Arminia Bielefeld in der Bundesliga-Vorschau: Gelingt das Wunder Klassenerhalt?

Bielefeld - Mission Klassenerhalt! Arminia Bielefeld möchte nach dem Aufstieg als überlegener Zweitliga-Meister in der 1. Bundesliga bleiben. Dabei geht die Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus allerdings als krasser Außenseiter ins Rennen. Kann dem DSC das kleine Fußballwunder gelingen? Alles dazu in der TAG24-Vorschau.

Ritsu Doan ist der Top-Transfer von Arminia Bielefeld

Bei wenigen Vereinen fällt es so schwer, einen Spieler besonders hervorzuheben. Die Entscheidung zugunsten von Ritsu Doan (22) ist daher äußerst knapp ausgefallen. Doch der 18-fache japanische Nationalspieler hat alle Anlagen, um sich in der Bundesliga zu etablieren und den nächsten Schritt in seiner noch jungen Karriere zu gehen.

Der 1,72 Meter große Rechtsaußen kam auf Leihbasis von Spitzenklub PSV Eindhoven, wo seine Chancen auf regelmäßige Einsätze aufgrund der namhaften Konkurrenz und der Planung vom deutschen Coach Roger Schmidt gering gewesen wären. Doch es spricht für seine Klasse, dass er nur ausgeliehen wurde. Denn in den Niederlanden steht er noch bis zum 30. Juni 2024 unter Vertrag. 

Bei Bielefeld ist er als Nachfolger des abgewanderten Jonathan Clauss (27) fest eingeplant. Mit seinem hohen Tempo, niedrigen Körperschwerpunkt, seiner Wendigkeit und seinen Dribblings ist er der Archetyp eines offensiven Außenbahnspielers.

Ob er allerdings die Zweikampfhärte hat bzw. entwickelt und auch defensiv stark genug ist, um bei Neuhaus dauerhaft gesetzt zu sein, bleibt abzuwarten. Die Anlagen, Bielefelds Spiel zu bereichern, hat er aber allemal.

Der 18-fache japanische Nationalspieler Ritsu Doan (r.) kam auf Leihbasis von der PSV Eindhoven und soll das Angriffsspiel des DSC mit seiner Dynamik beleben.
Der 18-fache japanische Nationalspieler Ritsu Doan (r.) kam auf Leihbasis von der PSV Eindhoven und soll das Angriffsspiel des DSC mit seiner Dynamik beleben.  © Hassan Ammar/AP/dpa

Mike van der Hoorn, Christian Gebauer und Nathan de Medina sind weitere Neuzugänge des DSC

Die Arminia hat ordentlich aufgerüstet, um in der Bundesliga zumindest eine Chance auf den Klassenverbleib zu haben! Der Königstransfer für die Defensive ist definitiv Mike van der Hoorn (27). Der einstige niederländische U21-Nationalspieler wechselte nach vier Jahren und 125 Einsätzen (sechs Tore, drei Vorlagen) ablösefrei vom englischen Zweitligisten Swansea City zum DSC.

Ein echter Coup, der nur gelingen konnte, weil sich die Schwäne seine Dienste nicht mehr länger leisten konnten, nachdem der erhoffte Wiederaufstieg in die Premier League erneut verpasst wurde. Van der Hoorn, der auch schon für Ajax Amsterdam spielte, wird die Defensive mit seiner Erfahrung, Zweikampfstärke und Umsicht organisieren und verstärken. Beim DFB-Pokal-Aus bei Rot-Weiss Essen (0:1) saß er allerdings nur auf der Bank.

Nicht mal im Kader stand ein Mann für die Offensive: der pfeilschnelle Flügelspieler Christian Gebauer (26), der vom österreichischen Bundesligisten SC Rheindorf Altach zur Arminia kam. Der 1,87 Meter große Angreifer kann auf beiden Flügeln agieren und ebenso im Sturmzentrum spielen - mit seiner Geschwindigkeit und Vielseitigkeit ist er eine wertvolle Alternative für die Bielefelder. Hinsichtlich seiner Tor- und Vorlagenquote muss er allerdings noch arbeiten, wenn er bei Neuhaus einen Stammplatz haben möchte. 13 Treffer und 15 Vorlagen in 98 Einsätzen in einer deutlich schwächeren Liga sind dann doch etwas dürftig. 

Von Liga-Konkurrenten FC Augsburg wurde außerdem Sergio Córdova (23) für diese Saison ausgeliehen. Der achtfache venezolanische Nationalstürmer ist im Angriff variabel einsetzbar, konnte sich bei den Fuggerstädtern aber trotz 65 Einsätzen (sieben Treffer, drei Assists) noch nicht nachhaltig durchsetzen. Den nächsten Entwicklungsschritt soll er nun in Bielefeld gehen. 

