Mega-Elferkrimi! Schweiz wirft Frankreich nach begeisterndem Spektakel raus

Bukarest (Rumänien) - Was für ein Fußball-Thriller! Frankreich und die Schweiz lieferten im Achtelfinale der Europameisterschaft 2020 ein denkwürdiges Spiel ab, in dem die Eidgenossen nach einem nervenzerreißenden Elfmeterschießen die Oberhand behielten, mit 8:7 (3:3/3:3/3:3/1:0) gewannen und ins Viertelfinale einzogen.

Die überraschende Führung: Ex-Eintracht-Stürmer Haris Seferovic (2.v.r.) schüttelt Barca-Verteidiger Clement Lenglet (2.v.l.) wie eine lästige Fliege ab und köpft in die linke Ecke zum 1:0 für die Schweiz gegen Frankreich ein.
Die überraschende Führung: Ex-Eintracht-Stürmer Haris Seferovic (2.v.r.) schüttelt Barca-Verteidiger Clement Lenglet (2.v.l.) wie eine lästige Fliege ab und köpft in die linke Ecke zum 1:0 für die Schweiz gegen Frankreich ein.  © dpa/Marko Djurica/Pool Reuters

Die regulären Tore vor rund 27.000 Fans in der Arena Nationala erzielten Haris Seferovic zum 1:0 sowie 2:3 für die Schweiz (15. Minute/81.), Karim Benzema zum 1:1 sowie 2:1 (57./59.) und Paul Pogba zum 3:1 für Frankreich (75.).

Der Eidgenosse Mario Gavranovic erzwang mit seinem 3:3 dann die Verlängerung (90.). Zwischendurch verschoss Ricardo Rodriguez für die Eidgenossen einen Foulelfmeter (55.).

Les-Bleus-Coach Didier Deschamps wechselte nach dem 2:2 im letzten Gruppenspiel gegen Portugal dreimal aus. Clement Lenglet, Benjamin Pavard und Adrien Rabiot ersetzten Jules Kounde und die beiden Bayern-Profis Lucas Hernandez sowie Corentin Tolisso.

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Nati-Trainer Vladimir Petkovic vertraute hingegen exakt dem Team, das die Türkei mit 3:1 besiegt hatte.

Die Partie begann ohne Abtastphase und direkt mit der ersten Chance. Eine Ecke von Antoine Griezmann köpfte Raphael Varane jedoch unkontrolliert drüber (2.). Es brannte auch davon abgesehen mitunter lichterloh im Strafraum der Eidgenossen. Gerade Supersprinter Kylian Mbappe drehte mächtig auf und spielte seinen Gegenspielern teilweise Knoten in die Beine.

Doch die Schweizer Abwehr hielt stand, bekam die Situationen mehrfach mit vollem Einsatz bereinigt, arbeitete sich schnell in die Begegnung hinein, wagte sich immer wieder nach vorne - und belohnte sich mit der ersten Möglichkeit! Steven Zuber chippte den Ball von der linken Seite mit viel Gefühl in die Mitte, wo sich Seferovic mit Wucht gegen Lenglet behauptete und aus sieben Metern platziert in die linke untere Ecke einköpfte - 1:0 für den Außenseiter (15.)!

Startelf von Frankreich für das EM-Achtelfinale gegen die Schweiz

Anfangsformation der Schweiz für das EM-Achtelfinale gegen Frankreich

Ricardo Rodriguez scheitert mit seinem Elfmeter für die Schweiz an Frankreichs Keeper Hugo Lloris

Der erste Knackpunkt: Der frühere Wolfsburger Ricardo Rodriguez (l.) scheitert mit seinem Elfmeter an Frankreichs Keeper Hugo Lloris und vergibt das 2:0 für die Schweiz.
Der erste Knackpunkt: Der frühere Wolfsburger Ricardo Rodriguez (l.) scheitert mit seinem Elfmeter an Frankreichs Keeper Hugo Lloris und vergibt das 2:0 für die Schweiz.  © dpa/Daniel Mihailescu/Pool AFP

Obwohl die Equipe Tricolore das Geschehen weiter bestimmte, sorgte die Nati regelmäßig für Entlastung und beschäftigte die gegnerische Abwehr. Trotzdem hatte Frankreich die nächste Gelegenheit: Doch Rabiots Distanzkracher strich haarscharf am Kasten vorbei (29.).

