Auf das Gehör kommt es an: Deutschlands einziges Baseballteam für Blinde

Freising – Ist der Ball erst einmal in der Luft, heißt es leise sein. Denn wenn er aufkommt, ist Tobias Geitner vor allem auf sein Gehör angewiesen. Dann versucht er, den Ball so schnell wie möglich zu finden und zur nächsten "Base" zu werfen.

Hubertus Hagemeyer, Trainer (l), hilft Tobias Geitner, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats", während einer Trainingseinheit bei der Wurftechnik.
Hubertus Hagemeyer, Trainer (l), hilft Tobias Geitner, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats", während einer Trainingseinheit bei der Wurftechnik.  © Matthias Balk/dpa

Was einfach klingt, bedarf einiges an Übung. Zusammen mit rund einem Dutzend Teamkollegen und Coaches trifft sich Tobias Geitner alle zwei Wochen zum Training der "Bavarian Bats" - dem einzigen deutschen Blindenbaseball-Team. 

In Freising, 40 Kilometer nördlich von München, liegt sein Trainingsgelände. Seit mehr als zehn Jahren spielen die "Bats" mit Spielern aus ganz Bayern dort Blindenbaseball.

Das Spiel orientiert sich eng an den Regeln der Variante für Sehende. Los geht es mit dem Abschlag. Die Besonderheit: Der Ball wird nicht in Richtung des Schlagenden geworfen, sondern der Spieler schlägt ihn aus der eigenen Hand, wie Trainer Hubertus Hagemeyer erklärt.

Ist der Ball weg, heißt es loslaufen. "Die Spieler brauchen dafür sowohl ein gutes Gehör als auch ein gutes Gedächtnis", sagt Hagemeyer. Es gilt, mehrere "Bases" genannte Stationen abzulaufen. Wo diese sind, wissen die Spieler nur durch Geräusche.

Ist an der ersten Base noch ein kleiner Lautsprecher am Boden, steht an der zweiten ein Spieler und macht Geräusche, indem er Filz- oder Plastikklötze aneinander klopft. Von der dritten und letzten Base kommt kein Geräusch, sie müssen sich die Spieler gut einprägen.

Gute Orientierung ist wichtig

Henning Oschwald, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats".
Henning Oschwald, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats".  © Matthias Balk/dpa

Die Aufgabe für das gegnerische Team ist nicht einfacher. Ihm fliegt der Ball entgegen. Glocken im Innern klingen beim Abschlag und nach dem Aufkommen am Boden. Auch hier müssen die Spieler genau hinhören und sich gut räumlich orientieren können. 

Ist der Ball gefangen, muss er so schnell wie möglich zurück zur Base. Dort steht ein Mitspieler und ruft, um den Ball zu fangen. Auch das muss schnell gehen.

Gefordert sind viele komplexe Bewegungsabläufe. Der Abschlag aus der Hand ist nur einer davon. "Für mich ist das aber das schwierigste", sagt Geitner. Wie gut das klappt, sei bei ihm auch von der Tagesform abhängig. 

Der 33-Jährige aus Neumarkt in der Oberpfalz ist seit 2009 dabei und betont, wie wichtig es ist, eine gute Orientierung zu haben: "Um zu wissen, wo gerade was auf dem Spielfeld passiert." Da seien stets viele Dinge und Geräusche zugleich auseinanderzuhalten.

Doch darin sei er auch durch seinen Alltag geschult, sagt Henning Oschwald. Der 42-Jährige wohnt mittlerweile in Nürnberg und hat mit den weitesten Weg zum Training. Auch er betont, wie schwer es ist, den Abschlag zu lernen, wenn man den Bewegungsablauf noch nie gesehen hat. "Wer schon mal sehen konnte, tut sich viel leichter."

In Deutschland gibt es zahlreiche Sportarten für Blinde

Mahmut, Trainer (l), hilft Josef, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats".
Mahmut, Trainer (l), hilft Josef, Spieler der Blindenbaseball-Mannschaft "Bavarian Bats".  © Matthias Balk/dpa

Für das Spiel gibt es laut Hagemeyer keine Klassifikation nach Handicaps. Wer zum Teil noch etwas Sehvermögen hat, setzt eine abgedunkelte Brille auf. Und die hilft sogar, wie Geitner findet. Wer nämlich noch was sehe, werde davon abgelenkt und könne sich nicht so gut auf die Geräusche des Spiels konzentrieren.

Neben Blindenbaseball gibt es in Deutschland noch viele weitere Sportarten für Blinde und sehbehinderte Menschen. "Die mit Abstand beliebteste ist Showdown oder auch Tischball genannt", sagt Torsten Resa vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). 

Das Spiel sei eine Mischung aus Eishockey und Tischtennis. Es werde von Vereinen in ganz Deutschland angeboten.

Ebenfalls sehr populär seien Tandemfahren oder Blindentennis und Blindenfußball, sagt Resa. Insbesondere Blindentennis bekomme aktuell viel Zulauf. 

Denn: "Wer heute in Deutschland erblindet, ist meist in höherem Alter", sagt Resa. Und viele, die früher Blindenfußballer waren, wechselten zum körperlich etwas weniger anstrengenden Tennis.

"Bavarian Bats" sollen schon bald Konkurrenz bekommen

Die Spieler müssen sich auf ihr Gehör verlassen.
Die Spieler müssen sich auf ihr Gehör verlassen.  © Matthias Balk/dpa

Bei der Frage nach Zahlen zu blinden Sportlern muss Resa abwinken. Die gibt es nicht einmal für Blinde und Sehbehinderte generell – ob Sportler oder nicht. Sie würden in Deutschland nicht gezählt. 

"Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, wie nützlich empirisch erhobene Daten wären", heißt es vom DBSV. Das führe dazu, dass in vielen Bereichen Verantwortliche auf Vermutungen angewiesen seien, wo sie eigentlich Planungssicherheit bräuchten.

Für die "Bats" in Freising ist ein anderes wichtiges Ziel vorrangig. Auch wenn sie im Frühjahr noch in der Halle trainieren, geht es für sie bald raus aufs Feld, das sie sich gemeinsam mit den "Grizzlies", dem Freisinger Base- und Softballteam ihres Vereins BC Attaching, teilen. 

Dort wollen sie im September Gastgeber eines internationalen Blindenbaseball-Turniers sein. Die gegnerischen Teams sollen aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Pakistan anreisen.

Vom Turnier erhofft sich das Freisinger Team neben dem sportlichen Wettkampf und einem Austausch mit Spielern aus den verschiedenen Ländern auch mehr Aufmerksamkeit für ihren Sport. Wie jeder Verein seien sie auf Nachwuchs angewiesen, sagt Trainer Hagemeyer. Um mehr Blinde und Sehbehinderte an den Sport heranzuführen, wäre es wichtig, dass an Blindenschulen mehr Teamsportarten angeboten würden, findet er. 

Einen ersten Erfolg gibt es. In Regensburg soll schon bald ein eigenes Team entstehen – und so auch die erste innerbayerische Konkurrenz, freut sich Hagemeyer.

Titelfoto: Matthias Balk/dpa

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