DJ-Set über den Dächern Stuttgarts: So überleben Künstler die Corona-Krise

Stuttgart - Kleinkünstler verlieren wegen der Corona-Krise Einnahmen wegen abgesagter Auftritte. Jetzt ist einmal mehr Kreativität gefragt. Und Not macht bekanntlich erfinderisch.

Wegen der Corona-Pandemie gibt es kein Publikum. 
Wegen der Corona-Pandemie gibt es kein Publikum.  © Privat/Brian Zajak/dpa

Während das Tageslicht weicht und die Dämmerung hereinbricht, fängt auf einer Terrasse im Stuttgarter Westen die Arbeit von DJ Tim Tenckhoff an. Normalerweise blickt er den Menschen bei seiner Arbeit in die Augen, riecht den Schweiß der Tanzenden. 

Wegen der Corona-Krise schaut er nun in eine Kamera, die seine elektronischen Klänge zu einigen Hundert Zuschauern bei Facebook überträgt. 

Tenckhoff ist der erste Künstler bei den "Stuttgart Rooftop Streams", einer Notlösung in Zeiten der Krise.

Die Kulturbranche leidet an den Folgen der Corona-Pandemie. Auftritte werden abgesagt oder verschoben, Messehallen sind verwaist, und den Künstlern brechen die Einnahmen weg. 

Brian Zajak organisiert die "Stuttgart Rooftop Streams" und tritt als DJ auf. In der aktuellen Corona-Krise will Zajak eine Plattform für Künstler schaffen. Er fragt einen Freund, der ihm seine Terrasse mit schönem Ausblick im Stuttgarter Westen für die Video-Übertragungen überlässt.

Zajak muss kurz schlucken, als eine europaweite Tour, die im April beginnen sollte, verschoben wird - er wäre der Voract zu einem bekannteren Künstler gewesen. Auch die meisten Festivals im Sommer stehen auf der Kippe. Sein hauptsächliches Einkommen erhält er durch diese Auftritte: "Mehrere Tausend Euro gehen mir verloren", sagt der 23-jährige. Der Neuling spielt elektronische Musik: Deep House.

Teilweise spielen bei den Auftritten zwei DJs. "Das ist manchmal schwierig mit dem Sicherheitsabstand", sagt Zajak. Die Zuschauer der Übertragungen können über einen Link Geld spenden - aber nicht nur an Zajak und seine drei Mitstreiter, sondern auch an andere kulturelle Einrichtungen in Stuttgart. Bisher seien aber nur etwa hundert Euro an das Team geflossen.

Nicht absagen, sondern verschieben

DJ Tim Tenckhof legt auf einer Dachterrasse auf. 
DJ Tim Tenckhof legt auf einer Dachterrasse auf.  © Privat/Brian Zajak/dpa

Auch bei den Kleinkünstlern in Gaggenau nahe Baden-Baden musste man kreativ werden. Dort gilt das Credo: "Nicht absagen, sondern verschieben." Das sagt Heidrun Haendle, Chefin vom städtischen Kulturamt. 

Haendle veranstaltet verschiedene Kabarett, Theater-, und Musikveranstaltungen auf der privat betriebenen Bühne in der Luisenstraße. Bülent Ceylan oder Harald Schmidt sorgten dort für die ersten Lacher in ihrer frühen Karriere. Jetzt geht es darum, den Laden am Laufen zu halten, wie sie sagt. Zwischen Oktober und März sei es noch gut gelaufen, so Haendle: "Fast jede zweite Veranstaltung war ausverkauft". Haendles Trumpf: Die, die der Bühne vorher die Treue hielten, wollen ihre Karten aus Solidarität behalten.

Die Frage, wie man denn helfen könnte, beschäftigte auch vier Stuttgarter: Der frühere Journalist Joachim "Joe" Bauer, Linken-Politiker Tom Adler, Festival-Organisator Goggo Gensch und Peter Jacobeit setzten sich zusammen. So entstand die Idee der Künstlersoforthilfe für Stuttgart. "Das war unser Versuch, ein Zeichen auch für andere zu setzen, etwas in der Krise zu tun", erzählt Bauer. Das Prinzip: Ein Künstler meldet sich per Mail und erhält nach einer kurzen Prüfung unbürokratisch Geld. "In der Regel bekommt jeder 300 Euro", so Initiator Bauer. Die Stuttgarter finanzieren dies aus eigener Tasche und jetzt zunehmend aus Spenden.

Bislang konnte laut Bauer etwa 150 Künstlern geholfen werden, 50.000 Euro wurden bis Mittwochnachmittag eingesammelt. Auch aus anderen Teilen Deutschlands bekommt die Soforthilfe Anfragen. "Künstler aus Rostock und Berlin mussten wir ablehnen. Auch DJ Brian Zajak hat die Hilfe der privaten Initiative angenommen.

Das es nicht immer so schnell geht beweist die Geschichte vom Musiker Berti Kiolbassa. In der "Stuttgarter Zeitung" kritisiert er die bürokratische Hilfe für Künstler des Landes Baden-Württemberg. Grundsätzlich richtet sich diese staatliche Hilfe an existenziell bedrohte Künstler und kulturelle Einrichtungen.

Die Hotlines sind anfangs überlastet, und auch beim Hochladen der Anträge kommt es zu Problemen. Der Grund dafür liegt laut einem Sprecher des Wissenschaftsministeriums an der "immensen Fülle der Anfragen" - pro Stunde sollen etwa 6000 Anträge eingegangen sein. Kunststaatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) findet, dass der Antrag sehr übersichtlich gestaltet und nicht zu komplex ist. Sie entgegnet: "Aber auch wenn Hilfe sehr schnell und unbürokratisch kommen soll, sind gewisse Mindestangaben unverzichtbar, schließlich geht es darum, staatliche Mittel zur Verfügung zu stellen."

Auf der Homepage hat das Ministerium dann doch nachgebessert und will fortlaufen aktualisierte Informationen einstellen. Konkret sollen den Künstlern und Einrichtungen bis zu fünf Personen etwa 9000 Euro ausbezahlt werden. Betriebe mit fünf bis sechs Personen sollen bis zu 15.000 Euro bekommen, und künstlerische Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigen sollen die maximale Förderhöhe von 30.000 Euro bekommen.

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Titelfoto: Privat/Brian Zajak/dpa

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