Hertha BSC ein Big City Club? Wenn man nur die Eigengewächse gehalten hätte

Berlin - Anspruch und Wirklichkeit klafften bei Hertha BSC in den vergangenen Jahren teils weit auseinander! Der vermeintliche "Big City Club" ist weiterhin eine graue Maus der 1. Bundesliga und erstickt das Interesse potenzieller Zuschauer mit oft unattraktivem Fußball bereits im Keim.

Marius Gersbeck (26) wurde bei Hertha BSC ausgebildet, doch da der Verein nicht auf ihn setzte, ist er mittlerweile erster Keeper des Karlsruher SC und einer der besten Torhüter der 2. Bundesliga.
Marius Gersbeck (26) wurde bei Hertha BSC ausgebildet, doch da der Verein nicht auf ihn setzte, ist er mittlerweile erster Keeper des Karlsruher SC und einer der besten Torhüter der 2. Bundesliga.  © Picture Point/Kerstin Dölitzsch

Zudem hat die Alte Dame ein weiteres großes Problem: Sie schlägt aus der seit Jahren überragenden Nachwuchsarbeit erschreckend wenig Kapital und setzt immer wieder auf Spieler von außen, die Hertha nur als Durchgangsstation ansehen und dementsprechend auftreten.

Hätte man nur einige der Eigengewächse gehalten, die anderswo starke Leistungen zeigen, wäre man gar nicht erst in die jetzige Situation gekommen. Das mag realitätsfremd sein, weil es im Profibereich bekanntlich sehr schnelllebig zugeht und die Vorstellungen der verschiedenen Parteien (Verantwortliche - Trainer - Spieler) mitunter weit auseinandergehen, doch zumindest einen ausführlichen Gedankengang ist die Vorstellung eines Teams aus eigenen Talenten doch wert.

Besonders auf der Torhüterposition konnte und kann man sich nur die Augen reiben, wenn man die U17, U19 und U23 in den vergangenen 15 Jahren zumindest ein wenig verfolgt hat. Hier brachte Hertha regelmäßig große Talente und Junioren-Nationalkeeper hervor, von denen es aber keiner (!) dauerhaft zwischen die Pfosten schaffte.

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Hertha BSC Ein Traumtor reicht: Hertha schlägt auch Gladbach

Ganz besonders schade ist das bei Marius Gersbeck (26), der mittlerweile zu den besten Zweitliga-Schlussmännern zählt und beim Karlsruher SC die unumstrittene Nummer eins ist. Er wies seine Qualitäten schon in der B-Jugend nach, als er im Meisterschaftsfinale Timo Werner (25) mit seinen Paraden zur Verzweiflung trieb und so brillant hielt, dass er anschließend vom DFB für die U18 nominiert wurde.

Sascha Burchert (31) konnte sich bei Hertha BSC nicht durchsetzen, hat bei der SpVgg Greuther Fürth nun aber sein Glück gefunden, ist beim Kleeblatt in der 1. Bundesliga gesetzt und zudem Kapitän.
Sascha Burchert (31) konnte sich bei Hertha BSC nicht durchsetzen, hat bei der SpVgg Greuther Fürth nun aber sein Glück gefunden, ist beim Kleeblatt in der 1. Bundesliga gesetzt und zudem Kapitän.  © picture point/Sven Sonntag

Sascha Burchert, Nils Körber, Dennis Smarsch, Luis Klatte und Richard Strebinger haben Hertha verlassen

Nils Körber (24, v.) ist ein weiterer Ur-Herthaner, hat bei den Profis aber keine Chance auf Einsätze.
Nils Körber (24, v.) ist ein weiterer Ur-Herthaner, hat bei den Profis aber keine Chance auf Einsätze.  © Stefan Bröhl

Gersbeck ist Herthaner durch und durch, verfolgte die Begegnungen der Profis in der Ostkurve und wäre deshalb auch eine Identifikationsfigur für die Fans gewesen. Wenn man nur auf ihn gesetzt und ihn nicht abgegeben hätte.

