Regionalliga Nordost vor dem Start: Wer sind die Abstiegskandidaten?

Deutschland - Bald ertönt der Anpfiff! Die Regionalliga Nordost startet am heutigen Samstag (13.30 Uhr) in die Saison 2020/21. Nachdem TAG24 bereits die Aufstiegskandidaten vorgestellt hat, stehen nun die Abstiegskandidaten im Fokus. Bis zu vier Mannschaften könnte es am Ende dieser Saison treffen. 

Hannes Graf (23) verließ Bischofswerda als einer von vielen Leistungsträgern und schloss sich Liga-Konkurrent SV Lichtenberg 47 an.
Hannes Graf (23) verließ Bischofswerda als einer von vielen Leistungsträgern und schloss sich Liga-Konkurrent SV Lichtenberg 47 an.  © Picture Point/Kerstin Dölitzsch

Die Kader sind allerdings noch nicht bei allen Vereinen in Stein gemeißelt, weil das Transferfenster bis zum 5. Oktober geöffnet ist und es daher für viele der unten genannten Klubs Möglichkeiten geben wird, sich (entscheidend) zu verstärken. Deshalb ist dies eine Auflistung nach dem jetzigen Stand der Dinge.

Besonders gefährdet scheint vor allem der Bischofswerdaer FV 08 zu sein, der schon vor der Corona-Pause Viertliga-Niveau vermissen ließ und mit elf Punkten aus 20 Partien und einem furchtbaren Torverhältnis von 16:53 in einer normalen Spielzeit sehr wahrscheinlich abgestiegen wäre.

Für die neue Saison gibt es bei Schiebock ein großes Problem: die Mannschaft ist in der Sommerpause nicht stärker, sondern schwächer geworden! Und das in einer Liga, die im Vergleich zur Vorsaison deutlich an Qualität hinzugewonnen hat.

Der BFV ließ Leistungsträger wie Frank Zille (SV Babelsberg 03), Hannes Graf (SV Lichtenberg 47), Alexander Mattern (unbekannt), Fernando Lenk, Daniel Maresch (beide Radebeuler BC 08), Tim Cellarius (FC Oberlausitz Neugersdorf), Niclas Treu (unbekannt) und Tobias Heppner (Karriereende; nun Co-Trainer) ziehen. 

Dabei war der Aderlass schon im vergangenen Winter groß gewesen, wo unter anderem Oliver Merkel, Tommy Klotke (beide Eintracht Niesky) und Oliver Birnbaum (Radebeul) den Verein verließen. In ihre Fußstapfen sollen nun vor allem junge, hungrige Spieler treten, die aber erst noch nachweisen müssen, dass sich sie in der Regionalliga behaupten können.

Bischofswerdaer FV 08 ist Abstiegskandidat Nummer eins

BFV-Coach Erik Schmidt (41) muss aus einer jungen Mannschaft schnell eine Einheit formen, wenn man eine Chance haben will, die Klasse zu halten.
BFV-Coach Erik Schmidt (41) muss aus einer jungen Mannschaft schnell eine Einheit formen, wenn man eine Chance haben will, die Klasse zu halten.  © Picture Point/Kerstin Dölitzsch

Eric Stiller, der aus der U19 von Dynamo Dresden kommt und dort als zweikampfstarker und sehr präsenter Sechser Stammspieler war, ist diese Rolle mit ein wenig Anlauf durchaus zuzutrauen. Er ist jedoch wie viele der anderen Spieler für die Viertklassigkeit (noch) ein No-Name.

Lediglich der gebürtige Dresdner Oliver Genausch (VfB Auerbach/Vorrunde beim FSV Wacker Nordhausen) bringt mit seinen 29 Jahren viel Erfahrung mit, traf in der abgebrochenen Spielzeit aber nur einmal in 23 Einsätzen. Einzig er und Pavel Cermak (31 Jahre) sind überhaupt älter als 24 Jahre.

Alle anderen 22 Akteure sind also noch sehr jung. Viele kommen aus der Jugend der SGD, wo sie den Sprung zu den Profis allerdings nicht schafften. Nun müssen sie sich gemeinsam in Bischofswerda beweisen.

