Bayer Leverkusen als Geheimfavorit, oder droht der Werkself das Mittelmaß?

Leverkusen - In Experten-Kreisen zählt Bayer 04 Leverkusen mit zu den Geheimfavoriten, wenn es um die vorderen Tabellenplätze geht. Zum Start der neuen Saison hat der Klub aber mit Personalproblemen zu kämpfen. Alles dazu in der TAG24-Bundesliga-Vorschau.

Mit Odilon Kossounou hat Bayer Leverkusen einen Top-Transfer gelandet

Etwa 23 Millionen Euro Ablöse hat die Werkself nach Belgien überwiesen, um sich Odilon Kossounou (20) unter den Nagel zu reißen. Sein Vertrag gilt bis 2026 - er soll die große Zukunft in der Leverkusener Abwehr sein.

Nicht nur die 1,96 Meter Körpergröße machen was her, auch seine Dynamik, Schnelligkeit und Robustheit stechen hervor. Außerdem verfügt Kossounou mit gerade einmal 20 Jahren schon über internationale Erfahrung.

Sechsmal lief der Innenverteidiger für sein Land, die Elfenbeinküste, auf. In sieben Partien kam er für Brügge in der Champions League zum Einsatz und viermal in der Europa League.

Zudem darf sich der Ivorer zweimal belgischer Meister und einmal Pokalsieger nennen.

Odilon Kossounou (20, r.) kam vom FC Brügge zu Bayer 04. In der Champions League machte er sogar schon PSG-Angreifer Kylian Mbappe (22) das Leben schwer.
Odilon Kossounou (20, r.) kam vom FC Brügge zu Bayer 04. In der Champions League machte er sogar schon PSG-Angreifer Kylian Mbappe (22) das Leben schwer.  © picture alliance/dpa/Bruno Fahy

Mitchel Bakker und Andrey Lunev sind zwei weitere Zugänge bei Bayer Leverkusen

Mit Mitchel Bakker (21) verstärkt ein international bekannter Linksverteidiger das Bayer-Team. Groß geworden in der Schule von Ajax Amsterdam lief er bis zuletzt bei Paris Saint-Germain auf. Etwa sieben Millionen Euro soll der Niederländer gekostet haben, jedoch besitzt PSG laut französischen Medien wohl ein Rückkaufsrecht.

Den Namen Zidan Sertdemir (16), für 2,5 Millionen Euro vom FC Nordsjaelland kommend, sollte man sich schon mal einprägen! Zwar ist der Däne, der türkische Wurzeln besitzt, vorerst nur fürs U19-Team eingeplant, doch wie einst Kai Havertz (22) und Florian Wirtz (18) schlummert in ihm das nächste Mega-Talent im zentralen Mittelfeld.

Ablösefrei schloss sich Torwart Andrey Lunev (29) den Rheinländern an. Er verbrachte seine gesamte Karriere in unterschiedlichsten Klubs in Russland. Zuletzt war der gebürtige Moskauer vier Jahre bei Zenit St. Petersburg aktiv.

Die ausgeliehenen Joel Pohjanpalo (26, 1. FC Union Berlin) Panagiotis Retsos (23, AS Saint-Étienne) sind wieder zurück. Sowohl der finnische Stürmer als auch der griechische Innenverteidiger könnten aber erneut abgegeben werden.

Auf der Suche sind die Leverkusener weiterhin noch nach einem zentralen Abwehrmann. Prominente Namen wie Matthias Ginter (27, Borussia Mönchengladbach), Ozan Kabak (21, FC Schalke 04) oder Thilo Kehrer (24, Paris Saint-Germain) wurden schon gehandelt.

Kurz vor Abschluss steht wohl der Deal mit Innenverteidiger Piero Hincapié (19). Die Bayer-Bosse sind sich laut Sky-Informationen mit Club Atlético Talleres aus Ecuador für zehn Millionen Ablöse einig.

Aufgrund vieler Verletzungssorgen könnte aber auch noch auf anderen Positionen reagiert werden.

