"Geld oder Tod": Durch Corona gestrandet, dann kam der Krebs

Stuttgart - Oleksandr Shytiuk (55) besuchte seinen Sohn in Stuttgart, wie er das viele Jahre zuvor auch immer gemacht hat. Doch dieses Mal sollte es kein kurzer Urlaub werden, sondern ein langer Aufenthalt, denn plötzlich ging es dem Mann sehr schlecht und die Diagnose wurde für die Familie zum Horrortrip. TAG24 hat sich mit ihm und seinem Sohn zum Video-Interview getroffen. 

Vater Oleksandr Shytiuk (55) liegt in einem Krankenhaus in Stuttgart.
Vater Oleksandr Shytiuk (55) liegt in einem Krankenhaus in Stuttgart.  © Familie Shytiuk

Alexander Shytiuk (28) zog es vor etwa sieben Jahren von der Ukraine nach Deutschland. Die Welt entdecken, etwas Neues sehen war damals sein Ziel und er absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Jugendherberge in Frankfurt. 

Anschließend blieb Alexander für ein Studium an der Hochschule der Medien im Online-Medienmanagement und fand schließlich einen Job am Forschungsinstitut des Frauenhofer IPA in Stuttgart

Mehrmals im Jahr besuchte ihn sein Vater Oleksandr aus der ukrainischen Stadt Odessa in seiner neuen Heimat. 

So auch dieses Jahr: Er landete im März 2020 in Stuttgart. Kurz darauf breitete sich das Coronavirus immer weiter aus und die Grenzen wurden geschlossen. Oleksander freute sich zunächst, etwas mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen zu können. 

Die beiden gingen spazieren, aßen zusammen, schauten Filme und genossen die geschenkte gemeinsame Zeit. "Ich war am Anfang froh, dass es so ist", sagt Alexander. Der Vater sorgte sich zwar um seine Stelle als Bibliothekar, dennoch genoss auch er die Vater-Sohn-Zeit. 

Anfang Mai bekam er plötzlich Schmerzen. Alexander erinnert sich noch genau an diesen Moment und legt seine Hand beim Erzählen auf die Brust: "Wir haben einen Film geschaut und dann kam es, ganz plötzlich".

Ohne Krankenversicherung in Deutschland

Oleksandr Shytiuk ist von seiner Krebserkrankung gezeichnet, hat viel abgenommen und seine Haare verloren.
Oleksandr Shytiuk ist von seiner Krebserkrankung gezeichnet, hat viel abgenommen und seine Haare verloren.  © Familie Shytiuk

Zunächst gingen beide von einer Magenverstimmung aus, die diese schrecklichen Schmerzen in der Magen-Gegend auslösten. Nach zwei Wochen Warten gingen sie zu einem Arzt. "So konnte es nicht weitergehen", sagt Alexander, der sich zu recht Sorgen um seinen Vater machte. 

Die Hausärztin schickte Oleksandr Shytiuk in ein Krankenhaus, wo ein Ultraschall Gallensteine aufzeigte. 

Familie Shytiuk atmete auf - zwei Wochen später sollte die Galle herausoperiert werden und dann sollte der Vater schnell wieder fit sein. Die Kosten für den Eingriff trug Sohn Alexander, denn der Vater hatte lediglich für die geplante zweiwöchige Reise eine Auslandskrankenversicherung und in Deutschland aufgrund seines Aufenthaltsstatus kein Recht auf eine deutsche Krankenversicherung. 

Die rund 4500 Euro für die Gallen-OP im Juni zahlte der Sohn von seinem Ersparten. "Das war meine ganze Ersparnis in zwei Berufsjahren", erklärt Alexander. 

Er war einfach nur froh, dass seinem Vater geholfen werden konnte. "Es ging ihm zwar besser, doch die Schmerzen blieben", sagt Alexander betroffen. Zunächst ging die Familie davon aus, dass dies die Nachwirkungen der OP waren. "Zwei Wochen später fängt der Horror an", erinnert sich Alexander. 

Der Vater wurde jeden Tag schwächer. Aufgrund der Schmerzen konnte er kaum noch essen und nahm 15 Kilogramm ab, bis er nur noch 54 Kilogramm wog. An eine Rückreise in die Ukraine war nicht mehr zu denken. "Der allgemeine Zustand verschlechterte sich", sagt der Sohn. 

Die Hausärztin bescheinigte Oleksandr, dass er nicht mehr transportfähig war. Den Rückflug in die Ukraine stornierte der Sohn und beantragte im August die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung des Vaters.

Mit Spendenaktion versuchen sie das Leben zu retten

Ein Foto aus glücklicheren Tagen: Vater und Sohn verbringen Zeit zusammen.
Ein Foto aus glücklicheren Tagen: Vater und Sohn verbringen Zeit zusammen.  © Familie Shytiuk

Ende August wurde Vater und Sohn im Krankenhaus die Schock-Diagnose mitgeteilt. Ein Arzt sagte, er habe schlechte Nachrichten. "Ich habe mit allem gerechnet, außer Krebs", erinnert sich Alexander an den Moment. 

Dabei ernähre sich sein Vater gesund und auch in der Familie sind keine Krebserkrankungen bekannt. 

Die Ärzte führten eine Magenspiegelung durch,  entnahmen Gewerbe und dann stand die Diagnose fest: ein diffuses großzelliges B-Zell Lymphom im 4. Stadium. Hinter dem sperrigen Wort steckt eine aggressive Krebsform. Der Vater braucht eine Krebsbehandlung, Kostenpunkt 50.000 Euro. Es ist schwierig vorauszusagen, wie die Behandlung mit einer solchen Diagnose verlaufen wird. 

Als der Vater das Krankenhaus verließ, fragte er seinen Sohn: "Wie lange habe ich noch zu leben?" Alexander erinnert sich: "Es war unerträglich". 

Der Sohn setzte alle Hebel in Bewegung, stellte sich bei Krebsberatungsstellen, Sozialamt, Ausländerbehörde, ukrainischem Konsulat und anderen Organisationen vor, doch die Behandlung des Vaters in Deutschland wird nicht bezahlt. "Es war ein Kampf zwischen Geld oder Tod". Seine letzte Hoffnung ist nun ein Spendenaufruf, um das Leben seines Vaters mit einer Behandlung zu retten. Inzwischen sind über die Hälfte des benötigten Geldes gespendet worden. Die ersten zwei von sechs Zyklen der Chemotherapie haben begonnen und der Vater schafft es kurz an den Bildschirm zu kommen. 

Oleksandr ist gezeichnet, hat sein volles Haar verloren und einiges an Gewicht und trotzdem ist er voller Hoffnung: " Ich halte die Ohren steif. Es ist noch zu früh, um zu sagen, dass die Behandlung Erfolg hat", übersetzt der Sohn für seinen Vater, der nur einzelne Wörter Deutsch spricht. 

Beide hoffen nun, dass der Vater wieder gesund wird. Die Aufenthaltsgenehmigung werden sie nochmals versuchen zu verlängern. "Ich bin unendlich dankbar, dass mein Vater behandelt werden kann", sagt er und hofft, dass auch das restliche Geld für die Behandlung in den nächsten Wochen zusammen kommt. 

Titelfoto: Familie Shytiuk

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