Mit Kapitän Robin Fluß, dem emsigen Linksverteidiger Justin Jacob, dem technisch versierten Mittelfeldmann Luca Shubitidze, dem torgefährlichen Zehner Jakub Moravec, dem kampfstarken Rechtsverteidiger Tim Kießling und den grundsoliden Innenverteidigern Paul Fromm sowie Dominic Meinel hat Bischofswerda zumindest eine gewisse Achse von Spielern, die unteres oder sogar durchschnittliches Regionalliga-Format haben.

Dennoch ist die Konkurrenz im Tabellenkeller besser besetzt, weshalb es ein kleines Wunder wäre, wenn Schiebock es über mannschaftliche Geschlossenheit und Kampfkraft trotz fehlender spielerischer und individueller Fähigkeiten gelingen sollte, die Klasse zu halten.

VfB Germania Halberstadt tritt fast ausschließlich mit blutjungen Spielern an

VfB-Coach Danny König (45), ehemals Co-Trainer beim FSV Zwickau, muss seine junge Mannschaft schnell entwickeln, wenn er mit ihr in der Regionalliga mithalten will.
VfB-Coach Danny König (45), ehemals Co-Trainer beim FSV Zwickau, muss seine junge Mannschaft schnell entwickeln, wenn er mit ihr in der Regionalliga mithalten will.  © Picture Point / Gabor Krieg

Dem VfB Germania Halberstadt steht ebenfalls eine schwierige Saison bevor. Denn der Mannschaft von Neu-Coach Danny König (zuvor Co-Trainer beim FSV Zwickau) mangelt es an Erfahrung und einem Goalgetter!

Kapitän Patrik Twardzik ist mit zarten 27 Jahren der mit Abstand älteste Akteur im Kader und war mit fünf Treffern der torgefährlichste Spieler der vergangenen Saison!

Man muss aus Halberstädter Sicht darauf hoffen, dass wenigstens einer der Stürmer um Batikan Yilmaz, Kimbyze-Kimby Januário und Kamil Popowicz einen entscheidenden Entwicklungsschritt macht und kaltschnäuziger vor dem gegnerischen Kasten wird.

Hinten verfügt man mit Keeper Florian Sowade, den Abwehrspielern Michael Ambrosius, Hendrik Kuhnhold, Twardzik und auch dem pfeilschnellen Benyas Solomon Junge-Abiol zumindest in der ersten Elf über solide Spieler.

Im Mittelfeld ruhen die Hoffnung auf Stefan Korsch, Fabian Wenzel, Gino Dörnte, Elias Löder, Justin Bretgeld und Patrick Baudis. Sie alle müssten allerdings schnell dazulernen, wenn Halberstadt die Klasse halten will. Doch so eine durchaus talentierte, aber (zu) junge Truppe wird vermutlich viel Lehrgeld zahlen müssen. 

FSV Luckenwalde: zu stark für die Oberliga, zu schwach für die Regionalliga?

Jakob Gesien (22) wechselte im Januar 2020 vom Chemnitzer FC zum FSV Luckenwalde und soll der Offensive mit seiner Dynamik Schwung verleihen.
Jakob Gesien (22) wechselte im Januar 2020 vom Chemnitzer FC zum FSV Luckenwalde und soll der Offensive mit seiner Dynamik Schwung verleihen.  © Picture Point/Kerstin Dölitzsch

Für den souveränen Meister der NOFV Oberliga Süd geht es ebenfalls nur um den Klassenerhalt. Dass man gut mithalten kann, bewies die erste Halbzeit im Pokal-Halbfinale gegen den FSV Union Fürstenwalde, nach der man mit 1:0 führte. 

Allerdings kassierte die Mannschaft von Trainer Jan Kistenmacher im zweiten Durchgang gleich vier Gegentore und ging mit 1:4 gegen den Regionalliga-Konkurrenten baden. 

Das lag an der fehlenden Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor, Unaufmerksamkeiten in der Defensive und auch fehlender Kondition. Dinge, die in der Oberliga nicht immer unmittelbar bestraft werden, eine Liga höher aber schon.

Dennoch verfügt Luckenwalde durchaus auch über  individuelle Klasse. Akteure wie Mittelfeldlenker Daniel Becker, die Ex-Hertha-Talente Nils Gottschick und Pascal Borowski, der frühere Chemnitzer Jakob Gesien und Top-Torjäger Frank Rohde (19 Tore und vier Vorlagen in 20 Einsätzen) sind auch für Regionalliga-Verhältnisse gut.