Ebenfalls chancenlos auf Einsätze ist der frühere U21-Nationalschlussmann Nils Körber (24), der bei der Alten Dame aktuell nur die Nummer drei ist, lediglich in der Regionalliga Nordost Praxis sammeln kann und den Verein deshalb vermutlich im kommenden Sommer, wenn sein Vertrag ausläuft, verlassen wird.

Diesen Weg sind Dennis Smarsch (22, FC St. Pauli), Luis Klatte (21, FC Hansa Rostock, beide frühere deutsche U19-Nationalkeeper), Sascha Burchert (31, Nummer eins bei der SpVgg Greuther Fürth), Richard Strebinger (28, erster Keeper des SK Rapid Wien, einst österreichischer Nationaltorwart) und der noch immer aktive Kevin Stuhr-Ellegaard (38, FC Helsingör) schon gegangen.

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Auf der Rechtsverteidiger-Position hat die Alte Dame hingegen nur einen Akteur hervorgebracht, der es zu den Profis schaffte: Yanni Regäsel (25), der aktuell vereinslos ist, aber bei weitem nicht mehr die Klasse für die 1. Liga hat. Dafür sind bei Hertha in der Innenverteidigung gleich mehrere exzellente Akteure hervorgegangen.

Jerome Boateng (33, r.) und John Anthony Brooks (28, 2.v.r.) in Herthas Innenverteidigung: Das hätte was!
Jerome Boateng (33, r.) und John Anthony Brooks (28, 2.v.r.) in Herthas Innenverteidigung: Das hätte was!  © dpa/Soeren Stache/Jeff Pachoud/AFP

Jerome Boateng und John Anthony Brooks im Abwehrzentrum von Hertha BSC - ein unerfüllter Traum!

Nico Schulz (28, l.), Christopher Lenz (27, M.) und Luca Netz (18) wurden allesamt bei Hertha BSC ausgebildet.
Nico Schulz (28, l.), Christopher Lenz (27, M.) und Luca Netz (18) wurden allesamt bei Hertha BSC ausgebildet.  © PICTURE POINT/Roger Petzsche/dpa/Friso Gentsch/Tom Weller

Mit Jordan Torunarigha (24), Marton Dardai (19) und Linus Gechter (17) stehen gleich drei von ihnen noch im aktuellen Kader. Immerhin. Sie könnten allerdings von zwei weiteren zentralen Abwehrspielern angeleitet werden.

John Anthony Brooks (28) ist Stammkraft und Leistungsträger beim VfL Wolfsburg, Jerome Boateng (33) schnürt für den französischen Spitzenverein Olympique Lyon die Stiefel. Mit dem tunesischen Nationalverteidiger Omar Rekik (19, FC Arsenal U23) hätte es einen weiteren veranlagten Akteur für diese Position gegeben - was für eine Auswahl!

Selbiges gilt auch für die linke Defensivseite, wo der inkonstante, aber pfeilschnelle Maximilian Mittelstädt (24) seit Jahren zwischen Ersatzbank und erster Elf pendelt. Leider gelang es den Verantwortlichen nicht, mit U21-Nationalkicker Luca Netz (18) eines der größten Talente seit Jahren zu halten. Er ist mittlerweile Stammkraft bei Borussia Mönchengladbach und dürfte seinen Weg gehen.

Mit dem einstigen deutschen Nationalspieler Nico Schulz (28, Borussia Dortmund), Christopher Lenz (27, Eintracht Frankfurt) und Lennart Czyborra (22, Arminia Bielefeld) stehen drei weitere frühere Hertha-Jugendakteure in der Bundesliga unter Vertrag. Der grundsolide Fabian Holland (30) ist eine Spielklasse tiefer Kapitän und Leader des SV Darmstadt 98 und wäre für die Breite ebenfalls eine gute Option gewesen.