Um den Konkurrenzkampf auf der rechten Verteidigerposition anzuheizen wurde Nathan de Medina (22) ablösefrei vom belgischen Erstligisten Royal Excel Mouscron geholt. Nach 39 Einsätzen in der Jupiler League will er sich nun in der Bundesliga beweisen, hatte in Essen gegenüber Positionskonkurrent Cédric Brunner (26) das Nachsehen.

Als Neuzugang in der Startformation der Arminia stand dafür Jacob Barrett Laursen (25). Der Linksverteidiger wechselte ebenfalls ablösefrei nach Bielefeld. Der frühere dänische U20-Nationalkicker kam von Erstligist Odense BK, für den er 127 Mal spielte (acht Tore, 16 Vorlagen). Er soll den abgewanderten Florian Hartherz (27) ersetzen.  

Eine weitere Option für den Sturm ist Noel Niemann (20), der von Drittligist TSV 1860 München kam. Er kann auf allen fünf Offensivpositionen agieren, ist jung, entwicklungsfähig und hungrig, weshalb er gut zur Arminia passt. Allerdings hat er in der 3. Liga gerade mal 13 Einsätze (zwei Tore, zwei Vorlagen) zu Buche stehen und muss noch viel lernen. Dennoch wurde er gegen Essen bereits eingewechselt und scheint eine echte Option für den DSC-Kader zu sein.

Dazu kehrten Mittelstürmer Prince Osei Owusu (23; TSV 1860), der zentrale Mittelfeldmann Can Hayri Özkan (20) und Keeper Nikolai Rehnen (23; beide Alemannia Aachen) von ihren Leihen zurück. Sollte sich noch eine weitere Möglichkeit ergeben, dann wird die Arminia nochmals zuschlagen. Im Gespräch sind momentan unter anderem Schalkes Ahemt Kutucu (20), Paderborns Sebastian Vasiliadis (22) und gleich mehrere Akteure von Premier-League-Absteiger Norwich City FC.

Christian Gebauer soll die Offensive von Arminia Bielefeld mit seiner Schnelligkeit bereichern.
Christian Gebauer soll die Offensive von Arminia Bielefeld mit seiner Schnelligkeit bereichern.  © Friso Gentsch/dpa

Jonathan Clauss, Florian Hartherz und Stephan Salger sind die Abgänge von Arminia Bielefeld

Hier wiegt besonders der Verlust von Rechtsaußen Clauss schwer. Er war unter Neuhaus unumstrittener Stammspieler, absolvierte alle 34 Liga-Partien und die beiden Begegnungen im DFB-Pokal, legte dabei zehn Tore auf und traf selbst fünf Mal. Sportlich dürften die Neuzugänge seinen Weggang nach Lens aber wettmachen.

Mit dem dynamischen und wuchtigen Linksverteidiger Hartherz verließ ein zweiter Leistungsträger den Klub nach vier Jahren, 122 Spielen (vier Tore, zwölf Vorlagen) und schloss sich ablösefrei Bundesliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf an. 

Davon abgesehen gingen nur Ergänzungsspieler, die keine oder nur geringe Chancen auf Einsätze gehabt hätten. Der offensive Mittelfeldspieler Patrick Weihrauch (26) schloss sich Drittligist Dynamo Dresden an, Flügelspieler Keanu Staude (23) ging zum Zweitliga-Aufsteiger FC Würzburger Kickers, Keeper Philipp Klewin (26) zum FC Erzgebirge Aue und Stephan Salger (30) zu den Münchner Löwen. 

Letzterer hatte acht Jahre für Bielefeld gespielt, 222 Partien für den DSC absolviert, vier Tore erzielt und sechs Treffer direkt vorbereitet. Sie alle und auch Innenverteidiger Álex Perez (29; zum spanischen Zweitligisten UD Logrones) verließen die Arminia allesamt ablösefrei.

Dazu endeten die Verträge vom defensiven Mittelfeldmann Tom Schütz (32) und Stürmer Nils Quaschner (26). Beide sind noch auf der Suche nach einem neuen Klub. Den hat Keeper Ágoston Kiss (19) schon gefunden. Er war in der vergangenen Saison vom ungarischen Zweitligisten Szombathelyi Haladás ausgeliehen worden und hütet nun den Kasten des Erstligisten Puskás Akadémia FC

Es ist durchaus möglich, dass sich hier noch einiges tut. Gerade die Leih-Rückkehrer sind Kandidaten, aber auch einige Mittelstürmer. Von denen hat der DSC nämlich gleich sechs in seinem 29 Mann starken Kader.

