Polizei durchforstet Stammbäume der Stuttgart-Randalierer: Shitstorm auf Twitter

Stuttgart - Nach den Krawallen von Ende Juni durchforstet die Polizei die Stammbäume der Tatverdächtigen (TAG24 berichtete). Auf Twitter sorgt das Thema am Sonntag für einen veritablen Shitstorm.

Polizisten in Schutzmontur in der Nacht auf den 21. Juni.
Polizisten in Schutzmontur in der Nacht auf den 21. Juni.  © Simon Adomat/dpa

Ganz Deutschland debattierte, nachdem in der Nacht auf den 21. Juni Hunderte junger Männer (überwiegend mit Migrationshintergrund) in der Stuttgarter Innenstadt randalierten, Geschäfte plünderten und die Polizei angriffen. 

Dabei wurde etwa "Allahu Akbar" oder "Fuck the Police" geschrien, die Ordnungshüter als "Hurensöhne" beschimpft. Insgesamt 20 Haftbefehle ergingen, derzeit sitzen noch 14 Männer ein (TAG24 berichtete).

Im Stuttgarter Gemeinderat berichtete Polizeipräsident Franz Lutz (65) nun, dass man auch bei den Tatverdächtigen mit deutschem Pass Stammbaum-Recherchen betreiben werde. Dabei sollen Landratsämter helfen.

Für das Vorgehen gab es deshalb sowohl Lob als auch Kritik. Die Polizei selbst verwies auf das öffentliche Interesse an den Krawallen.

"Die grundlegende Erhebung personenbezogener Daten bemisst sich an der Schwere des Delikts, hier kommt dazu, dass ganz Deutschland auf den Fall blickt", zitieren die Stuttgarter Nachrichten einen Pressesprecher.

Demnach würden Fragen gestellt wie etwa: Wer waren die Täter, politisch, geschlechtlich, welche Nationalität, Migrationshintergrund oder nicht? Letzteres sehe man bei "einem Elternteil ohne deutsche Staatsbürgerschaft" erfüllt.

Welche Bedeutung haben die Pässe der Eltern? "Beim Jugendstrafrecht kann es zum Beispiel schon eine Rolle spielen, ob ein Angeklagter aus einem Kriegsgebiet kommt“, so der Sprecher.

Auf Twitter sorgt die #Stammbaumforschung für Wirbel

Seit den Randalen zeigt die Polizei in Stuttgart verstärkt Präsenz, wie etwa hier am letzten Wochenende.
Seit den Randalen zeigt die Polizei in Stuttgart verstärkt Präsenz, wie etwa hier am letzten Wochenende.  © Christoph Schmidt/dpa

Auf dem sozialen Netzwerk Twitter sorgt das Vorgehen für lebhafte Diskussionen. Am Sonntagvormittag trendete dort der Hashtag #Stammbaumforschung auf Platz 1.

Ein User mutmaßt: "Und wenn wir Stammbaumforschung betreiben bei Verdächtigen, ist der Ariernachweis auch nicht mehr weit." Er fordert: "Wer das angeordnet hat, sollte entlassen werden und zwar ohne Bezüge."

Ein anderer Nutzer fragt das Stuttgarter Polizeipräsidium: "Und worauf muss ich mich dann als Verdächtiger einstellen? Wird nur bis zum ersten Kanak in der Ahnenreihe geforscht, oder grundsätzlich soundso viele Generationen?"

Wiederum ein weiterer fühlt sich ans Dritte Reich erinnert und berichtet aus seiner Familiengeschichte: "Mein Großvater wurde als 'Mischling ersten Grades' von den Nazis diskriminiert. die Nazis waren besessen von der 'Reinheit des dt. Blutes'. In diese Tradition stellt sich die Stuttgarter Polizei, wenn sie Stammbaumforschung betreibt."

Allerdings erfährt die Maßnahme auch Zuspruch. "War ja klar, dass wieder alle Schnappatmungen bei der Stammbaumforschung bekommen", kommentiert ein Nutzer etwa. Er fragt: "Wo ist Euer Problem? Es wird doch bei allen Tätern gemacht. Oder haben da Leute Angst, dass was rauskommt, was nicht rauskommen darf und die die 2015 gewarnt haben nachher recht haben?"

An anderer Stelle schreibt ein User: "Stammbaumforschung trendet dann, wenn linke Bessermenschfanatiker zwanghaft und verzweifelt versuchen, von den Straftaten und der entsprechenden Tätergruppe in Stuttgart abzulenken, obwohl es allein um deren Aufklärung geht!"

Und schließlich kommentiert ein weiterer: "Angst, dass der Pöbel erfährt, dass 99% der Stuttgart-Randalierer zumindest einen nicht-deutschen Elternteil haben?"

Update: 15.30 Uhr

Strobl stärkt Polizei den Rücken

Innenminister Thomas Strobl.
Innenminister Thomas Strobl.  © Sebastian Gollnow/dpa

In einer Mitteilung, die das Innenministerium am Sonntagnachmittag verschickte, wird Minister Thomas Strobl (60, CDU) folgendermaßen zitiert: "Die Feststellung der Lebens- und Familienverhältnisse ist ein Teil der polizeilichen Ermittlungen, das ist eine Selbstverständlichkeit in einem Strafverfahren." 

Insofern stehe Strobl auch in diesem Punkt zur Arbeit und hinter der Polizei. Und weiter: "Die Ausschreitungen in Stuttgart lassen ein bislang unbekanntes Gewalt- und Eskalationspotential der Beteiligten erkennen." 

Daran richteten sich auch die Maßnahmen zur justiziellen und polizeilichen Aufarbeitung aus und deswegen würden alle Umstände in die Bewertung einbezogen, "die für die Sanktionierung, aber auch die Prävention von Bedeutung sind". 

Die Stuttgarter Polizei ermittele im Strafverfahren auch zu den Lebens- und Familienverhältnissen der identifizierten Tatverdächtigen. "Deshalb wird in einzelnen Fällen die Nationalität der Eltern von Tatverdächtigen durch Anfragen beim Standesamt erhoben, um zu klären, ob ein Migrationshintergrund gegeben ist", so Strobl. Dieser liege dann vor, wenn es sich bei einem Elternteil um eine Nichtdeutsche oder einen Nichtdeutschen handele. 

"Der Begriff 'Stammbaumforschung' ist da fehl am Platze", stellt der Innenminister klar. "Unsere Polizei arbeitet professionell und korrekt." Zusätzlich zu der strafrechtlichen Aufarbeitung unter Einbeziehung aller persönlichen Umstände der Tatverdächtigen gehe es auch darum, geplante Präventionsmaßnahmen an der jeweiligen Zielgruppe orientiert maßgeschneidert umzusetzen. 

Und: "Nicht zuletzt sollen für eine breite öffentliche Diskussion gegebenenfalls eindeutige und verlässliche Informationen zu den Tatverdächtigen kommuniziert werden können. Dazu kann freilich auch die Herkunft bei Tatverdächtigen gehören."

Titelfoto: Montage: Screenshots Twitter, Simon Adomat/dpa

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