Pure spielerische Klasse: Arne Maier (22, l.) und Hany Mukhtar (27) durchliefen beide die blau-weiße Nachwuchsschule.
Pure spielerische Klasse: Arne Maier (22, l.) und Hany Mukhtar (27) durchliefen beide die blau-weiße Nachwuchsschule.  © dpa/John Macdougall/AFP-POOL/Kevin Langley/CSM via ZUMA Wire

Arne Maier, Robert Andrich und Hany Mukhtar könnten die Mittelfeldzentrale bei Hertha BSC bilden

Lazar Samardzic (20, l.) konnte sich bei RB Leipzig nicht durchsetzen, kämpft aktuell bei Udinese Calcio um einen Platz in der ersten Elf. Robert Andrich (27, r.) war von 2003 bis 2015 Herthaner. Aktuell ist er bei Bayer 04 Leverkusen gesetzt.
Lazar Samardzic (20, l.) konnte sich bei RB Leipzig nicht durchsetzen, kämpft aktuell bei Udinese Calcio um einen Platz in der ersten Elf. Robert Andrich (27, r.) war von 2003 bis 2015 Herthaner. Aktuell ist er bei Bayer 04 Leverkusen gesetzt.  © PICTURE POINT/Roger Petzsche/Stefan Bröhl

Auch im Mittelfeldzentrum hätte Coach Pal Dardai (45) die Qual der Wahl, wenn alle noch aktiven Eigengewächse in Berlin geblieben wären. Auf der Doppelsechs schmerzt besonders der Abgang von U21-Kapitän, -Europameister und deutschem U19-Meister Arne Maier (22), der vor der Saison zum FC Augsburg gewechselt ist - schade!

An seiner Seite könnte Robert Andrich (27) auflaufen, der bei der Alten Dame ausgebildet wurde, bei den Profis aber nie eine Chance bekam, viele Umwege gehen musste und nach seinen starken Leistungen beim 1. FC Union Berlin nun bei Bayer 04 Leverkusen gesetzt ist. Mit Jonas Michelbrink (20) befindet sich darüber hinaus ein talentierter Mann im Blickfeld der Profis.

Auf der Zehn könnten gleich drei Edeltechniker mit hoher Spielintelligenz agieren. Hany Mukhtar (27) ist in den USA beim Nashville SC in Top-Form und wäre auch reif für die Bundesliga.

Lazar Samardzic (19) käme als sein Back-up infrage, verließ Hertha aber auf eigenen Wunsch, konnte sich bei RB Leipzig nicht durchsetzen und versucht sich nun bei Udinese Calcio in der Serie A. Mit Kevin-Prince Boateng (34) ist ein weiterer Routinier aus der damaligen goldenen Nachwuchsgeneration ebenfalls auf dieser Position beheimatet.

Deutlich geringer ist das Angebot auf den offensiven Außenbahnen. Hier hatten die Blau-Weißen zwar ebenfalls einige große Talente, die sich im Männerbereich aber (noch) nicht entscheidend durchsetzen konnten. Neben Joker Dennis Jastrzembski (21) käme am ehesten Palko Dardai (22) infrage, der in der 1. ungarischen Liga bei MOL Fehervar FC zum Stammpersonal zählt.

Maximilian Philipp und Jessic Ngankam als torgefährliche Doppelspitze bei Hertha BSC?

Sie könnten in vorderster Front für Tore sorgen: Maximilian Philipp (27, l.) und Jessic Ngankam (21).
Sie könnten in vorderster Front für Tore sorgen: Maximilian Philipp (27, l.) und Jessic Ngankam (21).  © dpa/Jan Woitas/dpa-Pool/Martin Meissner/AP-Pool

Im Sturm würde es mit Maximilian Philipp (27, Wolfsburg) und Jessic Ngankam (21), den man völlig unverständlicherweise an die SpVgg Greuther Fürth abgegeben hat, zwei treffsichere Angreifer geben. Mit Felicio Brown Forbes (30, Wisla Krakau) und Marco Djuricin (28, FK Austria Wien) hätte man zwei solide Leute in der Hinterhand. Klar ist: Mit einem solchen Kader würde sich Hertha tabellarisch wohl kaum so weit unten befinden ...

Titelfoto: dpa/Soeren Stache/Jeff Pachoud/AFP

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