Leistungsträger Jonathan Clauss hat Bielefeld verlassen und ist in seine französische Heimat zurückgekehrt, wo er bei Erstligist RC Lens einen Vertrag unterschrieb.
Leistungsträger Jonathan Clauss hat Bielefeld verlassen und ist in seine französische Heimat zurückgekehrt, wo er bei Erstligist RC Lens einen Vertrag unterschrieb.  © Friso Gentsch/dpa

So tickt Bielefeld-Trainer Uwe Neuhaus

Uwe Neuhaus (60) hat schon mehrfach bewiesen, dass er Mannschaften nachhaltig formen und entwickeln kann. Ob in seinen sieben Jahren beim 1. FC Union Berlin, den er von der Regionalliga bis in die 2. Bundesliga führte und die Eisernen dort etablierte oder in seinen drei Jahren bei der SG Dynamo Dresden, mit der er von der 3. Liga in die 2. Liga aufstieg und dort eine überragende Saison hinlegte.

Bei den Fans kommt seine ausgewogene Art - mal Ruhe ausstrahlend, mal emotional - gut an. Dazu wissen sie auch, dass ein Fußballfachmann an der Seite steht, der seiner Mannschaft eine Spielidee vermittelt und sie zu einer echten Einheit formen kann.

In Bielefeld durfte der bodenständige Arbeiter sein Team in Ruhe voranbringen und stieg direkt in seiner ersten vollständigen Spielzeit als überlegener Meister mit der Arminia auf. Damit ist Neuhaus erstmals in seiner Karriere Bundesliga-Coach - mit 60 Jahren!

Umso größer dürfte für den gebürtigen Hattinger (Nordrhein-Westfalen) die Motivation sein, sich länger als eine Saison in Deutschlands Fußball-Eliteklasse zu halten. Neuhaus, der seine Meinung klar vertritt, der Presse gegenüber aber auch manchmal kurz angebunden ist, hat eine ausgewogen zusammengestellte Truppe zur Verfügung, mit der er taktisch variabel agieren kann. 

In der Bundesliga muss der Coach seine Mannschaft auf jeden Fall defensiver spielen und mehr über Konter agieren lassen, wofür entsprechende Spieler auf dem Transfermarkt gefunden und geholt wurden. Denn es darf bezweifelt werden, dass Bielefeld so ins offene Messer laufen will wie es der SC Paderborn 07 mit seiner attraktiven Spielweise in der Vorsaison getan hat.

Uwe Neuhaus hat Arminia Bielefeld nach elf Jahren zurück in die 1. Bundesliga geführt.
Uwe Neuhaus hat Arminia Bielefeld nach elf Jahren zurück in die 1. Bundesliga geführt.  © Lutz Hentschel

Vorbereitung und Form von Arminia Bielefeld

Durchwachsene Vorbereitung! Die "neue" Arminia musste sich in den vier Testspielen erst noch finden. Beim Sechstligisten FC Preußen Espelkamp gewann man den Aufgalopp mit 5:0. Gegen Zweitligist VfL Osnabrück sprang hingegen nur ein 1:1-Unentschieden heraus, ehe man Drittliga-Aufsteiger SC Verl denkbar knapp mit 2:1 bezwang. Gegen den niederländischen Spitzenklub Feyenoord Rotterdam gab es in der Generalprobe dann ein torloses Remis. 

Die große Ernüchterung folgte dann im DFB-Pokal bei Rot-Weiss Essen, dem Ex-Verein von Neuhaus. Dort kassierte Bielefeld eine ärgerliche 0:1-Pleite und schied somit schon - als einer von nur zwei Erstligisten - aus dem Wettbewerb aus. 

Neuhaus sprach anschließend Klartext, wohl auch, um sein Team vor dem Bundesliga-Start aufzuwecken. Mit weniger als 100 Prozent Leistung wird Bielefeld die Klasse nämlich definitiv nicht halten! Der erfahrene Übungsleiter meinte, dass er sich für die erste Halbzeit "schämen" würde.

So ist bei der Arminia, die in den Zweikämpfen nicht wach genug war, vorne die Kreativität und das Tempo vermissen ließ, noch einiges im Argen, bevor die Liga-Saison am Samstag (15.30 Uhr) bei Eintracht Frankfurt wieder losgeht. 

Eine der wenigen Pokalüberraschungen der 1. Runde: Arminia Bielefeld flog beim ambitionierten Regionalligisten Rot-Weiss Essen aus dem Wettbewerb.
Eine der wenigen Pokalüberraschungen der 1. Runde: Arminia Bielefeld flog beim ambitionierten Regionalligisten Rot-Weiss Essen aus dem Wettbewerb.  © Roland Weihrauch/dpa

Saisonziel von Arminia Bielefeld

Ganz klar der Klassenerhalt! Den zu erreichen wäre für die Arminia ein kleines Fußballwunder.

