass die AfD-Politik aufgeht und sie die demokratischen Parteien beeinflussen. Wir tun gut daran, uns der Rhetorik der AfDler nicht zu untergeben, sondern die Grundwerte unserer Verfassung wieder in den Vordergrund zu stellen. Damit gewinnt Deutschland und damit gewinnt unsere Verfassung.

TAG24: Die Skepsis gegenüber dem Islam nimmt laut Umfragen weiter zu. Was sagt das über das Zusammenleben der Bevölkerung in Deutschland aus?

El Yazidi: Wenn ich mir die Berichterstattung im Zusammenhang mit Islam und Muslime angucke, dann stelle ich fest, dass sie zum größten Teil sehr negativ ist.

Über die viele gute Arbeit, das zivile Engagement der Muslime wird nicht ansatzweise so intensiv berichtet wie über die Negativbeispiele, die es in unserer Gesellschaft gibt. Dem geschuldet ist dann auch automatisch die Meinung vieler Menschen eine eher negative. Das müssen wir aufbrechen.

Wir müssen sowohl über Positiv-Beispiele berichten als auch über Negativ-Beispiele. Damit dürfen wir aber nicht die fünf Millionen Muslime beflecken.

TAG24: Was muss auf bundespolitischer Ebene gegen den Fremdenhass und die Islamfeindlichkeit getan werden?

El Yazidi: Die muslimischen Religionsgemeinschaften dürfen nicht mit Generalverdacht bedacht werden, sondern als Partner im Kampf gegen Rassismus, im Kampf gegen Extremismus und im Kampf gegen Spalter und Hetzer, die es leider in unserer Gesellschaft gibt, betrachtet werden. Sei es von rechts oder anderer extremistischer Motivation.

Diese Partnerschaft wird, wenn sie öffentlich sichtbar wird, dafür sorgen, dass es eine Rückkehr zur Normalität und zum tatsächlichen Heimatgefühl aller Bürger Deutschlands gibt, unabhängig von welchem Glauben. Das ist meine Meinung nach der richtige Weg.

Und die Politik ist gut beraten, wenn sie diesen Weg parteiübergreifend einschlägt und nicht versucht, die AfD-Rhetorik zu kopieren.Diejenigen die Hass säen wollen in unserer Gesellschaft, werden, wenn sie die Wahl haben, das Original wählen und bestimmt nicht die demokratischen Parteien, die eben diese rechtsextreme AfD kopieren.

Amin Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, wird bedroht.
Amin Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, wird bedroht.

TAG24: Ist Horst Seehofer dafür der richtige Ansprechpartner?

El Yazidi: Horst Seehofer ist unser Innenminister und in dieser Funktion gebührt ihm erstens Respekt und zweitens sollte man ihm eine Chance geben, seine Arbeit zu organisieren und anzugehen. Danach wird er bewertet werden.

Er hat tatsächlich meiner Meinung nach einen verkorksten Start hingelegt durch diese Äusserung.

Er hätte sich insbesondere gegen den Islam-Hass und die Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft positionieren müssen und da auch Sätze der Solidarität den Religionsgemeinschaften und den Muslimen gegenüber bringen müssen. Das hat er versäumt.

Stattdessen hat er eine Scheindebatte wieder aufgelegt, und hat AfD-Rhetorik wiederholt, aber trotzdem verdient er eine Chance.

Er hat angekündigt in der Deutschen Islam-Konferenz konstruktiv mit den Vertretern der muslimischen Religionsgemeinschaften zusammen zu arbeiten.

Wir werden die ausgestreckte Hand annehmen und hoffen, dass wir gemeinsam für unser Land auch mit ihm gute Ergebnisse erzielen werden.