Mitchel Bakker (21, l.) lief zuletzt für Paris Saint-Germain auf. Hier im Duell mit Jérémy Le Douaron (23) von Stade Brest.
Mitchel Bakker (21, l.) lief zuletzt für Paris Saint-Germain auf. Hier im Duell mit Jérémy Le Douaron (23) von Stade Brest.  © picture alliance/dpa/Fred Tanneau

Mit Lars und Sven Bender geht Bayer Leverkusen ein wichtiges Führungsspieler-Duo verloren

Der Abschied des Zwillingspärchens Sven und Lars Bender (32) war nicht nur emotional, sondern vor allem auch doppelt bitter! Letzterer war zwölf Jahre für Leverkusen am Ball, Bruder Sven nur vier, davor kickte er lange Zeit für Borussia Dortmund.

Beide standen stets für Fairness, waren bodenständig und absolut loyal. Doch aufgrund diverser Verletzungen und körperlicher Defizite entschied sich das Duo für einen Schlussstrich im Profi-Fußball. Rumgepöhlt wird nun nur noch beim TSV Brannenburg in der Kreisklasse 1.

Auch Leon Bailey (23) hat Bayer 04 nach viereinhalb Jahren Zugehörigkeit verlassen. Den Jamaikaner zog es zu Aston Villa. Dafür bekam die Werkself eine satte Ablösesumme in Höhe von 32 Millionen Euro.

Vorerst ist auch das Kapitel um Santiago Arias (29) beendet. Die Leihe des Kolumbianers, der sich nach nur einem Einsatz für Leverkusen im WM-Qualifikationsspiel gegen Venezuela einen Wadenbeinbruch, einen Syndesmosebandriss und weitere Bandverletzungen im Sprunggelenk zugezogen hatte, wurde nicht verlängert. Ein erneutes Leih-Geschäft ist aber noch möglich.

Außerdem haben den Konzern-Klub Tin Jedvaj (25, Lokomotive Moskau), Demarai Gray (25, FC Everton), Aleksandar Dragovic (30, Roter Stern Belgrad) und Cem Türkmen (19, Clermont Foot) verlassen.

Ein möglicher Abschied winkt auch beim Brasilianer Wendell (28), der nach sieben Jahren eine neue Herausforderung sucht.

Bild links: Die Zwillingsbrüder Sven (l.) und Lars Bender (32) haben Abschied aus dem Profigeschäft genommen. Bild rechts: Auch Leon Bailey (23) ist weg, für ihn gab es aber eine deftige Ablösesumme.
Bild links: Die Zwillingsbrüder Sven (l.) und Lars Bender (32) haben Abschied aus dem Profigeschäft genommen. Bild rechts: Auch Leon Bailey (23) ist weg, für ihn gab es aber eine deftige Ablösesumme.  © picture alliance/dpa/Federico Gambarini, Thilo Schmuelgen

Die Vorbereitung lief bei Bayer Leverkusen nur schleppend an

In den Testspielen lief es alles andere als glatt. Zunächst kamen die Kicker vom Rhein gegen den SC Freiburg nicht über ein torloses Remis hinaus, fünf Tage später setzte es sogar ein 1:5-Debakel gegen den FC Utrecht aus der Niederlande.

Ein wenig Selbstvertrauen konnte sich die Werkself dann mit einem 3:1-Erfolg über Rot-Weiß Oberhausen wiederholen, das aber mit der 0:1-Niederlage im letzten Test gegen den FC Viktoria Köln verflogen war.

Immerhin entging Bayer einem vorzeitigen Aus im DFB-Pokal. Rechtzeitig im ersten Pflichtspiel der neuen Saison lieferte die Mannschaft von Neu-Trainer Gerardo Seoane (42) eine konzentrierte Leistung ab und gewann gegen den 1. FC Lok Leipzig mit 3:0.

Am Samstag (ab 15.30 Uhr) ertönt dann der Anpfiff in der 1. Bundesliga. Angetreten wird bei den Eisernen in Berlin-Köpenick.

Die Spieler der Werkself jubeln nach dem Treffer zum 3:0 gegen Lok Leipzig. Kerem Demirbay (28, l.u.) schnürte einen Doppelpack.
Die Spieler der Werkself jubeln nach dem Treffer zum 3:0 gegen Lok Leipzig. Kerem Demirbay (28, l.u.) schnürte einen Doppelpack.  © picture alliance/dpa/Hendrik Schmidt

TAG24-Prognose: Bayer Leverkusen ist eine Wundertüte - von Platz zwei bis acht alles möglich

Für TV-Experte Dietmar Hamann (47) zählt Leverkusen zu den Geheimfavoriten in der Liga. Zuletzt erklärte er bei Sky, dass die Mannschaft ihm imponiere. Doch wer spielt in der neuen Saison überhaupt?