Enger Kampf: Für Arminia Bielefeld zählt nur der Klassenerhalt.
Enger Kampf: Für Arminia Bielefeld zählt nur der Klassenerhalt.  © Roland Weihrauch/dpa

TAG24-Prognose zu Arminia Bielefeld

Es gibt in dieser Saison keinen klareren Außenseiter! Bielefeld muss sich wirklich sehr strecken, wenn man in der Liga bleiben will. Die unumstrittene Nummer eins im Tor ist Stefan Ortega Moreno (27), der seit Jahren zu den besten Zweitliga-Keepern zählt und auch eine Spielklasse höher keine Anlaufschwierigkeiten haben sollte. Hinter ihm ist der schwedische Schlussmann Oscar Linnér (23) zweiter Torhüter und Nikolai Rehnen (23) die Nummer drei.

Auf der rechten Defensivseite hat Brunner momentan die Nase gegenüber de Medina knapp vorne. Dieser Zweikampf verspricht aber auf Sicht ein enges Rennen zu werden. Gleiches gilt für die Innenverteidigung. Hier durfte im Pokal das Aufstiegsduo Amos Pieper (22) und Joakim Nilsson (26) ran. Van der Hoorn scharrt dahinter hörbar mit den Hufen, Brian Behrendt (28) komplettiert das Quartett. Links hat sich Neuzugang Laursen wenig überraschend gegenüber Anderson Lucoqui (23) behauptet und wohl auch auf Dauer einen Stammplatz gesichert.

Im defensiven Mittelfeld ist Manuel Prietl (29) unumstritten. Fabian Kunze (20) und Özkan müssen sich im Training empfehlen, um zumindest einen Kaderplatz zu ergattern. An Prietls Seite hat sich Youngster Jomaine Consbruch (18) nach einer starken Vorbereitung festgespielt. Das Duo wird vom feinen Techniker Marcel Hartel (24) ergänzt. Die drei liefen auch im Pokal zusammen auf, müssen sich in der Bundesliga nun aber erheblich steigern. Denn der aktuell verletzte Reinhold Yabo (28), Nils Seufert (23) und auch Jóan Símun Edmundsson (29) sind hier gute Alternativen. Mehr als oberes Zweitliga-Niveau bietet der Aufsteiger auf diesen entscheidenden Positionen aber nicht auf.

Die Spieler auf den offensiven Außenbahnen versprechen hingegen mehr und haben Potenzial. Hier ist das Gedränge besonders groß, weshalb regelmäßige Wechsel abzusehen sind. Doan, Gebauer, Cebio Soukou (27), Córdov, Niemann, dazu können hier auch Hartel und Edmundsson agieren - Neuhaus hat die Qual der Wahl!

Im Mittelsturm ist Kapitän Fabian Klos (32) gesetzt, obwohl er für die Bundesliga zu langsam zu sein scheint. Andererseits ist er mit seinen Qualitäten im gegnerischen Strafraum und als Wandspieler ein extrem wichtiger Faktor im Angriffsspiel der Arminia. Sein kongenialer Partner der Vorsaison, Andreas Voglsammer (28), fällt mit einem Haarriss im Fuss noch mindestens bis Monatsende aus, Sven Schipplock (31) und Owusu (23) sind momentan klar hinten dran. 

Youngster Sebastian Müller (19) muss sich im Training an das Niveau erst noch herantasten, weshalb Córdova wohl die erste Alternative ist.

Kommt Arminia Bielefeld ins Straucheln? Alles andere als der direkte Abstieg wäre auch jeden Fall ein kleines Fußballwunder.
Kommt Arminia Bielefeld ins Straucheln? Alles andere als der direkte Abstieg wäre auch jeden Fall ein kleines Fußballwunder.  © Roland Weihrauch/dpa

Dieser Kader verfügt über nicht mehr als gute Zweitliga-Qualität. Dass er als verschworene und disziplinierte Einheit agiert, macht ihn immerhin ein wenig stärker. Dennoch dürfte es nur dann zum Klassenerhalt reichen, wenn die Mannschaft regelmäßig ans Leistungslimit geht und gleich mehrere Konkurrenten patzen. 

Dazu muss das Team, das in der kompletten vergangenen Saison nur drei Niederlagen kassierte, lernen, mit vermutlich regelmäßigen Negativerlebnissen umzugehen. All das und die fehlende individuelle Klasse scheint eine zu große Hypothek zu sein, um sich in der Bundesliga zu halten.

Titelfoto: Lutz Hentschel/Roland Weihrauch/dpa

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