Sie hat ihrem Mann zum Valentinstag ein unbezahlbares Geschenk gemacht

Stuttgart - Es gibt viele besondere Geschenke zum Valentinstag, doch was Renate Lieb (64) vor drei Jahren für ihren Mann Eberhard (66) getan hat, ist ganz besonders. Sie schenkte ihm eine Niere. TAG24 hat das Paar besucht.

Das Ehepaar Lieb sitzt zu Hause auf der Couch.
Das Ehepaar Lieb sitzt zu Hause auf der Couch.  © TAG24

Mit 32 Jahren wird bei Eberhard Lieb eine chronische Niereninsuffizienz festgestellt. "Viele Jahre ist das gut gegangen", sagt Eberhard.

"Niereninsuffizienz bedeutet eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Nieren", erklärt Dr. med. Markus Krautter, der Leitende Oberarzt am Transplantationszentrum des Klinikum Stuttgart.

Dabei wird der Körper nicht mehr richtig entgiftet und Stoffe, die normalerweise über den Urin ausgeschieden werden, bleiben im Blut zurück. Die Folge bei fortgeschrittener Krankheit: Der Körper vergiftet sich selbst und der Patient benötigt eine Dialyse, also Blutwäsche oder eine Organtransplantation.

"Bei der Diagnose habe ich mir schon überlegt, ob ich noch erlebe, wie meine Kinder erwachsen werden", erinnert sich Eberhard.

Die Befürchtungen bewahrheiten sich zunächst nicht. Seine Niere arbeitet, seine Kinder werden erwachsen, bekommen selbst Kinder und er erlebt mit seiner Frau viele Urlaube.

Doch vor etwa fünf Jahren wendet sich das Blatt. Er ist oft müde, kommt mit dem Rad die Berge nicht mehr hoch. Der Arzt eröffnet Lieb, dass seine Nieren kaum noch arbeiten und er bald an die Dialyse muss oder er eine Organspende braucht.

Patienten müssen oft Jahre auf ein passendes Spenderorgan warten

Das Ehepaar beim gemeinsamen Kochen.
Das Ehepaar beim gemeinsamen Kochen.  © TAG24

"Die Wartezeit in Deutschland beträgt mittlerweile aufgrund des Spendermangels zwischen 8 bis 10 Jahren im Durchschnitt", erklärt Oberarzt Krautter.

Während der Wartezeit muss der Patient zur Dialyse und seine Lebenserwartung sinkt, je länger er auf ein Organ wartet.

Bei der Dialyse muss der Patient mehrmals in der Woche über Stunden im Krankenhaus an einer Maschine angeschlossen werden, die die Funktion der Niere ersetzt und das Blut reinigt. Das Leben muss dann um die Krankenhaustermine geplant werden.

"Ich konnte mir nicht vorstellen, dass unser Alltag von der Dialyse abhängig ist", meint die 64-jährige Renate. Sie entscheidet sich aus dem Bauch heraus, ihrem Mann eine Niere zu spenden.

"Ich hatte mir das erhofft, aber ich wollte, dass sie diese Entscheidung trifft", sagt Eberhard, der seine Brille abnimmt und sich eine Träne aus den Augen wischt.

Das Ehepaar ist seit über 40 Jahren verheiratet, hat vier gemeinsame Kinder und vier Enkelkinder. Die Frau mit den lockigen braunen Haaren hatte nur einen Wunsch: "Ich wollte nur, dass er gesund wird und wir zusammen noch ein schönes Leben haben."

Es folgen viele Untersuchungen. Das Paar hat Glück, die Blutgruppe stimmt überein und beide sind gesund. "Unsere Kinder haben ihre Nieren auch angeboten, aber das wollte ich nicht. Mit Mitte 20 sollte man keine Niere spenden", sagt Renate.

Operation am Valentinstag

Eberhard Lieb liest Zeitung, im Hintergrund Familienbilder.
Eberhard Lieb liest Zeitung, im Hintergrund Familienbilder.  © TAG24

Am 14. Februar 2017 ist es soweit. Vormittags wird Renate im Klinikum Stuttgart die rechte Niere entnommen. Am Nachmittag wird sie Eberhard in die linke Leiste eingesetzt.

Seine eigenen Nieren verbleiben im Körper, bilden sich allerdings nach der Transplantation weiter zurück.

Eberhard kommt auf der Intensivstation wieder zu sich: "Gleich nach dem Aufwachen sagten die Ärzte mir, dass die Niere arbeitet", erinnert sich der heute 66-Jährige an den erleichternden Moment.

Renate erwacht auf der Urologie und hat große Schmerzen. "Da der Schnitt unterhalb des Rippenbogens gesetzt wird und die Rippen bei der Operation manchmal etwas nach oben gedrückt werden müssen, könnte dies die Beschwerden von Frau Lieb erklären. Dies ist aber nicht regelmäßig so, sondern eher eine Ausnahme", erläutert Oberarzt Krautter. Die Schmerzen sollten noch für rund zwei Monate anhalten.

"Ich war meiner Frau unendlich dankbar und es war schlimm, sie leiden zu sehen, während ich immer fitter wurde", beschreibt Eberhard die quälende Situation. Renate vergleicht es mit einer Geburt: "Danach sind die Schmerzen wieder vergessen."

Gemeinsam die Rente genießen

Eberhard und Renate Lieb in ihrem Haus.
Eberhard und Renate Lieb in ihrem Haus.  © TAG24

Nach dem Krankenhaus wollten die beiden in eine Reha im Schwarzwald gehen, um sich von den Strapazen zu erholen.

Die Krankenkasse stellte sich zunächst quer. Erst ein Schreiben eines Anwalts bewirkte die Zusage und eine gemeinsame erholende Kur.

Heute geht es beiden gut. Mit ihrem Wohnwagen reisen sie gemeinsam quer durch Europa, verbringen viel Zeit mit den Enkeln und auch jeder für sich. Renate geht Skifahren, Eberhard Radfahren. "Das würde mit der Dialyse nicht gehen", sagt Eberhard.

Damit der Körper von Eberhard das Organ nicht abstößt, nimmt er Immunsuppressiva, die sein Immunsystem schwächen. Daher muss er vorsichtig sein, darf beispielsweise kein Leitungswasser trinken, kein rohes Fleisch, wie ein medium gegartes Steak und keine Nüsse essen. "Doch das sind alles Kleinigkeiten", meint Eberhard im Vergleich zur Dialyse.

Renate muss sich nicht so sehr einschränken, ihre andere Niere leistet gute Dienste. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen gehören nun eben dazu. "Ich hoffe, dass uns noch ein langes Leben beschert ist", wünscht sich Renate.

"Der Körper funktioniert wieder", sagt Eberhard. Die beiden können gemeinsam ihre Rente genießen und überlegen schon, wo es mit dem Wohnwagen als Nächstes hingeht. "Es war die richtige Entscheidung, ich würde es wieder machen", ergänzt Renate.

"Seither hat Valentinstag für uns eine ganz andere Bedeutung", sagt Eberhard und blickt seine Frau lächelnd an. Sie fügt hinzu: "Jetzt feiern wir Geburtstag" und lacht zurück.


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