Trotz der Verpflichtung von Lunev dürfte Lukas Hradecky (31) weiterhin unangefochten die Nummer eins sein. Dahinter tummeln sich neben dem russischen Neuzugang auch Niklas Lomb (28) und U21-Europameister Lennart Grill (22), der sein Potenzial bei der EM schon unter Beweis gestellt hat.

Top-Transfer Kossounou ist zu Beginn der kommenden Spielzeit in der Innenverteidigung gesetzt - trotz seiner erst 20 Jahre. Weil Edmond Tapsoba (22) wegen eines Syndesmosebandrisses ausfällt, wird Jonathan Tah (25) gefragt sein. Im Pokal gab Retsos sein Startelf-Comeback.

Auf den Außenverteidiger-Positionen ist Bayer gut besetzt. Doch auch hier hat das Verletzungspech zugeschlagen. Der im Sommer verpflichtete Bakker musste gegen Lok Leipzig wegen Oberschenkelprobleme passen, ist aber mittlerweile wieder ins Training eingestiegen.

Daley Sinkgraven (26) sprang dafür auf der linken Seite ein, Wendell will noch wechseln. Gegenüber stehen Jeremie Frimpong (20), Timothy Fosu-Mensah (23) und Mitchell Weiser (27) zur Verfügung. Frimpong dürfte die Nase vor Fosu-Mensah und Weiser vorn haben.

Im zentralen Mittelfeld kam mit Kerem Demirbay (28) und Charles Aránguiz (32) ein erfahrenes Duo zum Einsatz, das auch über die Saison hinweg entscheidend sein wird. Auch der Österreicher Julian Baumgartlinger (33) ist kein Anfänger mehr, lediglich Exequiel Palacios (22) und das 16-jährige Wunderkind Sertdemir senken hier den Altersdurchschnitt.

Super-Talent Wirtz und Nadiem Amiri (24) werden eine Reihe weiter vorn schon für Torgefahr sorgen und die Angreifer zudem mit Pässen in die Tiefe füttern.

Auf den Flügelpositionen bleibt die Werkself bis auf den abgewanderten Bailey unverändert: Der pfeilschnelle Moussa Diaby (22), der Brasilianer Paulinho (21) und Ex-Nationalspieler Karim Bellarabi (31) machen hier das Rennen. Letzterer zog sich am vergangenen Samstag eine Oberschenkelverletzung zu und muss wochenlang pausieren.

Und bei den Mittelstürmern darf sich Coach Seoane zwischen EM-Held Patrik Schick (25), Lucas Alario (28) und Pohjanpalo entscheiden. Alario verletzte sich allerdings zuletzt im Training, zog sich einen Muskelfaserriss im Adduktorenbereich zu, Pohjanpalo ist zu Beginn wohl nur zweite Wahl. Emrehan Gedikli (18), gerade erst aus der U19 hochgekommen, wird ebenso auf Spielzeit hoffen.

Interessant wird aber zu sehen sein, wie es dem neuen Cheftrainer aus der Schweiz gelingen mag, seine Philosophie und Ideen beim Tabellensechsten der Vorsaison unterzubringen.

Drei Meistertitel in Folge mit BSC Young Boys sprechen für große Qualität an der Seitenlinie. Seoane ist nun erstmals in Deutschland gefordert.

Patrik Schick (25, l.) ist aktuell der Sturmtank im Team der Leverkusener. Im Pokal setzte er sich unter anderem gegen Leipzigs Damir Mehmedovic (23) durch.
Patrik Schick (25, l.) ist aktuell der Sturmtank im Team der Leverkusener. Im Pokal setzte er sich unter anderem gegen Leipzigs Damir Mehmedovic (23) durch.  © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

Von Top bis Flop alles möglich! Gelingt der Saisonstart, ist für die Werkself wieder ein Platz unter den ersten Fünf denkbar. Findet die Maschine aber nur schwer in die Gänge, droht ein Jahr ohne internationale Teilnahme.

Titelfoto: picture alliance/dpa/Hendrik Schmidt

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