Dazu stimmt die Mischung aus erfahrenen Akteuren, Spielern im besten Fußballeralter und jungen Talenten. Auch sonst ist das Team grundsolide für die neue Liga zusammengestellt, weshalb Luckenwalde nicht chancenlos wirkt, aber dennoch aufpassen muss. Denn die Konkurrenz schläft nicht.

Für Ingo Kahlisch und den FSV Optik Rathenow wird es ebenfalls schwer

FSV-Coach Ingo Kahlisch (64) will in der Regionalliga, die für ihn und den kleinen Verein laut eigener Aussage wie die "Champions League" ist, wieder die Klasse halten.
FSV-Coach Ingo Kahlisch (64) will in der Regionalliga, die für ihn und den kleinen Verein laut eigener Aussage wie die "Champions League" ist, wieder die Klasse halten.  © Picture Point/Kerstin Dölitzsch

Auch der FSV Optik Rathenow dürfte vom ersten Spieltag an im Abstiegskampf stecken. Allerdings hat die Mannschaft von Vereinslegende Ingo Kahlisch (seit 1989 im Amt!) einige Akteure, die Regionalliga-Niveau haben.

Hierbei sind vor allem die Ex-Hertha-Talente Glodi Zingu und Emre Turan zu nennen, aber auch Stürmer Caner Özcin, Rechtsverteidiger Benjamin Wilcke, Sechser Leon Hellwig und Kapitän Jerome Leroy, der allerdings mit einem Mittelfußbruch noch lange ausfällt. Gespannt sein darf man auch auf Salif Dramé sein, der vom luxemburgischen Spitzenteam F91 Düdelingen den Weg nach Brandenburg gefunden hat.

Ein großer Vorteil: Optik hat die Stammformation weitestgehend zusammengehalten. Wirklich schwer wiegen nur die Abgänge von Aleksandar Bilbija (Tennis Borussia Berlin) und Nicola Jürgens (VSG Altglienicke). 

Wie gewohnt verpflichtete Rathenow dafür ausschließlich junge und entwicklungsfähige Talente wie Lucas Will (VfB Lübeck). Ob dieser Kader mehr als die ein oder andere Überraschung schaffen kann? 

Fest steht: Kahlisch wird rund ums schöne Stadion Vogelgesang weiter in Ruhe arbeiten können. Ein Abstieg wäre für Optik nämlich kein Beinbruch. Dieses Wissen könnte Rathenow im Kampf um den Klassenerhalt einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Sollte es allerdings wirklich vier Teams in dieser Mammutsaison treffen, dann wird es für den FSV ganz eng.

Tennis Borussia Berlin setzt auf eine gesunde Mischung, Technik und viel Geschwindigkeit

Ex-Dynamo-Dresden-Talent Fatlum Elezi (21) spielt mittlerweile bei TeBe und überzeugte dort in der Aufstiegssaison mit Technik, enger Ballführung und Spielübersicht.
Ex-Dynamo-Dresden-Talent Fatlum Elezi (21) spielt mittlerweile bei TeBe und überzeugte dort in der Aufstiegssaison mit Technik, enger Ballführung und Spielübersicht.  © Lutz Hentschel

Zwischen diesen vier Mannschaften und den anderen möglichen Abstiegskandidaten ist ein gewisses Leistungsgefälle zu erkennen.

Der Meister der NOFV Oberliga Nord, Tennis Borussia Berlin, hat sich gezielt verstärkt und verfügt über sehr viele schnelle und technisch versierte Spieler. 

Das neue Trainerduo Markus Zschiesche und Ronny Ermel setzt voll auf Offensive, was aber auch nach hinten losgehen könnte. 

Dennoch scheint die individuelle Klasse von TeBe um Kapitän, Linksverteidiger und Top-Torjäger Nicolai Matt (13 Treffer in 19 Liga-Spielen), dem erfahrenen und umsichtigen Innenverteidiger Thomas Franke, Spielgestalter Tim Oschmann, Edeltechniker Fatlum Elezi, die flinken und dribbelstarken Nathaniel Amamoo, Daoud Iraqi und Rudolf Ndualu sowie den schussgewaltigen Tahsin Cakmak zu groß zu sein. 

