Risiko-Schwangerschaft! Trotzdem finden sie keine Hebamme für ihr Baby

Zittau - "Ich bin wirklich mit meinem Latein am Ende", sagt die werdende Mama Jennifer Kandziora (40). "Gut 40 Hebammen und Praxen habe ich kontaktiert, von allen eine Absage bekommen." Weder Vor- noch Nachsorge ist für ihr ungeborenes Baby gesichert.

Jennifer Kandziora (40) und Alexander Sterz (38) erwarten Ende April ihr Baby. Eine Hebamme hat das Paar allerdings noch immer nicht gefunden.
Jennifer Kandziora (40) und Alexander Sterz (38) erwarten Ende April ihr Baby. Eine Hebamme hat das Paar allerdings noch immer nicht gefunden.  © Matthias Weber

"Zwar habe ich bereits ein Kind, mache mir um die Zeit vor der Geburt keine allzu großen Sorgen", sagt Jennifer. "Aber da ich eine Risikoschwangerschaft habe, ist gerade die Nachsorge in den ersten zehn Tagen nach der Geburt für mich natürlich essenziell."

Ende April ist der errechnete Geburtstermin. "Dass ich noch immer keine Hebamme gefunden habe, macht mir Sorgen."

Besonders der ländliche Bereich, wie eben im Dreiländereck, hat in der Hebammen-Versorgung Defizite. "Zu viele Geburten auf zu wenige Hebammen", sagt Stephanie Hahn-Schaffarczyk (40). "Dadurch werden Anfahrtswege länger, die Hebammen bekommen aber nur bis 25 Kilometer von den Kassen bezahlt."

Jennifer Kandziora hat alle Wege ausgeschöpft, sich mit der Krankenkasse auseinandergesetzt, die Koordinationsstelle "Hebammen in Sachsen" bemüht, ist selbst aktiv geworden. "Mehr kann sie nicht machen", sagt Expertin Hahn-Schaffarczyk. "Ich rate ihr, nochmals Druck bei ihrer Krankenkasse zu machen."

Eine Notlösung ist nun wenigstens in Aussicht: "Die Verwandte meiner Nachbarin ist Hebamme und in der Zeit rund um die Geburt zufällig hier zu Besuch", sagt die werdende Mama.

"Vielleicht kann sie wenigstens die Versorgung übernehmen, solange sie hier ist. Ich hoffe, die Kasse zahlt das, auch wenn die Hebamme aus einem anderen Bundesland kommt."

Sachsen fehlen Geburtshelfer

Stephanie Hahn-Schaffarczyk (40) vom Sächsischen Hebammenverband weiß, dass die Situation für Schwangere in Sachsen auch in den kommenden Jahren schwierig bleiben wird.
Stephanie Hahn-Schaffarczyk (40) vom Sächsischen Hebammenverband weiß, dass die Situation für Schwangere in Sachsen auch in den kommenden Jahren schwierig bleiben wird.  © privat

"Es gibt schlicht zu wenige Hebammen", sagt Stephanie Hahn-Schaffarczyk (40) vom Hebammenverband Sachsen. "Seit 2013 steht laut einer EU-Richtlinie fest, dass die Hebammenausbildung in eine akademische Laufbahn umgewandelt werden muss."

Stichtag dafür ist der 18. Januar 2020, nur noch zehn Monate also.

"Es muss in dieser Hinsicht dringend etwas geschehen, um den Beruf für junge Menschen attraktiver zu gestalten." Lange Fahrzeiten, Überstunden, viel Bürokratie und ein für diese Arbeit vergleichsweise geringes Gehalt werben nicht unbedingt für den Berufsstand, sagt die Hebamme.

"Gleichzeitig gehen in nicht einmal zehn Jahren viele Hebammen in Sachsen in Rente. Bis dahin müssen genügend neue Geburtshelfer ausgebildet sein."

Kommentar

Von Termin zu Termin hetzen, Schwangere im Akkord betreuen, teure Haftpflichtversicherungen, jede Menge Bürokratie für die Krankenkassen: Die ohnehin schon viel zu wenigen Hebammen in Sachsen schaffen es schon lange nicht mehr, allen Schwangeren gerecht zu werden, geschweige eine lückenlose Betreuung abzusichern.

Bereits seit 2013 ist klar, dass die Hebammenausbildung EU-weit akademisiert werden muss. Im Januar 2020 muss das Konzept stehen, bisher ist aber nichts passiert in Sachsen. Es gibt noch nicht mal einen Ort für die neue Hochschule ...

Es kommen zu wenige neue Hebammen nach, es fehlt an jungen Menschen, die die Stellen besetzen, die frei werden, weil in den kommenden zehn Jahren immer mehr erfahrene Geburtshelferinnen in Rente gehen. Gleichzeitig ist es für im Ausland ausgebildete Hebammen noch immer mit zu vielen Hürden verbunden, ihre Zertifikate anerkennen zu lassen und hier zu arbeiten.

Das System krankt. Und die Zahl der Mütter, die keine Betreuung für sich und ihr Neugeborenes bekommen, wird weiter ansteigen. Jetzt ist die Landesregierung gefragt, die Hebammen zu unterstützen. Schließlich wollen doch alle neue Kinder, oder?

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