Verbesserung der Menschenrechte nur Augenwischerei? "Da wäre Katar ziemlich bescheuert"

Frankfurt am Main - Die ehemalige Spitzensportfunktionärin Sylvia Schenk (70) wird bei der Fußball-WM in Katar als Menschenrechts-Volunteer im Einsatz sein.

Die ehemalige Spitzensportfunktionärin Sylvia Schenk (70) wird in offizieller Funktion bei der WM in Katar zugegen sein.
Die ehemalige Spitzensportfunktionärin Sylvia Schenk (70) wird in offizieller Funktion bei der WM in Katar zugegen sein.  © DPA/Arne Dedert

"Wir achten auf Diskriminierung, helfen, wenn wir es direkt können, oder melden Vorkommnisse an Security-Kräfte oder eine übergeordnete Koordinationsstelle", erklärte die engagierte Frankfurterin der Deutschen Presse-Agentur. Sie und die anderen speziellen Volunteers sind Ansprechpartner für die Zuschauer und Fans aus aller Welt im Wüstenstaat.

Die 70 Jahre alte Juristin und frühere Olympia-Starterin leitet den Einsatz in der Fan-Zone von Doha, andere Menschenrechts-Volunteers sind für die Besucher der Stadien zuständig.

Es ist das erste Mal bei einem Sportgroßereignis, dass Menschenrechts-Volunteers dabei sind. Der Weltfußball-Verband FIFA hat dies im kleineren Rahmen beim Asien-Cup in Katar 2021 schon ausprobiert.

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Dass ausgerechnet die FIFA diese Funktion ins Leben gerufen hat, passt nicht ganz ins Bild. Schließlich hat FIFA-Präsident Gianni Infantino (52) den WM-Gastgeber Katar, der wegen Menschenrechtsverletzungen seit Jahren angeprangert wird, nicht nur verteidigt, sondern auch gegen die Kritik aus Europa gewettert.

Für Empörung sorgte zudem die FIFA mit dem Verbot der "One Love"-Binde, die sieben WM-Mannschaftskapitäne - darunter auch der deutsche Torwart Manuel Neuer (36) - tragen wollten. Mit der Binde sollte unter anderen für diskriminierte Menschen der LGBTQ-Bewegung ein Zeichen gesetzt werden.

FIFA setzt Menschenrechts-Volunteers erstmals ein - Schenk: "Passt nicht ins Bild"

Die "One Love"-Kapitänsbinde wurde seitens der FIFA kurzerhand verboten.
Die "One Love"-Kapitänsbinde wurde seitens der FIFA kurzerhand verboten.  © dpa/Sebastian Gollnow

Schenk sieht vieles in Katar kritisch, sieht aber auch Fortschritte und will sich deshalb der Kritik aus Deutschland und der Welt nicht uneingeschränkt anschließen. Warum?

"Weil Deutschland nicht wahrnimmt, dass die FIFA seit 2016/2017 systematisch an ihrer menschenrechtlichen Sorgfalt arbeitet", sagte Schenk, die vor einiger Zeit dem unabhängigen FIFA-Menschenrechtsbeirat angehörte.

"Da ist ja eine Menge passiert, viele einzelne Schritte. Es ist jetzt noch lange nicht so, wie wir das gerne hätten - gerade auch in Katar", meinte sie. "Aber ohne den Druck auf die FIFA und Katar, was die Sicherheitsstandards auf den Baustellen und die Aufhebung des Kafala-Systems betrifft, wären die Verbesserungen nicht möglich gewesen."

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Die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International in Deutschland fühlt sich mit ihrer Ansicht nicht als alleinige Ruferin in der Wüste. "Ich bin überhaupt nicht alleine", betonte Schenk.

Zum Beispiel sage auch Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International, dass sowohl die FIFA als auch Katar – "wenn auch spät und lückenhaft" - Reformen angestoßen habe.

Der Druck habe nicht nur Katars Infrastruktur und Gesetzgebung verändert, sondern auch den internationalen Fußball, habe Müller-Fahlbusch jüngst in einem Gastbeitrag des "Redaktions-Netzwerks Deutschland" geschrieben. "Man muss nun eben schauen, dass die Entwicklung weitergeht", meinte Schenk.

Schenk schließt sich Kritik aus Deutschland und Europa nicht blind an

Am 20. November wurde die Winter-WM in Katar mit dem Spiel des Gastgeberteams gegen Ecuador eröffnet.
Am 20. November wurde die Winter-WM in Katar mit dem Spiel des Gastgeberteams gegen Ecuador eröffnet.  © DPA/Robert Michael

Dass Katar nach dem Ende der Fußball-WM wieder gesetzliche Regelungen wie die zur Verbesserung der Situation der Wanderarbeiter im Land kippen könnte, erwartet sie nicht. "Da wäre Katar ziemlich bescheuert. Es will ja auf der Weltbühne anerkannt werden", sagte Schenk.

"Deshalb werden sie ihr Kafala-System nicht noch mal neu beschließen. Im Gegenteil, mit der Internationalen Labour Organisation wurde jetzt die langfristige Einrichtung eines Büros zur Umsetzung der Reformen vereinbart."

Deshalb fordert sie eine "differenzierte Diskussion" zu Katar. "Es ist inzwischen eine völlig verkorkste Diskussion, die niemandem hilft", sagte sie. Was dringend gebraucht werde im Umgang mit Katar, sei eine nuancierte Debatte, in der die Fakten und die eigene Position benannt werden, mit dem Ziel, etwas zum Besseren zu bewegen.

Dies gelte auch für den Deutschen Fußball-Bund und andere deutsche Sportverbände. "Wenn wir nur draufhauen, vermindert sich auch die Möglichkeit der Einflussnahme", meinte Schenk.

Titelfoto: Montage: DPA/Arne Dedert, DPA/Robert Michael

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