Höhen und Tiefen! Nagelsmanns erstes Jahr als Leipzig-Trainer

Leipzig - Julian Nagelsmann war im Sommer 2019 nach zu RB Leipzig gekommen, um seine eigenen Ideen "on Top zu setzen". Nach einem Jahr beim Fußball-Bundesligisten hat der 32-Jährige bereits viel bewegt. Am Ziel ist er noch lange nicht. "Bayern und Dortmund sind noch vorn dran, wir haben noch einige Schritte zu gehen. Damit meine ich nicht nur die Spieler, sondern den ganzen Club. Das dauert ein paar Transferperioden, das dauert ein paar Jahre", sagte Nagelsmann.

Julian Nagelsmann (32) kann nach seinem ersten Jahr bei RB Leipzig durchaus zufrieden sein. Es gibt allerdings noch viel Luft nach oben.
Julian Nagelsmann (32) kann nach seinem ersten Jahr bei RB Leipzig durchaus zufrieden sein. Es gibt allerdings noch viel Luft nach oben.  © Jens Meyer/AP-Pool/dpa

TAKTIK

Die spielerische Weiterentwicklung hat Nagelsmann unbestritten umgesetzt. Man habe als "Mannschaft zeitweise Fußball gespielt wie noch nie", urteilte Timo Werner gerade im "Kicker". 

An dem zum FC Chelsea wechselnden Nationalspieler war die taktische und spielerische Verbesserung besonders augenscheinlich. 

Nagelsmann impfte dem Team Lösungen gegen tiefstehende Gegner ein ohne dabei die RB-DNA des aggressiven und emotionalen Spiels aufzugeben. 

"Allerdings sind wir zuletzt oft in alte Muster zurückgefallen", sagte Nagelsmann. 

"Wir werden deshalb in der nächsten Vorbereitung viele Dinge genauso machen wie in der letzten Vorbereitung. Denn vieles ist noch nicht in Fleisch und Blut übergangenen."

ANSPRACHE

Nagelsmann kommuniziert mit seinen Spielern inhaltlich schon aufgrund seines Alters von erst 32 Jahren auf Augenhöhe. Der Draht zur Mannschaft ist intakt und Nagelsmann hat oft gezeigt, auch in Halbzeitpausen die richtigen Worte zu finden. Der Coach scheute auch nicht davor zurück, seine Spieler öffentlich Maß zu nehmen. 

Mit unterschiedlichem Erfolg. Nach seiner Topteam-Kritik nach der Niederlage in Freiburg startete Leipzig eine Siegesserie, an deren Ende die Herbstmeisterschaft stand. Doch bei seiner Gipfelkreuz-Rede nach der Pleite in Frankfurt Ende Januar blieb ein ähnlicher Effekt aus. RB verlor zwar nur noch zweimal, spielte im Endeffekt aber zu oft Unentschieden.

TRANSFERS

Sieben neue Spieler holte RB im Sommer nach Leipzig. Bei Torwart Philipp Tschauner war von Anfang an klar, dass er eher als Leitwolf in der Kabine als auf dem Feld eingeplant ist. Von den anderen sechs Profis schlugen nur Christopher Nkunku und Rom-Leihgabe Patrik Schick voll ein. Ademola Lookman, Hannes Wolf und Ethan Ampadu spielten maximal eine Nebenrolle, Luan Candido ist zur Weiterbildung zurück nach Brasilien verliehen worden. Besser lief es im Winter. ManCity-Leihgabe Angelino war ein Volltreffer und wird weiter verpflichtet. 

Top-Talent Dani Olmo brauchte etwas Anlauf, erwies sich dann als Verstärkung. "Er hat sich total weiterentwickelt, was Robustheit angeht und ist defensiv fleißig", sagte Nagelsmann. "Er hat noch viel im Köcher, was die Torquote angeht. Er kann 15 Scorerpunkte sammeln."

Baustellen in der Sommerpause angehen

Das Erreichen des Champions League Viertelfinales ist der bislang größte Erfolg der noch jungen Leipziger Vereinsgeschichte.
Das Erreichen des Champions League Viertelfinales ist der bislang größte Erfolg der noch jungen Leipziger Vereinsgeschichte.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

ERFOLG

Das wichtigste Saisonziel, die erneute Qualifikation für die Champions League, hat RB unter Nagelsmann erreicht. Hinzu kommt der Einzug ins Viertelfinale der Königsklasse - hier hat der Trainer die Erwartungen übertroffen und Bonuspunkte gesammelt. 

Dass der DFB-Pokal bereits im Achtelfinale beendet war, ist ärgerlich, aber komplett verschmerzbar. 

Das Finale des Vorjahres hätte ohnehin nur der Pokalgewinn toppen können, was gegen die aktuell in Top-Form spielenden Bayern wohl eine noch unlösbarere Aufgabe geworden wäre. Nur ein Ende Mai selbstformuliertes Ziel, "die beste Saison der Vereinsgeschichte zu spielen", verfehlte Nagelsmann. Zwar landete er wie Vorgänger Ralf Rangnick mit 66 Punkte auf Rang drei, Ralph Hasenhüttl erzielte als Vizemeister in der Premierensaison 67 Zähler.

PERSÖNLICHKEIT

Nagelsmann hat sich - zumindest in seinen öffentlichen Auftritten - auch selbst im ersten Leipzig-Jahr weiterentwickelt. Nahm der Trainer in der Anfangsphase noch zu vielen Themen bereitwillig Stellung, so verwies er vor allem in der Rückrunde darauf, zu gewissen Themen lieber Experten reden zu lassen oder zu anderen Fragen mal lieber nichts zu sagen. Nagelsmann spürte zudem, dass in Leipzig ein anderes Anspruchsdenken als in Hoffenheim herrscht. "Ich muss weniger Unentschieden spielen, sonst wird es ein bissel unruhiger. Gefühlt haben wir deutlich mehr verloren", sagte der Trainer. Dabei hat RB analog zu Meister Bayern München nur vier Niederlagen hinnehmen müssen.

BAUSTELLEN

Das Verbesserungspotenzial wurde Nagelsmann gerade in der Rückrunde vor Augen geführt. Plötzlich schwächelte Leipzig wieder bei Standardsituationen, was durch die zweite Trainer-Ära von Ralf Rangnick eigentlich als erledigt angesehen worden war. Zudem kassierte Leipzig neun Gegentore ab der 87. Minute, was besonders nach der Corona-Pause zu Punktverlusten führte. "Am Ende muss man sich eben eingestehen, dass Bayern München und Borussia Dortmund zurzeit noch eine höhere Qualität und Konstanz haben. Das hat uns zur Realität zurückgeführt und gezeigt, dass wir noch einige Schritte zu gehen haben. Das wurde uns in der Rückrunde gerade in den letzten Spielen vor Augen geführt", sagte Kapitän Willi Orban "RBLive". 

Nagelsmann braucht in Zusammenarbeit mit Sportdirektor Markus Krösche außerdem eine höhere Trefferquote bei Transfers als im Sommer 2019. Das Problem der Kluft zum eigenen Nachwuchs wurde erkannt, analysiert und angegangen.

Titelfoto: Jens Meyer/AP-Pool/dpa

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