Ansonsten taten sich Les Bleus zunehmend schwerer, agierten in der Defensive teilweise merkwürdig passiv und ließen die Schweizer machen. Es war erstaunlich, wie sehr die mit Weltklasse-Akteuren gespickte Truppe von Deschamps wackelte und offensiv nicht mehr zur Geltung kam. Es wirkte durchgehend so, als würde Frankreich mit angezogener Handbremse spielen.

So blieb es zur Pause beim überraschenden Vorsprung des Underdogs. An diesem Bild änderte sich auch nach Wiederanpfiff nichts. Breel Embolo tankte sich durch, legte quer und erst in letzter Sekunde bekam die Equipe Tricolore die Hereingabe geklärt.

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Dann foulte Pavard den groß auftrumpfenden Zuber im Sechzehner klar. Erst lief die Partie weiter, doch Schiedsrichter Fernando Rapallini (Argentinien) bekam einen VAR-Hinweis und schaute sich die Szene in der Review Area nochmal an. Er tat dies - und entschied auf Strafstoß!

Der frühere Wolfsburger Rodriguez trat an, scheiterte mit seinem etwas unplatzierten Versuch in die linke untere Ecke aber am exzellent abtauchenden Hugo Lloris (54.)!

Karim Benzema dreht die Partie für Frankreich, Paul Pogba legt mit Zaubertor nach

Karim Benzema (3.v.r.) überlupft Yann Sommer (2.v.r.) und trifft zum 1:1 für Frankreich.
Karim Benzema (3.v.r.) überlupft Yann Sommer (2.v.r.) und trifft zum 1:1 für Frankreich.  © dpa/Marko Djurica/Pool Reuters
Der Doppelschlag ist perfekt: Karim Benzema (2.v.r.) nickt zum 2:1 für Frankreich ein.
Der Doppelschlag ist perfekt: Karim Benzema (2.v.r.) nickt zum 2:1 für Frankreich ein.  © dpa/Daniel Mihailescu/Pool AFP

Nun ruckte Frankreich im Stile einer Spitzenmannschaft richtig an. Erst setzte Mbappe einen Schlenzer ganz knapp am langen Eck vorbei (56.), dann bediente der PSG-Star den bis dahin unauffälligen Benzema, der das Leder gekonnt mit der Hacke mitnahm und den herausstürzenden Yann Sommer mit dem rechten Außenrist gekonnt überlupfte - 1:1 (57.)!

Die Schweizer waren nun kurzzeitig völlig neben der Spur, was Les Bleus eiskalt ausnutzte. Über den eingewechselten Kingsley Coman kam der Ball zu Mbappe, der Griezmann freispielte. An dessen Lupfer bekam Sommer die Finger zwar noch heran, doch Benzema nickte die Kugel im Nachsetzen aus einem Meter über die Linie - 2:1 für die Equipe Tricolore, Spiel gedreht (59.)!

Die Franzosen blieben auch in der Folge am Drücker und legten mit einem wahren Traumtor nach. Ein abgeblockter Schuss landete in zentraler Position vor den Füßen von Pogba.

Der Edeltechniker mit den raumgreifenden Schritten schlenzte das Leder aus 25 Metern wunderschön und mit Power in den rechten Winkel - 3:1 (75.)! Das sollte jedoch noch nicht die Vorentscheidung gewesen sein.

