DFB-Elf und der Abgesang: Lieber Jogi, Lieber Oli, danke für alles!

Sevilla - 0:6. "Wir müssen analysieren." So Bundestrainer Joachim Löw (60) nach der historischen Schmach von Sevilla. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht in Andalusien baden (TAG24 berichtete). "Ein rabenschwarzer Tag". Nein, ein Fiasko, eine Offenbarung. Es ist Zeit, Danke zu sagen.

Es war der Höhe- und nicht der Schlusspunkt im Kapitel DFB für Oliver Bierhoff (52) und Joachim Löw (60). Der Sieg bei der WM 2014 in Brasilien.
Es war der Höhe- und nicht der Schlusspunkt im Kapitel DFB für Oliver Bierhoff (52) und Joachim Löw (60). Der Sieg bei der WM 2014 in Brasilien.  © Jens Wolf/dpa

"Jetzt wissen wir, wie sich Brasilien 2014 gefühlt haben muss", so ARD-Moderator Matthias Opdenhövel (50) nach der Partie im ARD-Studio mit WM-Held Bastian Schweinsteiger (36).

Schweinsteiger selbst, noch etwas wackelig auf den Experten-Beinen, suchte nach Worten. Man merkte ihm an: Es kochte, er wollte am liebsten laut aussprechen, was in ihm gärte. Das soll sein Erbe sein? Doch er ist noch zu sehr Spieler, kennt einen Großteil der Akteure, sie sind teilweise sogar seine Freunde. Wie auch der Bundestrainer. Er ließ die Keule im Sack.

"Es war ein Abend, an dem uns absolut nichts gelungen ist. Wir sind enttäuscht. Wir waren weder in Zweikämpfen noch in puncto Körpersprache präsent auf dem Platz", resümierte Joachim Löw die Partie. Sichtlich nachdenklich, jedoch noch immer mit der Hand über seiner Mannschaft - was bleibt ihm auch anderes übrig.

Seit 1958, damals bei der WM gegen Frankreich beim 3:6, hat die DFB-Elf keine sechs Gegentreffer mehr kassiert. Löws Analyse: "Wir haben Räume geöffnet für die Spanier, das haben diese gnadenlos ausgenützt."

Doch man muss sagen: Es reicht nicht mehr, dieses Spiel nur zu "analysieren".

Bierhoff muss sein Gesicht wahren, doch ist dieser Zug nicht abgefahren?

Die Trainerbank am 17. November 2020. Ein Sinnbild.
Die Trainerbank am 17. November 2020. Ein Sinnbild.  © Daniel Gonzales Acuna/dpa

Oliver Bierhoff sicherte Joachim Löw vor dem Spiel zu, dessen Weg bis zu EM mitzugehen. Nach dem Spiel musste er notgedrungen daran festhalten.

Ernst gemeint haben, kann er das nicht. "Das Vertrauen ist da, daran ändert auch dieses Spiel nichts." Ok.

Es ist offensichtlich, was der Nationalmannschaft fehlt. "Du bekommst in sechs Nations-League-Spielen 13 Gegentreffer", so Schweinsteiger. Die Rufe nach den Boatengs und Hummels' dieser Welt sind inzwischen ebenso nervig wie deutlichst überfällig.

Doch Joachim Löw kann nur noch verlieren - und mit ihm sein Teammanager. "Die Mannschaft" hat sich ergeben. Das immer wieder offen ausgesprochene Vertrauen des Trainers, entgegen jedem Sturm, es wurde missbraucht.

Ja, das Team ist jung, doch das der Spanier waren es vergleichsweise genauso. Während bei uns Joshua Kimmich (schmerzlich) fehlte, waren es beim Weltmeister von 2010 unter anderem Schwergewichte wie Thiago (30) und Sergio Busquets (32), Anführer Ramos ging zudem nach etwas über einer halben Stunde wegen muskulärer Probleme vom Platz.

Es ist Zeit, Danke zu sagen.

Danke an nun inzwischen 14 Jahre unter der Führung von Chef-Coach Joachim Löw. Danke auch, an Oliver Bierhoff, der vielleicht den ein oder anderen Marketing-Strang zu viel gezogen haben könnte, aber das ist in Summe nicht weiter tragisch.

Wir waren außerordentlich erfolgreich. Mit vielleicht "nur" einem Titel, allerdings waren wir bis einschließlich 2016 immer vorne dabei. Auf diesem Niveau ist der Erfolg nie plan-, die Blamage allerdings immer vermeidbar. Wenn nicht, muss man reagieren.

So haben es die Spanier einst mit Erfolgscoach Vicente del Bosque getan und auch die Brasilianer mit Luiz Felipe Scolari nach der Heim-WM 2014.

Manuel Neuer vermisst Kommunikation, Jonathan Tah als Sinnbild der Aufopferung für Team und Trainer

Spanien hat eine völlig desolate Nationalelf nach allen Regeln der Kunst verprügelt.
Spanien hat eine völlig desolate Nationalelf nach allen Regeln der Kunst verprügelt.  © Daniel Gonzales Acuna/dpa

Keeper Manuel Neuer stand indes nach der Partie gewohnt sachlich Rede und Antwort. "Gemeinsam" habe man das Spiel "vergeigt". "Die Körpersprache und die Kommunikation waren zu wenig."

Attribute, die ein Thomas Müller in seinem Klub (in den leider leeren Corona-Stadien deutlich hörbar) mitbringt.

Dem Umbruch entgangen ist einst Toni Kroos. Gesprochen hat er auch nicht, an den Ketten gezerrt ebenso wenig. "Das Problem ist, dass wir keinen Zugriff bekommen haben. Plan war, kompakt zu stehen", so der Madrilene. Ging nicht auf.

Eines ist nun mehr als deutlich: Der Bundestrainer kann sein Gesicht nicht mehr wahren. Das Leistungsprinzip ist von ihm selbst aus den Angeln gehoben. Die taktische Marschroute nicht erkennbar, zumindest aber nicht umgesetzt.

Die Aufopferung von Spielern für den Trainer geht gen Null. Bezeichnend der Leverkusener Jonathan Tah (24). Ein guter Verteidiger, der jedoch im Klub seinen Stammplatz verloren hat. In der Wohlfühl-Oase DFB spielt er. Ob ihm der Bundestrainer da in einer solchen Situation einen Gefallen tut, darf angezweifelt werden.

Löw wechselte den Leverkusener ein. Bis auf einen Moment, in dem er Alvaro Morata - auch aufgrund seiner Hilflosigkeit gegenüber dem spanischen Stürmer - von den Beinen holte und Gelb kassiert, winkte er oft ab, verdrehte die Augen, ergab sich. Ein Sinnbild.

EM-Hammer-Gruppe mit Frankreich, Portugal und Ungarn: es wird ernst

Im Spiel gegen die Ukraine nur einen Gegentreffer bekommen. Ggen Spanien waren es sechs für die deutsche Hintermannschaft. Jonathan Tah (24, li.) und Robin Koch (24).
Im Spiel gegen die Ukraine nur einen Gegentreffer bekommen. Ggen Spanien waren es sechs für die deutsche Hintermannschaft. Jonathan Tah (24, li.) und Robin Koch (24).  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Es braucht Qualität. Diese sitzt in München und Dortmund. Gesetzt dem Falle, sie würden Klasse beweisen und nach einem Anruf des Bundestrainers wiederkommen, ohne nachtragend zu sein für das schäbige Verhalten bei der Ausbootung: Sein Gesicht hätte Löw verloren.

Holt er sie nicht zurück, ist nach der WM 2018 das nächste historisch-schwache Abschneiden bei der EM 2021 wahrscheinlich - in einer Gruppe mit Frankreich, Portugal und Ungarn.

Es ist eine Arbeit, die kaum zu bewältigen scheint für Löw und seinen Ersatz-Flick, dessen Name uns gerade entfallen ist. Ebenfalls ein Sinnbild.

Deutschland ein Herbst-Fiasko. Der Abgesang der Trainer-Legende.

Titelfoto: Jens Wolf/dpa , Daniel Gonzales Acuna/dpa

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