Spannung vor EM-Finalkracher Italien gegen England greifbar: "Was Schönes für alle Fußball-Liebhaber"

Von Jan Mies, Nils Bastek und Miriam Schmidt

London - Wer krönt sich zum Europameister? Italiens Kapitän Giorgio Chiellini (36) grinste, als er in die hintere Tür des Busses zum Flughafen einstieg. Trainer Roberto Mancini (56) grüßte gut gelaunt die Kamerateams, die in der Sonne warteten.

Wer wird am Ende jubeln? Italiens Trainer Roberto Mancini (56, l.) oder Englands Coach Gareth Southgate (50)?
Wer wird am Ende jubeln? Italiens Trainer Roberto Mancini (56, l.) oder Englands Coach Gareth Southgate (50)?  © dpa/Nick Potts/PA Wire/Frank Augstein/Pool AP

Zumindest nach außen hin entspannt machte sich die Squadra Azzurra am Samstag auf zur großen Titelmission Richtung London.

Im nervenaufreibenden Finale der Europameisterschaft 2020 vor mehr als 60.000 Zuschauern an diesem Sonntag (21 Uhr/ZDF und MagentaTV) wartet England - und die Three Lions sind heiß, eine ewig lange Leidenszeit zu beenden.

"Wir alle haben so lang gewartet", sagte Stürmerstar Harry Kane (27), der noch lange nicht geboren war, als England vor 55 Jahren zum bislang letzten Mal einen großen Titel gewinnen konnte.

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"Diese Gelegenheit muss man mit beiden Händen ergreifen." Ob er sich schon vorgestellt habe, wie es wäre, den silbernen Pokal vor den frenetisch jubelnden Fans in den Londoner Abendhimmel zu stemmen? "Natürlich denkst du als Spieler an diesen Moment, du träumst von diesem Moment", sagte der England-Kapitän.

Nationaltrainer Gareth Southgate (50) ließ am Samstagabend keine Zweifel am großen Ziel aufkommen. "Wir sind in einem Finale, und wir sind hier, um zu gewinnen. Wir wollen den Pokal für alle nach Hause bringen", sagte er, der zuvor ein kurzes motivierendes Schreiben von Königin Elizabeth II. erhalten hatte. Die Queen würdigte "Geist, Hingabe und Stolz" der Mannschaft, die unbedingt gewinnen wolle.

Doch es muss nicht so kommen. Die Italiener gehen leicht favorisiert in das Endspiel, Mancinis Auswahl spielte bislang ein furioses Turnier. "Wir wollen versuchen, so zu spielen, wie wir es uns immer vornehmen", sagte der Coach, der am Offensivstil festhalten will.

Italien spielt mittlerweile ansehnlichen Offensivfußball, vernachlässigt die Defensive dennoch nicht

Lassen Italiens Abwehr-Routiniers Giorgio Chiellini (36, l.) und Leonardo Bonucci (34) auch gegen England nichts zu?
Lassen Italiens Abwehr-Routiniers Giorgio Chiellini (36, l.) und Leonardo Bonucci (34) auch gegen England nichts zu?  © dpa/Simone Arveda/ANSA

"Wir müssen uns auf unser Spiel konzentrieren." Der 56-Jährige hatte die Azzurri nach der verpassten WM 2018 übernommen, neu aufgestellt und ist mit seinem Team seit 33 Spielen ungeschlagen.

Der Mythos, Italien spiele destruktiv und unansehnlich, fiel spätestens bei dieser EM. In der Defensive lässt das Oldie-Duo Chiellini und Leonardo Bonucci (34) kaum gegnerische Chancen zu, in der Offensive übertrafen der frühere Dortmunder Ciro Immobile (31), Lorenzo Insigne (30), Federico Chiesa (23) und Co. sämtliche Erwartungen.

Die Engländer halten mit einer ebenso starken Verteidigung dagegen, die bei der EM nur ein Gegentor kassiert hat. Und vorne wirbeln Raheem Sterling (26) und Kane, der sich auf sein Duell mit Chiellini und Bonucci freut.

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"Als Stürmer will ich gegen die besten Verteidiger der Welt spielen, und diese beiden gehören definitiv dazu", sagte der Kapitän. "Wir sind es, die sie unter Druck setzen müssen. Wenn wir es schaffen und in Führung gehen", sagte Mancini auf die Frage, ob die Erwartungen der Fans im Stadion auch ein Nachteil für den Gastgeber sein könnten.

"Fast das ganze Stadion wird England unterstützen. Aber nach eineinhalb Jahren ohne Fans ist das gut so." Auch Kapitän Chiellini sagte: "Mich interessiert nur, dieses wunderschöne Stadion zu genießen. Das ist etwas Schönes für alle Fußball-Liebhaber."

Italiens Nationalcoach Roberto Mancini will, dass "die Jungs 90 Minuten Spaß" haben!

Englands Fußballlegende Gary Lineker (60) mahnt die Stadionbesucher zu mehr Respekt und bittet darum, bei der italienischen Nationalhymne nicht zu buhen.
Englands Fußballlegende Gary Lineker (60) mahnt die Stadionbesucher zu mehr Respekt und bittet darum, bei der italienischen Nationalhymne nicht zu buhen.  © dpa/Christian Charisius

Er selbst sei froh und dankbar, in einem Finale dabei sein zu können: "Es ist ein unglaubliches Glück, diese Partie spielen zu dürfen."

Mancini will, dass sein Team das Spiel genießt. "Ich hoffe, die Jungs haben 90 Minuten Spaß", sagte der erfahrene Trainer. "Nur so kann man ein Finale gewinnen".

Wenn einer Mannschaft zugetraut wird, in der aufgeheizten und wegen der Corona-Pandemie fragwürdigen Wembley-Atmosphäre zu bestehen, dann den Italienern.

Die Fans werden am Sonntagabend für beide Teams ein Faktor sein - vor dem Anpfiff des englischen Halbfinales gegen Dänemark hatten einige Zuschauer allerdings auch gezeigt, was in den vergangenen Pandemie-Monaten nicht gefehlt hatte.

Während der gegnerischen Nationalhymne waren laute Buhrufe und Pfiffe in dem riesigen Stadion ertönt.

"Wenn ihr das Glück hattet, ein Ticket für das Finale zu bekommen, bitte, bitte buht nicht bei der italienischen Hymne", twitterte England Fußball-Idol Gary Lineker (60), der beim WM-Triumph 1966 immerhin schon auf der Welt war.

Englands Kapitän Harry Kane: "Das bislang größte Spiel all unserer Karrieren"

Dürfen Phil Foden (21, l.) und Harry Kane (27) am Ende mit England den Europameistertitel feiern?
Dürfen Phil Foden (21, l.) und Harry Kane (27) am Ende mit England den Europameistertitel feiern?  © dpa/Laurence Griffiths/Pool Getty/AP

Das sei "verdammt unhöflich" und "respektlos". Die italienischen Fans werden deutlich in der Unterzahl sein. Für das Finale einreisen dürfen nur 1000 Italiener, der Verband bekam zusätzlich 6500 Karten für in Großbritannien lebende Fans zugesprochen.

"Das ist das bislang größte Spiel in meiner Karriere, wahrscheinlich sogar das größte Spiel all unserer Karrieren", sagte Kane.

"Ich denke, das wird ein 50/50-Spiel. Natürlich glauben wir daran, dass wir das Spiel gewinnen können. Aber wir wissen auch, dass es sehr hart wird. Sie haben einige großartige Spieler mit großer Erfahrung."

Englands Trainer Southgate hob das Endspiel auf eine höhere Ebene.

Der Ex-Nationalspieler, dessen Fehlversuch im Elfmeterschießen des EM-Halbfinales 1996 gegen Deutschland nationale Trauer ausgelöst hatte, erinnerte an die vielen Dinge, auf die England "stolz" sein könnte.

Das Land scheint zumindest für dieses eine Spiel vereint. "Ihr macht uns so stolz", titelte am Samstag die Zeitung "Telegraph". "Bringt es nach Hause - für das Land."

Titelfoto: dpa/Nick Potts/PA Wire/Frank Augstein/Pool AP

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