Herthas Status bröckelt weiter: Union jetzt die wahre Nummer eins in Berlin?

Berlin - "Seht ihr Hertha, so wird das gemacht!" Als wäre der harmlose Auftritt von Hertha BSC nicht schlimm genug, mussten die 2400 Gäste-Fans die Schmach der Union-Anhänger über sich ergehen lassen. Mit dem zu keiner Zeit gefährdeten 2:0 beim Berliner Derby geht die Wachablösung weiter. Seit nun schon zweieinhalb Jahren gibt es mit dem 1. FC Union einen neuen Sheriff in der Stadt - und der muckt weiter auf.

Perfekter Start für Union: Schon nach acht Minuten schoss Taiwo Awoniyi die Hausherren in Front.
Perfekter Start für Union: Schon nach acht Minuten schoss Taiwo Awoniyi die Hausherren in Front.  © Andreas Gora/dpa

Schon vor dem Aufeinandertreffen beschäftigten Medien und Experten nur eine Frage: Ist Union die neue Nummer eins in Berlin?

Jahrelang galt Hertha als "DER" Hauptstadt-Klub. Daran änderten weder ein Zwangsabstieg, triste Zweitligazeiten noch zwei Abstiege unter Michael Preetz (54) etwas. Doch nun scheint die Vormachtstellung tatsächlich zu bröckeln.

Union hat sich eindrucksvoll in der Liga etabliert. Nach dem Aufstieg führte Urs Fischer (55) den Underdog erst souverän zum Klassenerhalt und anschließend nach Europa. Auch in dieser Saison sind die Köpenicker voll auf Kurs. Mit 20 Punkten nach zwölf Spielen und Platz fünf sind die Eisernen derzeit so stark wie noch nie.

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Die eisernen Fans beanspruchen nach dem Derby-Sieg nun auch die Stadtmeisterschaft für sich, während die Herthaner auf das Rückspiel verweisen. Doch auch ohne den Titel ist die Tendenz klar.

Die Fakten sprechen für sich: Der Vorsprung auf den Stadtrivalen beträgt mittlerweile ganze sieben Zähler. Lediglich bis zum zweiten Spieltag der vergangenen Saison stand Hertha in der Tabelle vor dem Stadtrivalen. Das heißt: Seit 44 Spieltagen sieht die Alte Dame nur die Rücklichter - und wird sich daran weiter gewöhnen müssen.

Hertha BSC im Umbruch nach dem Umbruch, Union wieder auf Europapokal-Kurs

Alexander Schwolow (29/l.) war mit der Leistung seiner Vorderleute überhaupt nicht zufrieden. Die Wut bekommen Krzysztof Piatek (26/r.) und Peter Pekarik (35/M.) ab.
Alexander Schwolow (29/l.) war mit der Leistung seiner Vorderleute überhaupt nicht zufrieden. Die Wut bekommen Krzysztof Piatek (26/r.) und Peter Pekarik (35/M.) ab.  © Andreas Gora/dpa

Während Union wieder vom Europapokal träumen kann, geht es für Hertha maximal um eine sorgenfreie neue Saison. "Wir sind letztes Jahr fast abgestiegen. Obwohl alle gesagt haben, dass wir absteigen, haben wir uns gerettet und dann haben wir zehn Spieler abgegeben. Wir sind da, wo Union vor drei Jahren stand", erklärte Pal Dardai (45) auf der Pressekonferenz nach dem Spiel den Zickzack-Kurs seiner Mannschaft.

Auf einer ansprechenden Leistung wie gegen Bayer 04 Leverkusen (1:1) folgt oft der nächste Rückschlag. "Jetzt müssen wir uns erstmal finden, eine Achse bauen. Das dauert", so Dardai, der Hertha dennoch auf dem richtigen Weg sieht.

Von einer Wachablösung will der Ungar aber nichts wissen. Das machte er schon auf der Pressekonferenz vor dem Derby deutlich. "In der ewigen Tabelle steht Hertha BSC ganz oben."

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Dennoch ist auch der Hertha-Ikone der positive Werdegang der Köpenicker nicht entgangen. "Ich muss nicht viel rumlabern, sondern einfach dem Gegner gratulieren", sagte Dardai am Tag nach der Pleite, auch wenn es schmerze. "Es gibt keine Ausrede. Union Berlin, die machen das richtig gut und wir arbeiten weiter."

1. FC Union Berlin hat mit Taiwo Awoniyi einen Unterschiedsspieler

Pal Dardai (45) war mit der Offensivspiel seiner Mannschaft absolut unzufrieden. Der Ungar sieht Hertha durch die lange Bundesliga-Historie noch vor Union.
Pal Dardai (45) war mit der Offensivspiel seiner Mannschaft absolut unzufrieden. Der Ungar sieht Hertha durch die lange Bundesliga-Historie noch vor Union.  © Andreas Gora/dpa

Derzeit ist es allerdings so, als könne sich Hertha mehr von Union abgucken als andersrum. Die Eisernen setzten seit Jahren auf Konstanz, haben eine klare Spielidee, kaufen klug ein, setzten dabei nicht unbedingt auf große Namen, sondern auf Spieler, die in das System passen und haben mit Taiwo Awoniyi (24) das, was Hertha dringend gebrauchen kann: einen treffsicheren Stürmer.

Sein 1:0 war schon sein achtes Saisontor und dazu noch ein historisches. Der bullige Stürmer ist mit insgesamt 13 Buden nun der alleinige Rekordtorschütze der Eisernen.

Abheben wird in Köpenick trotz des derzeitigen Status als Nummer eins in der Stadt aber niemand. Dafür wird Urs Fischer (55) schon sorgen. An seiner Haltung ändert sich nichts. Der Schweizer denkt weiter nur von Spiel zu Spiel.

"Wir stehen für was, und für das, was wir stehen, sind wir gut gefahren. Was Neues reinbringen, das sehe ich nicht. Wir sind ein junger Bundesligist. Wir sind im dritten Jahr. Ich würde was anderes sagen, wenn wir seit 20 Jahren dabei wären und immer mal wieder europäisch dabei waren."

Wirklich gefeiert hat er den Derbysieg nicht. Der Fokus liegt bereits auf dem Conference-League-Spiel am Donnerstag (18.45/RTL+) bei Maccabi Haifa. "Ich war gegen elf Uhr im Bett", gab Fischer zu.

Titelfoto: Andreas Gora/dpa

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