Kommentar zu Joachim Löws Rücktritt: Gute Entscheidung, die Respekt verdient!

Deutschland - Das kam überraschend! Joachim Löw (61) hat am Dienstag bekannt gegeben, dass er nach der Europameisterschaft 2021 als Bundestrainer aufhört. Warum diese Entscheidung Respekt verdient und gleichzeitig folgerichtig ist. Ein Kommentar.

Joachim Löw (61) musste sich zuletzt warm anziehen, weil die Kritik an seiner Person immer stärker zunahm.
Joachim Löw (61) musste sich zuletzt warm anziehen, weil die Kritik an seiner Person immer stärker zunahm.  © dpa/Robert Michael/dpa-Zentralbild

Eine 15-jährige Ära geht im Sommer zu Ende. Es war eine insgesamt erfolgreiche Zeit, obwohl sich die Kritik in den vergangenen Jahren häufte und Löw nicht mehr den Rückhalt genoss und genießt, den er noch bis zur WM 2018 besessen hatte.

Blickt man auf seine gesamte Amtszeit zurück, überstrahlt der eine große Erfolg jedoch all das. Denn der gebürtige Schwarzwälder wird auf ewig mit dem WM-Titel 2014 verbunden bleiben, der den Höhepunkt seiner Trainer-Laufbahn darstellt und wohl auch nicht mehr zu toppen ist.

Die deutschen Fußballfans versanken im Freudentaumel und die DFB-Elf war endlich wieder an der Spitze des Weltfußballs angekommen. Diese Emotionen gab es auch und vor allem dank Löw.

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Bei der EM 2016, als die DFB-Auswahl im Halbfinale gegen Frankreich (0:2) ausschied, lief es ebenfalls noch gut und Abnutzungserscheinungen waren nicht auszumachen. Anschließend wurden sie jedoch immer deutlicher. Der 52-fache Bundesliga-Spieler verkalkulierte sich bei der WM 2018 und bekam den Umbruch in der Folge nicht gut genug moderiert.

Schon zuvor wurden ihm immer wieder fragwürdige Personalentscheidungen vorgeworfen. In den vergangenen Jahren hat die Kritik in dieser Hinsicht aber nochmal zugenommen, weil er Leistungsträger regelmäßig nicht nominierte, dafür aber Ersatzspieler. All dieser angestaute Frust entlud sich nach der erschreckenden 0:6-Klatsche in Spanien auf sehr deutliche Art und Weise.

Deutschlands 0:6-Klatsche in Spanien im Video

Joachim Löw stand zuletzt verstärkt in der Kritik, seine Erfolge dürfen jedoch nicht vergessen werden!

TAG24-Fußballredakteur Stefan Bröhl (32) meint: Joachim Löw (61) machte einige Fehler, doch seine jahrelange gute Arbeit sollte nicht vergessen werden!
TAG24-Fußballredakteur Stefan Bröhl (32) meint: Joachim Löw (61) machte einige Fehler, doch seine jahrelange gute Arbeit sollte nicht vergessen werden!  © dpa/Christian Charisius

Das brachte offenbar auch den Bundestrainer stärker ins Grübeln. Denn die Entscheidung, zurückzutreten, wird über einen längeren Zeitraum in ihm gereift sein - und ist folgerichtig, wenn auch zu spät.

Man kann Löw dabei gar nicht vorwerfen, dass er nach der WM 2018 nicht abtreten, sondern seine eigenen Fehler korrigieren wollte. Er war selbst erschüttert von dem Aus in der Gruppenphase und ging motiviert an seine Aufgabe heran, was menschlich nachvollziehbar ist.

Dennoch traten die Probleme des Bundestrainers nun deutlich zutage. So fremdelten die Fans immer mehr mit der Nationalmannschaft und Löw, was nicht ausschließlich an ihm lag, sondern auch an vielen weiteren unglücklichen Aussagen und Entscheidungen von Verantwortlichen.

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Diese gaben den Anhängern das Gefühl, dass der DFB in seiner eigenen Blase leben, sich von der Realität und damit auch der eigenen Basis mehr und mehr entfernen würde.

Auch Löw hat hier einige Fehler begangen. Dennoch wäre es unfair, ihn nur daran und an seinen letzten Bundestrainer-Jahren zu messen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass er nach dem Sommermärchen 2006 über Jahre ein Team formte, das zu den Besten der Welt gehörte und nicht nur die Menschen in Deutschland begeisterte.

WM-Siegtor von Mario Götze gegen Argentinien im Video

Siegerehrung der DFB-Auswahl bei der WM 2014

Joachim Löws Stil war lange Zeit erfolgreich

Der Höhepunkt von Joachim Löws (61, stemmt den Pokal in die Höhe) Karriere: der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.
Der Höhepunkt von Joachim Löws (61, stemmt den Pokal in die Höhe) Karriere: der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.  © dpa/Marcus Brandt

Bei der EM 2008 scheiterte man erst im Finale an Spanien (0:1), bei der WM 2010 begeisterten die vielen jungen Wilden mit ihrem erfrischenden Fußball und scheiterten erneut erst an den damals alles überragenden Spaniern - diesmal im Halbfinale (0:1). Am Ende wurden Löws Mannen Dritter.

Bei der EM 2012 war wieder im Halbfinale Schluss, weil Italiens Mario Balotelli (30), eines, wenn nicht sogar das beste Spiel seiner Karriere ablieferte und die Squadra Azzurra zum 2:1-Sieg führte.

Ein Einzug in die Runde der letzten Vier wäre 2021 ein Erfolg - nach all den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahre! Löw hat dabei die Chance auf einen würdigen Abschied. Wenn er seinen Kader noch ein letztes Mal zu einer echten Einheit formen kann, ist der DFB-Elf einiges zuzutrauen, obwohl sie selbstverständlich nur als Titel-Außenseiter ins Rennen geht.

Doch diese letzte Bundestrainer-Aufgabe wird der frühere Spieler des SC Freiburg, VfB Stuttgart, Karlsruher SC und von Eintracht Frankfurt mit viel Elan angehen, der sich möglicherweise auch auf die Mannschaft überträgt.

Wenn auch die Verantwortlichen um Manager Oliver Bierhoff (52) und Präsident Fritz Keller (63), die zuletzt ebenfalls nicht mehr vollends hinter Löw standen, für diese Monate zu ihm halten, gibt es vielleicht doch noch ein (kleines) sportliches Happy End - ohne, dass das der EM-Gewinn sein muss. Ein sportlich würdiges und starkes Auftreten würde da "schon" reichen und wäre Löw nach all der Kritik auch zu wünschen.

Titelfoto: dpa/Christian Charisius

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