Kommentar: VfB-Präsident Vogt sagt seinen Gegnern mit Machtdemonstration den Kampf an

TAG24-Redakteur David Frey hält die Entscheidung von VfB-Präsident Claus Vogt, die Mitgliederversammlung zu verschieben, für richtig und sieht den Verein vor einem Kraftakt stehen, der seinesgleichen sucht.

Stuttgart - Lange hielt sich Präsident Claus Vogt (51) im Machtkampf beim VfB Stuttgart zurück, doch am heutigen Mittwochvormittag trat er mittels eines ausführlichen Statements wieder öffentlich auf - und zwar mit einer Machtdemonstration. Denn Vogt verschiebt die stark in der Diskussion stehende Mitgliederversammlung eigenmächtig nach hinten und sendet damit ein klares Signal - an seine Unterstützer, aber auch an seine Gegner.

Die Führungskrise beim VfB Stuttgart dreht sich längst nicht nur um Vorstandschef Thomas Hitzlsperger (38, l.) und Präsident Claus Vogt (51).
Die Führungskrise beim VfB Stuttgart dreht sich längst nicht nur um Vorstandschef Thomas Hitzlsperger (38, l.) und Präsident Claus Vogt (51).  © Tom Weller/dpa

Ursprünglich war angedacht, am 18. März die wegen Corona verschobene Versammlung des vergangenen Jahres in rein digitaler Form abzuhalten. Aufgrund der nach wie vor laufenden Aufklärung der Datenaffäre sowie dem vor sich hin schwelenden Machtkampf rund um den Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger (38) mehrten sich jedoch täglich die Forderungen, wonach die Veranstaltung nach hinten gezogen und als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden solle.

Die Mitglieder pochen auf Klar- und Wahrheit: Wurden Daten illegal weitergegeben und verarbeitet? Falls ja, waren hochrangige Vereinsvertreter in die Affäre involviert? Und müssen diese nach den Abschlussberichten der Esecon-Ermittler und des Landesdatenschutzbeauftragten Brink möglicherweise ihren Hut ziehen?

Ohne zufrieden stellende Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen eine Mitgliederversammlung auf Ach und Krach am 18. März durchzuziehen - und das auch noch digital, wo im Gegensatz zu einem realen Treffen kaum direkter Austausch möglich ist und ein verändertes Abstimmungsverhalten anzunehmen ist - entspricht nicht dem Ansinnen der Fans. Ebenso wenig wie dem von Claus Vogt.

VfB-Boss Hitzlsperger warnt vor Geisterspielen: "Dramatisch"
VfB Stuttgart VfB-Boss Hitzlsperger warnt vor Geisterspielen: "Dramatisch"

Deshalb machte der Präsident es genau wie bei der Aufklärung der Datenaffäre zur Chefsache, das Ganze voraussichtlich auf den 5. September zu verschieben und es mit der nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung zusammenzulegen.

Das Brisante dabei: Vogt teilte in seinem Schreiben mit, dass er dies trotz heftigem internen Gegenwind entschied.

Claus Vogt: "Wir befinden uns in der größten internen Krise, die dieser Verein erlebt hat"

Wolf-Dietrich Erhard ist der Vorsitzende des Vereinsbeirats beim VfB Stuttgart.
Wolf-Dietrich Erhard ist der Vorsitzende des Vereinsbeirats beim VfB Stuttgart.  © Maximilian Haupt/dpa

Nachdem er seine beiden Präsidiumskollegen Bernd Gaiser und Rainer Mutschler sowie den Vereinsbeirat mit seinen Argumenten und denen aus dem Mitgliederkreis, Fan-Clubs und Fan-Kreisen bezüglich einer Verschiebung konfrontierte, stellte er ein "weitgehendes Desinteresse" fest.

Demnach sollte erst gar keine Diskussion darüber aufkommen, die Versammlung zu verschieben. Vielmehr berichtet Vogt, dass ihm unter anderem auch vom Vereinsbeiratsvorsitzenden Wolf-Dietrich Erhard eine Deadline bis zum heutigen Mittwoch gesetzt wurde, sich unwiderruflich auf den 18. März einzuschießen.

Sollte dem so gewesen sein, dürften einige VfB-Mitglieder angesichts dieser Starrsinnigkeit langsam verzweifeln. Es muss als weiteres Indiz der tiefen Grabenkämpfe verbucht werden, an denen sich der Klub zerreißt. "Ich befürchte, wir befinden uns in der größten internen Krise, die dieser Verein in seiner auch in der Vergangenheit lebhaften Geschichte erlebt hat", so Vogt.

Sieg mit Signalwirkung? Silas lindert Stuttgarts Sorgen
VfB Stuttgart Sieg mit Signalwirkung? Silas lindert Stuttgarts Sorgen

Was dadurch aber auch bis zum letzten Mitglied mittlerweile durchgedrungen sein dürfte: Bei dem Machtkampf geht es nicht um Vogt vs. Hitzlsperger. Das fatale Problem ist die große Lagerbildung innerhalb der AG- und Vereinsgremien, die in den vergangenen Jahren zu einem Geschwülst herangewachsen ist und von der Datenaffäre hervorgebracht ihr hässliches Gesicht zeigt.

Der VfB-Präsident beweist, dass er auf den Tisch hauen kann

VfB-Präsident Claus Vogt hat die für 18. März 2021 angepeilte Mitgliederversammlung eigenmächtig nach hinten verschoben.
VfB-Präsident Claus Vogt hat die für 18. März 2021 angepeilte Mitgliederversammlung eigenmächtig nach hinten verschoben.  © Tom Weller/dpa

Präsident Claus Vogt macht mit seinem heutigen Statement einmal mehr unmissverständlich klar, dass er sich bis zuletzt für die Belange der Mitglieder des e. V., die ihn gewählt haben, einsetzt. Er hält dafür seinen Kopf hin und erwartet nach seinem Schreiben "gremienintern massive Kritik an meiner Person und meiner Entscheidung."

Diese Entscheidung, die Mitgliederversammlung zu verschieben und als Präsenzveranstaltung durchführen zu wollen, halte ich jedoch für die einzig richtige und auch indiskutable. Denn viele der Fragezeichen rund um die Datenaffäre und der darin möglicherweise involvierten Personen werden nicht unmittelbar nach den Abschlussberichten der Ermittler verschwinden. Ich würde sogar meinen, dass es dann erst richtig losgehen könnte.

Angesichts der hochbrisanten Themen, die den Verein beschäftigen und der Tragweite der Entscheidungen, die bei der Mitgliederversammlung zu fällen sind (u. a. die Wahl des Präsidenten), wäre der 18. März utopisch gewesen - und eine digitale Durchführung nicht angemessen.

Claus Vogt zeigt mit seinem Vorgehen heute, dass er auch "laut" kann. In der Vergangenheit hatte er bei den von der Stuttgarter Zeitung berichteten Schlichtungsgesprächen Kompromissbereitschaft gezeigt. Diesmal ging es jedoch scheinbar nur mit der Brechstange.

Der Präsident demonstriert seine Macht, doch er tut es begründet. Normalerweise würde ich an dieser Stelle jetzt wohl schreiben, dass es nun endgültig "vorbei mit den ruhigen Zeiten beim VfB Stuttgart" ist. Angesichts der vergangenen Wochen erübrigt sich das jedoch und es stellt sich vielmehr die Frage, welche Eskalationsstufe wohl als Nächstes bevorsteht.

Titelfoto: Tom Weller/dpa

Mehr zum Thema VfB Stuttgart: