Als kleinste Stadt: Zittau plant die wohl verrückteste Bewerbung

Zittau - Ist das noch mutig oder schon dreist? Zittau, Sachsens Kleinod im Dreiländereck, schielt doch tatsächlich nach kontinentalen Weihen.

Der Marktplatz mit dem Rathaus ist nur einer von vielen malerischen Orten in der Stadt.
Der Marktplatz mit dem Rathaus ist nur einer von vielen malerischen Orten in der Stadt.  © Norbert Neumann

Im Jahr 2025 will man Kulturhauptstadt Europas sein, sich vorher gegen Mitbewerber wie Dresden (TAG24 berichtete), Hannover oder Nürnberg behaupten. Immer vorausgesetzt, die Einwohner stimmen dem Vorhaben bei einer Bürgerbefragung zu.

Parallel zur Europawahl am 26. Mai sollen die Zittauer nämlich per Bürgerentscheid bestimmen, ob die Stadt tatsächlich antreten soll. Schon das gibt es so bei keiner anderen Bewerberstadt.

Für Oberbürgermeister Thomas Zenker (43, Wählergemeinschaft "Zittau kann mehr") macht das Sinn: "Das Ganze ist so wichtig, dass die Leute mitreden müssen." Schließlich soll die Bewerbung Aufbruchstimmung vermitteln. Und die entsteht nur gemeinsam.

Dazu passt auch die Geschichte, wie die Idee von der Zittauer Bewerbung geboren wurde. OB Zenker: "Im Sommer 2017 fragte mich der Görlitzer Landrat Bernd Lange, ob wir uns eine Bewerbung vorstellen können." Drei Tage habe er sich bis zur Antwort erbeten. So lange diskutierte er mit Freunden und Weggefährten, suchte aber auch nach Bedenkenträgern. "Ich habe bloß keine gefunden", sagt Zenker.

OB Thomas Zenker (43) sieht dem Bürgerentscheid am 26. Mai vorsichtig optimistisch entgegen.
OB Thomas Zenker (43) sieht dem Bürgerentscheid am 26. Mai vorsichtig optimistisch entgegen.  © Norbert Neumann

Was soll auch schon passieren: "Wir sind die Kleinsten und jagen den anderen gerade einen Schrecken ein." Und: Man entwickele jetzt schon eine Reihe von Ideen für die Stadt, neue Kontakte würden geknüpft, die so oder so Positives abwerfen - ganz gleich, ob die Bewerbung gelingt oder nicht.

Von den acht Bewerberstädten ist Zittau mit Abstand die kleinste (ca. 26. 500 Einwohner; selbst Gera als zweitkleinste hat mehr als dreimal so viele). Doch man steht ja nicht alleine da. Sowohl der Landkreis Görlitz als auch die Nachbarregionen in Polen und Tschechien haben Wohlwollen signalisiert. Im Falle eines Falles würden sie die Zittauer Bewerbung mit Ideen, aber auch logistisch mittragen (Hotelbetten zur Verfügung stellen, Veranstaltungen anbieten, etc).

Die Grenzlage Zittaus, wirtschaftlich lange ein Nachteil, könnte sich bei der Bewerbung als Pluspunkt erweisen. Wie selbstverständlich arbeiten deutsche, polnische und tschechische Vereine hier seit Jahren grenzüberschreitend zusammen - so etwas gefällt der Jury.

Dazu kommt: Das Thema "Zukunft des ländlichen Raums" hat es wieder auf die politische Agenda geschafft, was ebenfalls für Zittau sprechen könnte. Schließlich wurde bei der EU in Bezug auf die Kulturhauptstadt-Auswahl schon vor Jahren umgedacht.

Nicht mehr die großen, kulturellen Kraftmeier sollen jetzt gewürdigt werden, sondern Orte, die im Umbruch stecken, Potenzial für eine bessere Zukunft haben. "Wenn man selbstbewusst auftritt", formuliert es Zittaus OB Thomas Zenker, dann dürfe man sagen: "Europa braucht so Regionen wie diese".

Sandra Scheel (25) und Martinus van Paridon (43) aus dem Kulturhauptstadtbüro fahren einen aufgemotzten Robur durch die Zittauer Ortsteile, rühren so die Werbetrommel für das Projekt.
Sandra Scheel (25) und Martinus van Paridon (43) aus dem Kulturhauptstadtbüro fahren einen aufgemotzten Robur durch die Zittauer Ortsteile, rühren so die Werbetrommel für das Projekt.  © Norbert Neumann
Manche Gasse in der Zittauer Altstadt hat noch Sanierungsbedarf. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung könnte hier vielleicht etwas Schwung reinbringen.
Manche Gasse in der Zittauer Altstadt hat noch Sanierungsbedarf. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung könnte hier vielleicht etwas Schwung reinbringen.  © Norbert Neumann
Im Zittauer Wasserturm wird am 18. Mai über das Für und Wider einer Bewerbung debattiert. Eine solche Auseinandersetzung mit dem Thema ist durchaus erwünscht.
Im Zittauer Wasserturm wird am 18. Mai über das Für und Wider einer Bewerbung debattiert. Eine solche Auseinandersetzung mit dem Thema ist durchaus erwünscht.  © Norbert Neumann

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