Wenn dann noch der bei RB Leipzig und Hertha BSC ausgebildete Mittelstürmer Vincent Rabiega nach seiner Verletzung zurückkehrt, könnte auch ein Platz im Mittelfeld drin sein. 

Chemie Leipzig und SV Lichtenberg 47 gehen mit eingespielten, punktuell verstärkten Teams an den Start

Chemie-Coach Miroslav Jagatic (44) muss mit seiner kampfstarken Mannschaft aufpassen. Doch die Qualität, die Klasse zu halten, hat sein Team auf jeden Fall.
Chemie-Coach Miroslav Jagatic (44) muss mit seiner kampfstarken Mannschaft aufpassen. Doch die Qualität, die Klasse zu halten, hat sein Team auf jeden Fall.  © Picture Point / Roger Petzsche

Gleiches gilt für die BSG Chemie Leipzig, die mit Torhüter Benjamin Bellot, Innenverteidiger und Kapitän Stefan Karau, dem schussgewaltigen Rechtsverteidiger Benjamin Boltze, Offensivmann Alexander Bury und Angreifer Tomas Petracek über gleich mehrere überdurchschnittliche Viertliga-Spieler verfügt. 

Beim gut zusammengestellten und -gewachsenen Team von Trainer Miroslav Jagatic sollte im Normalfall nicht allzu viel anbrennen. Dennoch muss sich der Blick zuerst nach unten richten.

Das sollte auch das Motto des SV Lichtenberg 47 sein. Die über viele Jahre in Ruhe entwickelte und nur punktuell verstärkte Mannschaft ist bestens eingespielt.

Sie verfügt mit Niklas Wollert im Tor, dem wuchtigen Glatzkopf Sebastian Reiniger, Spielgestalter Christian Gawe, Kapitän David Hollwitz, Sechser Nils Fiegen, dem erfahrenen Oliver Hofmann, dem dynamischen Marcel Rausch, dem umworbenen Philip Einsiedel, der seinen Vertrag erst vor wenigen Tagen verlängert hat und dem wieder genesenen Philipp Grüneberg über eine gute Truppe, die auch im zweiten Regionalliga-Jahr durchaus für die ein oder andere Überraschung sorgen kann.

Dennoch muss 47 aufpassen. Denn unterschätzen wird man sie in dieser Saison nicht mehr.

Union Fürstenwalde, VfB Auerbach und ZFC Meuselwitz scheinen zu stark für den Abstieg zu sein

Matthias Maucksch (51) dürfte mit seinem FSV Union Fürstenwalde wieder im Mittelfeld landen.
Matthias Maucksch (51) dürfte mit seinem FSV Union Fürstenwalde wieder im Mittelfeld landen.  © picture point/Sven Sonntag

Das werden der VfB Auerbach und ZFC Meuselwitz ohnehin schon seit Jahren nicht mehr. Beide Mannschaften gehören zu den Vereinen, gegen die keiner gerne spielt, weil sie giftig im Zweikampf sind, über viel Willen und Disziplin verfügen, im Falle der Zipsendorfer körperliche Größenvorteile haben und auch über individuelle Klasse verfügen.

Bei Auerbach sind da vor allem der mit einer herausragenden Schusstechnik ausgestattete Kapitän Marcel Schlosser und Torjäger Marc-Philipp Zimmermann (16 Treffer und drei Vorlagen in 22 Liga-Spielen) zu nennen, die die Lebensversicherung ihrer Mannschaft sind. 

Bei Meuselwitz sind es die erfahrenen Sebastian Albert, Fabian Stenzel, Henrik Ernst, Tobias Becker, Andy Trübenbach und René Weinert, die schon viele Fußball-Schlachten geschlagen haben. Aber auch die jungen Timo Mauer, Dennis Blaser und Luca Bürger muss man im Auge behalten. 

Denn dass Meuselwitz Spieler entwickeln und für zahlungskräftigere Klubs interessant machen kann, haben sie in den vergangenen Jahren oft genug bewiesen.

Auch der FSV Union Fürstenwalde, trainiert von Matthias Maucksch und Vierter der vergangenen Saison, scheint mit Akteuren wie Darryl Geurts, Joshua Putze, Kemal Atici, Ingo Wunderlich und Kay Michel zu stark für den Abstieg zu sein. 

Titelfoto: Picture Point/Kerstin Dölitzsch

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