Meine Meinung zum Leistner-Eklat: Darf nicht passieren, schämen sollte sich jedoch ein anderer

Dresden - Was für ein berauschender Fußball-Abend im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Vor einer (momentanen) Rekord-Kulisse überrollt die SG Dynamo Dresden den Zweitligisten Hamburger SV mit 4:1 (2:0). Nach dem Spiel kommt es allerdings zum Eklat um Ex-Dynamo Toni Leistner (30). Fragen sind erlaubt, jedoch mit Sicherheit nicht nur in Richtung dieses Profis.

Sebastian Mai machte in der Nachspielzeit mit seinem Treffer zum 4:1 den Deckel drauf und den Sieg perfekt. Die Stimmung im Rudolf-Harbig-Stadion am Siedepunkt.
Sebastian Mai machte in der Nachspielzeit mit seinem Treffer zum 4:1 den Deckel drauf und den Sieg perfekt. Die Stimmung im Rudolf-Harbig-Stadion am Siedepunkt.  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Der Sieg auf dem Platz verdient, die Stimmung auf den Rängen atemberaubend. 

Nach einem halben Jahr hallte es endlich wieder wie gewohnt von den Rängen, und der Dresdner Anhang zeigte einmal mehr, trotz "nur" etwa 10.000 Fans, seine Einzigartigkeit im deutschen Fußball. Dynamo lebt!

Hinzu kommt: Auch wenn hier und da mal ein Mundschutz verrutscht sein sollte, das Konzept ging wohl voll auf. Die Dynamos im weiten Rund waren ähnlich gut gestaffelt wie die neu formierte Truppe von Trainer Markus Kauczinski (50), die Einstellung zum Spiel ebenso positiv aggressiv und voller Feuer.

Für einen Dresdner lief der Abend allerdings eher in eine komplett andere Richtung. Mit einer 4:1-Packung schied der Neu-Hamburger Toni Leistner mit seinem HSV sang- und klanglos aus dem DFB-Pokal aus.

Für ihn wirkte es beim Pflichtspiel-Debüt wie so häufig in den vergangenen Jahren bei der Raute: Pleiten, Pech und Hamburg.

Zum absoluten Eklat kam es dann allerdings erst nach dem Spiel. Kurz bevor der gebürtige Dresdner am Sky-Mikro Rede und Antwort stehen will, platzte es aus ihm heraus. 

Kurz vor dem Interview brennen dem Kicker die Sicherungen durch - verständlich?

Trug einst selbst das Trikot der Dynamos: Toni Leistner (30).
Trug einst selbst das Trikot der Dynamos: Toni Leistner (30).  © Thomas Eisenhuth/dpa

Leistner sprang über die Barriere, schob sich durch einige Fans und stürmte die Treppe hinauf auf einen Mann im weinroten Dynamo-Jersey zu. 

Diesen stieß er zu Boden, geigte ihm mit erhobenem Zeigefinger zwei Takte, bevor er dann wieder unsanft von ein paar Zuschauern und dem Sicherheitspersonal nach unten begleitet wurde.

Ein Ausraster, der beinahe schon an Eric Cantonas Tritt gegen einen Zuschauer im Januar 1995 erinnerte, auch wenn dieser Vergleich deutlich hinkt.

Grundsätzlich muss man festhalten: Das, wozu sich Leistner da hat hinreißen lassen, darf ihm nicht passieren. Darüber sollte letztlich auch nicht gestritten werden.

Was allerdings deutlich für den 30-Jährigen spricht: Er hat sich noch am gleichen Abend für seinen Ausraster entschuldigt, wies dabei auf die Emotionalität des Abends und des Spiels hin.

Vor allem aber auch darauf, dass er und vor allem seine Familie von dem Mann, der ihn so zur Weißglut brachte, bis er ihn schließlich attackierte, bis aufs Übelste beleidigt wurde.

Gesten und Worte weit unter der Gürtellinie

Man kann da anders reagieren, zweifelsohne. Ja, es sollte eigentlich an einem abprallen.

Jeder Kritiker Leistners fühle sich dann aber doch bitte mal in die Lage des Spielers versetzt. Die Worte und Gesten, die von dem "Fan" verwendet wurden, waren deutlichst unterhalb der Gürtellinie. Das belegen Handy-Aufnahmen wie auch Aussagen der Zuschauer drumherum.

Dass man nach einem solch berauschenden Sieg feiert, den Gegner vielleicht auch gerne etwas aufzieht, gehört dazu. Dass im Stadion und auf dem Feld auch gerne einmal Worte fallen, die man vielleicht auch nicht unbedingt Montagmorgen im Büro verwendet - geschenkt.

Jedoch die Familie und allen voran die schwangere Frau eines Spielers, dem man im Zweifel sogar vor einigen Jahren selbst noch zujubelte, derart zu beleidigen und zu verunglimpfen, da gehört schon einiges dazu. 

Allem voran wohl aber ein scheinbar gänzlich fehlendes Schamgefühl.

Leistner mit emotionalem Ausbruch, der für ihn spricht

Auf dem Feld lief es nicht rund für Leistner und den HSV. Noch in der Nacht entschuldigte er sich via Instagram für seinen Ausraster. (Bildcollage)
Auf dem Feld lief es nicht rund für Leistner und den HSV. Noch in der Nacht entschuldigte er sich via Instagram für seinen Ausraster. (Bildcollage)  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa , Screenshot/Instagram Toni Leistner

Die Reaktion Leistners zeigt wiederum eines ganz deutlich: Was er für ein Typ Mensch ist. Geradeaus, emotional und mit dem Herzen dabei. Einer, der kein Problem mit Kritik an seiner selbst hat, wohl aber mit Szenen wie diesen, die völlig Unschuldige treffen.

Leistner, ein Mann, der nun schon einiges von der Fußball-Welt gesehen hat und dennoch nicht vergisst, wo er herkommt. Nicht allzu lange ist es her, da half er seinem Jugendverein, dem SC Borea Dresden, finanziell aus der Corona-Patsche, zahlte die Trainergehälter der Jugendmannschaften (TAG24 berichtete).

Der Ausraster am Montagabend zeigt, wie sehr er Mensch geblieben ist, trotz seiner Verantwortung als Profi, trotz Vorbildfunktion. Menschen machen Fehler.

Die gern genommene Floskel, man solle sich gefälligst nicht so haben, schließlich verdiene man als Fußball-Profi genug, da könne man sich auch mal beschimpfen lassen, verbietet sich hier.

Es geht um ein Mindestmaß an Anstand.

Dynamo Dresden will Pöbel-Fan ausfindig machen

Hervorzuheben ist neben der Einsichtigkeit Leistners und den 99,9 % der positiv Verrückten im Dynamo-Stadion, die diesen Abend zu einem absoluten Spektakel machten, auch die Reaktion des Klubs. 

Dynamo will den Pöbel-Fan ausfindig machen (TAG24 berichtete). "Wir suchen die Person, weil wir diesen Vorfall so nicht stehen lassen wollen."

TAG24-Redakteur Eric Ranninger.
TAG24-Redakteur Eric Ranninger.  © TAG24

Man sollte Manns genug sein und sich zeigen. Man sollte über diesen Vorfall sprechen und ihn aus der Welt räumen.

"Echte Typen", die man heutzutage so häufig im Fußball sucht und von denen Leistner noch einer zu sein scheint, darf ein jeder sein, egal ob Spieler oder Zuschauer.

Titelfoto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa , Screenshhot/Twitter SGDMAtze TO

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