Schach-WM: Beging einer der Sekundanten einen echten Anfängerfehler?

Dubai - Die Augen der Schach-Fans richten sich in diesen Tagen nach Dubai. Dort ermitteln Magnus Carlsen (31), der als bester Spieler der Welt gilt, und sein Herausforderer Jan Nepomniachtchi (31) den Weltmeister im Zweikampf auf 64 Feldern. Nach drei Partien steht es insgesamt Unentschieden (1,5:1,5). Das dritte Spiel war zeitlich gesehen das kürzeste des Duells und hielt doch einen echten Aufreger für die Denksport-Szene bereit.

Jan Nepomniachtchi (31) fordert in Dubai den Weltmeister heraus.
Jan Nepomniachtchi (31) fordert in Dubai den Weltmeister heraus.  © Kamran Jebreili/AP/dpa

Schach ist nicht erst im Jahr 2021 im Computer-Zeitalter angekommen.

Eine Vorbereitung ist auf Top-Niveau - noch dazu in einem WM-Kampf - ohne Maschinen nicht mehr möglich.

Eröffnungsvarianten werden von einem Team auf mögliche Neuerungen oder unangenehme Überraschungen gecheckt. Und dabei könnte einem Team-Mitglied von einem der beiden Spieler ein echter Anfängerfehler unterlaufen sein.

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Wie in der ersten Partie wurde auch die 3. Partie mit der Spanischen Eröffnung begonnen. Nach dem 20. Zug von Schwarz Läufer c8-e6 entstand eine Stellung im dynamischen Gleichgewicht, die bisher noch unbekannt war. Zwei Tage zuvor, das heißt am Tag der 1. Partie, war die Stellung allerdings in einer Cloud Engine aufgetaucht, verrieten die Kommentatoren beim englischsprachigen Stream von Chess24.

In einer Cloud Engine werden Varianten von Usern abgespeichert, die diese daheim analysieren. Zudem ist es bei Bedarf so möglich, eine größere Rechenleistung als am heimischen PC nutzen zu können. Wer nicht daran interessiert ist, dass alle Zugriff auf die analysierten Züge haben, kann den Varianten-Check privat durchführen lassen. Doch diese Einstellung war hier nicht gewählt worden.

Partiestellung zwischen Nepomniachtchi und Carlsen nach dem Läuferzug von c8 nach e6

In der Live-Übertragung auf Chess24 wurde verraten, dass die hier zu sehende Position bereits zwei Tage zuvor mit einer Cloud Engine gecheckt wurde. Kann das Zufall sein?
In der Live-Übertragung auf Chess24 wurde verraten, dass die hier zu sehende Position bereits zwei Tage zuvor mit einer Cloud Engine gecheckt wurde. Kann das Zufall sein?  © Screenshot Chess24.com

Live-Übertragung der 3. Partie zwischen Jan Nepomniachtchi und Magnus Carlsen inklusive Eröffnungs-Leak

Was Carlsen und "Nepo" auf einen möglichen Eröffnungs-Leak in der Pressekonferenz antworteten

Magnus Carlsen (31) möchte seinen Weltmeisterschafts-Titel verteidigen. Nicht umsonst gilt er als stärkster Schachspieler der Welt.
Magnus Carlsen (31) möchte seinen Weltmeisterschafts-Titel verteidigen. Nicht umsonst gilt er als stärkster Schachspieler der Welt.  © Kamran Jebreili/AP/dpa

Hatte also das Team von einem der beiden Spieler die Position nach dem Läuferzug nach e6 klug antizipiert, die Stellung jedoch öffentlich einsehbar gecheckt? Dann würde es sich hier um ein peinliches Versehen handeln, das einem der Sekundanten der beiden Spitzenspieler hier unterlief.

Die Gegenseite hätte nur in der Cloud Engine stöbern müssen, um auf die Stellung zu stoßen. Jeglicher Überraschungseffekt in der Vorbereitung wäre damit dahin gewesen.

In der WM-Partie zog der Weißspieler im 21. Zug den Bauern nach h3. 20 Züge später einigten sich die Spieler auf ein Remis, wurden in der Pressekonferenz aber natürlich zum möglichen Eröffnungs-Leak befragt.

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"Falls jemand aus Deinem Team dies analysiert hat, ohne den privaten Modus zu wählen, wie hättest Du reagiert?", wollte einer der Journalisten von beiden Spielern wissen. Beide mussten schmunzeln.

"Ich denke nicht, dass einer von uns diese Frage wirklich beantworten kann", antwortete der lachende Magnus zuerst. "Nepo" hielt es sogar für möglich, dass es sich hier um "Zufall" handeln würde.

Der Fall erinnert ein wenig an den letzten WM-Kampf Carlsens gegen den Italiener Fabiano Caruana (29) im Jahr 2018. Währenddessen tauchte ein Video auf YouTube auf, das den italienischen Spitzenspieler bei der Vorbereitung auf das Match mit seinen Sekundanten zeigte. Dabei war jedoch dummerweise auch das Notebook Caruanas zu sehen, wo gerade eine Datenbank mit bestimmten Varianten geöffnet war.

Am heutigen Dienstag wird Magnus Carlsen 31 Jahre alt. Die Live-Übertragung der 4. Partie beginnt ab 13.30 Uhr (MEZ).

Titelfoto: Kamran Jebreili/AP/dpa

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