Wunderschön: Paul Pogba (r.) lässt Yann Sommer mit seinem Ausnahmeschlenzer keine Chance und trifft zum 3:1 für Frankreich.
Wunderschön: Paul Pogba (r.) lässt Yann Sommer mit seinem Ausnahmeschlenzer keine Chance und trifft zum 3:1 für Frankreich.  © dpa/Jean-Christophe Bott/KEYSTONE
Schon wieder der Ex-Frankfurter! Haris Seferovic (2.v.l.) köpft zum 2:3 ein und startet eine späte Schweizer Aufholjagd.
Schon wieder der Ex-Frankfurter! Haris Seferovic (2.v.l.) köpft zum 2:3 ein und startet eine späte Schweizer Aufholjagd.  © dpa/Daniel Mihailescu/Pool AFP

Haris Seferovic und Mario Gavranovic retten die Schweiz in die Verlängerung

Was für eine Schlussphase! Mario Gavranovic lässt Presnel Kimpembe aussteigen und schießt in der 90. Minute zum 3:3 für die Schweiz ein.
Was für eine Schlussphase! Mario Gavranovic lässt Presnel Kimpembe aussteigen und schießt in der 90. Minute zum 3:3 für die Schweiz ein.  © dpa/Daniel Mihailescu/Pool AFP

Denn die Eidgenossen kamen nochmal heran. Joker Kevin Mbabu flankte von rechts scharf in die Mitte, wo Seferovic zur Stelle war und einköpfte - nur noch 2:3 (81.)!

Nun war die Nati wieder obenauf und drückte in diesem richtig packenden Duell auf den Ausgleich. Erst erzielte Gavranovic einen Abseitstreffer (85.), dann schlug der frühere Bundesliga-Spieler zu.

Kapitän Granit Xhaka bediente den einstigen Schalker mit einem herrlichen Pass, Gavranovic ließ Presnel Kimpembe mit einem Haken alt aussehen, verschaffte sich Platz und schoss in die linke Ecke ein - 3:3 (90.)!

Auf der anderen Seite hätten die Franzosen vier Sekunden (!) vor Ablauf der Nachspielzeit beinahe noch den Lucky Punch gelandet.

Doch Coman traf mit seinem satten Vollspannstoß nur die Latte (90.+4).

So blieb es nach der regulären Spielzeit beim 3:3, es ging in die Verlängerung!

Yann Sommer hält Kylian Mbappes Elfmeter und bringt die Schweiz ins Viertelfinale!

Yann Sommer (v.) war der Held des Spiels! Der Keeper von Borussia Mönchengladbach parierte den Elfmeter von Superstar Kylian Mbappe und sorgte so für den Schweizer Einzug ins Viertelfinale.
Yann Sommer (v.) war der Held des Spiels! Der Keeper von Borussia Mönchengladbach parierte den Elfmeter von Superstar Kylian Mbappe und sorgte so für den Schweizer Einzug ins Viertelfinale.  © dpa/Jean-Christophe Bott/KEYSTONE

In dieser blieb es weiter ein munterer Schlagabtausch. Der neu gekommene Admir Mehmedi konnte Lloris nicht überwinden (93.), gegenüber boxte Sommer Pavards Volleyschuss klasse über die Latte (95.), auch davon abgesehen ging es rauf und runter, doch in der ersten Hälfte der Extrazeit sollte kein Treffer fallen.

Im zweiten Abschnitt vergab Mbappe zwei große Gelegenheiten (109./110.) und der eingewechselte Sturmbulle Olivier Giroud eine weitere (119.), davon abgesehen hing die Schweiz zwar in den Seilen, rettete sich allerdings ins Elfmeterschießen.

Dort trafen für die Nati: Gavranovic (halblinks), Fabian Schär (rechts), Manuel Akanji (links), Ruben Vargas (halblinks, Lloris war noch dran) und Mehmedi (rechts).

Für die Equipe Tricolore: Pogba (linker Winkel), Giroud (rechts), Marcus Thuram (links) und Kimpembe (rechts). Mbappe scheiterte mit dem letzten der zehn Elfmeter (halblinks) an Sommer, weshalb die Schweiz sensationell ins Viertelfinale einzog!

Dort treten die Eidgenossen am 2. Juli (18 Uhr) gegen Spanien an.

Titelfoto: dpa/Jean-Christophe Bott/KEYSTONE

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