Hertha jubelt über Rettung: "Man kann die Jungs wieder lieben"

Berlin - Grinsend übernahm Pal Dardai (45) das Geschenk (Zigarren) von Marketing-Boss Paul Keuter (46) entgegen. Der Hertha-Trainer hat es geschafft! Auch in seiner zweiten Amtszeit hat der Ungar Hertha BSC vor dem Abstieg bewahrt. Die Berliner jubeln nach einem chancenarmen 0:0 gegen den 1. FC Köln über den Klassenerhalt.

Hertha-Retter Pal Dardai (45, M.) feiert mit seiner Mannschaft den Klassenerhalt.
Hertha-Retter Pal Dardai (45, M.) feiert mit seiner Mannschaft den Klassenerhalt.  © Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa

Wer hätte gedacht, dass die Chaos-Saison mit vier Trainern, den Klinsmann-Tagebüchern und den nächsten Millionen-Transfers fast noch getoppt worden wäre?

Als Dardai auf den glücklosen Bruno Labbadia (55) folgte, setzen nicht wenige auf einen Hertha-Abstieg. Die Alte Dame hatte gerade mit 1:4 gegen Werder Bremen verloren und war nur noch zwei Punkte vom Relegationsrang entfernt.

Die Ergebnisse blieben zwar auch unter dem 45-Jährigen zunächst aus (nur ein Punkt aus den ersten fünf Spielen), doch der Ungar hat es geschafft, aus vielen tollen Einzelkönnern ein Team zu formen.

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Hertha ist wieder unbequem!

"Respekt an die Jungs, dass sie es schon am vorletzten Spieltag geschafft haben", lobte Dardai am Sky-Mikrofon den Auftritt seiner Elf. "Hier ist keiner hektisch geworden. Von Anfang an habe ich erklärt, was ich erwarte."

Ob der Retter aber auch in der neuen Saison weiter an der Seitenlinie steht, ist weiter unklar. "Ich bin ein Herthaner, dann können wir hier nicht über einen Wunsch reden", sagte der Ungar. "Ich habe auf jeden Fall bei Hertha BSC einen Job. Ich bin froh, dass ich ein Teil bin von dieser Familie." Die Entscheidung liegt am Ende bei Neu-Manager Fredi Bobic (49). Mit dem frühzeitigen Klassenerhalt hat er weiter Argumente gesammelt.

Hertha BSC seit acht Spielen ungeschlagen

Erlösung bei der Hertha. Sami Khedira (34/l.) umarmt Teamkollege Marton Dardai (19).
Erlösung bei der Hertha. Sami Khedira (34/l.) umarmt Teamkollege Marton Dardai (19).  © Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa

Noch vor vier Wochen sah es so aus, als würde sich einfach alles gegen Hertha wenden. Aufgrund eines Corona-Ausbruches musste die gesamte Mannschaft in Quarantäne. Mitten in der Saison und kurz vor dem Abstiegskracher beim 1. FSV Mainz 05 (1:1) konnte die Alte Dame zwei Wochen lang nur im Wohnzimmer trainieren.

Viele hatten die Berliner angesichts des Hammerprogramms von sechs Spielen in 20 Tagen bereits abgeschrieben. Für die Blau-Weißen scheint sich die Quarantäne jedoch gelohnt zu haben. Der Team-Spirit wurde noch einmal verstärkt, auch wenn die hohe Belastung sich bemerkbar macht.

Gegen Köln musste Dardai auf zehn Spieler verzichten. Allein mit Matheus Cunha (21), Jhon Cordoba (28), Krzysztof Piatek (25), Matteo Guendouzi (22), Sami Khedira (34) fehlten wichtige Stammspieler. Hinzu kamen die gesperrten Dodi Lukebakio (23) und Vladimir Darida (30).

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Hertha ließ sich von der Verletztenmisere allerdings nicht beeindrucken. Köln musste zwar gewinnen, schafften es aber in den gesamten 90 Minuten nicht, die diszipliniert verteidigenden Berliner in Bedrängnis zu bringen.

Nur einmal musste Alexander Schwolow (28) gegen Elvis Rexhbecaj eingreifen (17. Minute). Ansonsten blieb der Hertha-Keeper nahezu beschäftigungslos.

Hertha BSC feiert mit Nullnummer gegen den 1. FC Köln den Klassenerhalt

Herthas Verteidiger Niklas Stark (26) jubelt nach dem Schlusspfiff.
Herthas Verteidiger Niklas Stark (26) jubelt nach dem Schlusspfiff.  © Soeren Stache/dpa-Pool/dpa

Der Hauptstadt-Klub hingegen konnte mit dem Unentschieden gut leben, suchte dementsprechend nur selten den Weg nach vorne. Nachwuchsstürmer Jessic Ngankam (20) sorgte für den einzigen Torschuss der Berliner (39.).

Drei Tage zuvor war der 20-Jährige beim FC Schalke 04 noch der gefeierte Held. Sein Tor zum 2:1 war der wohl wichtigste Treffer der Saison. "Das Joker-Spiel bei Schalke war das wichtigste Spiel. Wenn wir dort nicht gewonnen hätten, dann hast du jetzt Probleme. Die Jungs haben es aber durchgezogen."

Rechtzeitig hat seine Mannschaft trotz aller Widrigkeiten wieder in die Spur gefunden. Die Alte Dame ist inzwischen seit nun schon acht Spielen ungeschlagen. Allein nach der Quarantäne holte der Hauptstadt-Klub starke neun Punkte (zwei Siege/drei Remis). "Ich bin stolz. Die Jungs haben sich geändert, sie haben gezeigt, dass sie eine Mannschaft sind. Man kann sie wieder lieben", so Dardai.

In der Schlussphase wurde es dann aber doch noch einmal brenzlig. Der Kölner Video-Keller meldete sich in der 89. Minute nach einer leichten Berührung von Jonas Michelbrink (19) an Ellyes Skhiri (26). Schiedsrichter Deniz Aytekin (42) schaute sich die Szene noch einmal an und blieb bei seiner richtigen Entscheidung - kein Elfmeter!

Weil Arminia Bielelfeld gegen die TSG 1899 Hoffenheim nur einen Punkt (1:1) holte und Werder ihren Abstiegskracher beim FC Augsburg (0:2) verlor, konnte Hertha mit der Nullnummer vorzeitig die Klasse sichern. Große Partystimmung herrschte bei den Spielern allerdings nicht. "Wir werden jetzt einen Cappuccino trinken im Hotel, und dann werden wir schlafen gehen", sagte Niklas Stark (26).

Sein Trainer war da schon etwas motivierter. Neben den geschenkten Zigarren wolle er auch ein Glas Rotwein genießen. Das hat er sich auch verdient!

Titelfoto: Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa

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