St.-Pauli-Präsident kritisiert deutschen Profi-Fußball scharf

Hamburg - FC St. Pauli-Präsident Oke Göttlich hofft auf Geisterspiele. 

Oke Göttlich greift in der Krise zu drastischen Worten. (Archivbild)
Oke Göttlich greift in der Krise zu drastischen Worten. (Archivbild)  © Daniel Bockwoldt/dpa

"Die Liga wird es so in der Form nicht mehr geben können, wenn wir nicht ins Spielen kommen", sagte der St.-Pauli-Chef im Podcast "Die NDR 2 Bundesligashow". Das Geschäft könne derzeit nur laufen mit Spielen ohne Zuschauer.

Zugleich warnte Göttlich Fangruppen, sich bei solchen Spielen vor den Stadien zu versammeln und damit etwas zu zerstören, was ihnen am Herzen liegt. Deshalb appellierte er an die Vernunft.

"Der Fußball ist nicht wichtiger als der Gastronom oder als der Clubbetrieb auf St. Pauli. Aber der Fußball ist auch eine wichtige Plattform, damit wir beim FC St. Pauli für soziale Zwecke agieren können".

Ansichten, die Testkapazitäten reichten für die Überprüfung möglicher Infektionen bei allen Profis vor jedem Spiel nicht aus, seien nicht wissenschaftlich fundiert. "Das ist Meinungsmache. Punkt."

Sollten Geisterspiele möglich sein, würden sich nach den ersten Partien Besserwisser zu Wort melden, vermutet Göttlich. "'Das Konstrukt ist doch Blödsinn, das Konzept ist doch scheiße'", werden deren Kommentare lauten. "Doch die helfen uns gerade nicht", sagte der 44 Jahre alte Unternehmer. 

Wenngleich für Göttlich der schnelle Spielbetrieb vorrangig ist, so sieht er doch Fragen, die in der Zukunft gestellt werden müssen. 

Deutliche Kritik richtet sich an die DFL

Wie ein Geisterspiel aussieht, zeigte die Partie Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln im März.
Wie ein Geisterspiel aussieht, zeigte die Partie Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln im März.  © Fabian Strauch/dpa

"Ist über die Verhältnisse gelebt worden?" Der deutsche Vereinsfußball befinde sich auch deshalb in einer wirtschaftlich komplizierten Lage, "weil es eine Form von missbräuchlichem Geschäftsgebaren gegeben hat".

Es gebe in den deutschen Top-Ligen schon jetzt Clubs, "wo Geld verloren wird, was aber nicht vergesellschaftet wird. Auf der anderen Seite haben wir Clubs, die vergesellschaften ihre Kosten und privatisieren ihre Gewinne", kritisierte Göttlich mangelnde Solidarität und Gleichbehandlung sowie unterschiedliche ökonomische Auffassungen unter den Vereinen. 

"Einige sagen, die Lösung ist doch ganz einfach: 'Ich hole mir einen Investor, und dann ist mein Standort gesichert'." 

Genau das lehnt Göttlich strikt ab. Denn das sorge dafür, dass der von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert angesprochene Missmut in der Gesellschaft wächst.

Der Hamburger Club-Präsident spricht von einer systemischen Krise im Fußball, die durch die Corona-Pandemie deutlich zum Vorschein kommt. Seine Kritik richtet sich an die DFL: "Ich glaube, dass es eine Systemkrise gibt, weil Dinge zugelassen worden sind, die am Ende dazu führen, dass mehrere Standorte jetzt bedroht sind." 

Ließe man ein Zusammenbruch des System jedoch zu, würden Investorenmodelle (Fall der 50+1-Regel) als Rettung angesehen, sagte Göttlich. Seine Quintessenz: "Wir brauchen mehr Regeln!"

Jetzt gehe es nicht mehr um Einzelschicksale. "Es geht darum: Wie stellt sich der Profifußball als System auf?", befand der St.-Pauli-Chef. "Wir müssen den Betrieb irgendwie am Laufen halten, weil wir sonst einen Trümmerhaufen hinterlassen."

Titelfoto: Daniel Bockwoldt/dpa

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